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Tagblatt Online, 06. Januar 2010 01:02:07

Ein Krieg, der immer neue Kriege gebiert

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Al-Shabaab-Kämpfer paradieren bei Mogadiscio: Die mit Al Qaida verbündete somalische Miliz hat dem Terrornetzwerk in Jemen Unterstützung angeboten. (Bild: Bild: rtr/Feisal Omar)

Afghanistan, Somalia, Jemen – drei Länder, eine Geschichte. Rivalisierende, ethnische, religiöse oder militärische Gruppen haben den Staat ersetzt. Das macht diese Länder zu Bastionen des Jihadismus und zu Frontstaaten im «Krieg gegen den Terrorismus». Von Walter Brehm

Als Antwort auf den Jihad-Terror vom 11. September 2001 hat der ehemalige US-Präsident Bush den internationalen Krieg gegen den Terrorismus proklamiert. Politisch ist er von der Vorstellung getragen, die euro-amerikanische Gesellschaftsordnung sei ein global gültiges Muster. Militärisch gilt die Doktrin: «Der Feind meines Feindes ist mein Freund.»

Das Beispiel Afghanistan

Dass es beim Export westlicher Werte nicht zwingend um Demokratie gehen muss, zeigt das Beispiel Afghanistan. Während des Kalten Krieges ging es darum, dem Kommunismus Paroli zu bieten. Als Alliierte galten alle islamischen Fraktionen, die sich dem gottlosen Sowjetimperialismus in den Weg stellten. Deren Vorstellungen von Menschenrechten, Gleichstellung der Geschlechter und Freiheit spielten dabei keine Rolle.

Ohne direkt zu intervenieren, rüsteten die USA alle «Gotteskrieger» mit modernstem Kriegsgerät aus, bis die Rote Armee kapitulierte. Doch die religiösen Eiferer konnten sich die Macht nicht teilen und stürzten Afghanistan in einen perspektivlosen Bruderkrieg. Für die USA galt es einen Feind dieser neuen Feinde zu finden. Fündig wurde man in Pakistan, wo der Machtkampf der Nachbarn das Gleichgewicht zwischen Islamisten und säkularer Staatsführung bedrohte: Es war die Geburtsstunde der Taliban, vom pakistanischen Geheimdienst aus der Taufe gehoben.

Vor allem die USA «übersahen» dabei, dass das afghanische Zerwürfnis eher ethnisch denn religiös begründet war und die Kraft der Taliban nur daraus erwuchs, dass sie sich ausschliesslich aus der grössten Ethnie des Landes rekrutierten – den Paschtunen. So konnten die Taliban zwar andere paschtunische Kriegsfürsten verdrängen, aber nie jene der Tadschiken und Usbeken im Norden des Landes. Dazu kam ein zweites Erbe des Krieges gegen die Rote Armee zum Tragen. Der Kampf gegen die gottlosen Kommunisten hatte Islamisten aus aller Welt nach Afghanistan gelockt.

Sie galten den Taliban auch dann noch als unantastbare Gäste, als sie unter dem Logo Al Qaida einen weltweiten Jihad zu führen begannen. Das Fanal, das den Westen aufweckte, war nicht die Massenhinrichtung Ungläubiger in Kabul oder die Unterdrückung afghanischer Frauen, sondern der von den Taliban ermöglichte Al-Qaida-Terror in den USA.

Um die Taliban loszuwerden, suchte Washington in Afghanistan wiederum deren Feinde – die Tadschiken und Usbeken. Sie wurden zur neuen lokalen Speerspitze des Westens. Doch Afghanistan blieb auch nach dem Sturz der Taliban, was es zuvor schon gewesen war – ein ethnisch zerklüftetes Gebiet, einig nur im Widerstand gegen den verordneten westlichen Musterstaat.

Das Beispiel Somalia

Auch am Horn von Afrika war ein Staat zerfallen – Somalia nach dem Sturz der Militärdiktatur Siad Barres 1991. Das Land versank in einem jahrelangen Krieg rivalisierender Clans und Stammesführer. Afghanisches Leiden in einem moslemischen Land Afrikas. Motiviert durch das Beispiel der Taliban, versuchte die «Bewegung islamischer Gerichte» eine machtlose, aber vom Westen gestützte Regierung durch ein rigides religiöses Regime zu ersetzen.

Zwar hatten die Kriege in Afghanistan und Irak inzwischen die amerikanische Militärmacht an ihre Grenzen gebracht. Doch der Glaube an die globale Gültigkeit westlicher Modelle war ungebrochen. Die USA versuchten ein afrikanisches «Talibanistan» mit einem «Auftragskrieg» zu verhindern. Äthiopien – kein demokratisches Vorbild, aber westlich orientiert – sollte die bereits geschlagene somalische Übergangsregierung militärisch retten. Ein Unterfangen, das kläglich scheiterte. Washington musste akzeptieren, dass Teile der «Bewegung islamischer Gerichte» – zu «gemässigten Islamisten» umdeklariert – die Macht in Somalia übernahmen. Doch islamistische Hardliner, die im Bund mit Al Qaida den reinen Gottesstaat wollen, lehnen diesen Kompromiss mit dem Westen ab. Auch in Somalia nutzen nun Terroristen aus dem Jihad in Afghanistan und Irak die Folgen westlicher Politik rücksichtslos aus.

Und das Beispiel Jemen?

Auch wenn sich Geschichte an sich nicht wiederholt, droht sich doch die Ignoranz jener zu wiederholen, die sie machen. Sollten die USA und ihre Alliierten gegen die jüngste terroristische Bedrohung aus Jemen erneut ein bereits gescheitertes Regime stützen, wird das Land die nächste Front in einem Krieg, in dem bisher keine Schlacht gewonnen wurde.





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