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Tagblatt Online, 10. Oktober 2009 01:03:01

Der Minister, der die Knaben liebt

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Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterrand gerät wegen seiner Verstrickung in die Unkultur des Sextourismus in Bedrängnis. (Bild: Bild: rtr/Joel Saget)

Frankreichs Kulturminister steht im Zwielicht: Frédéric Mitterrand, Neffe des früheren Präsidenten François Mitterrand, hatte in einem autobiographischen Buch vor vier Jahren erzählt, dass er als Sextourist in Thailand Freier junger Burschen war.

René brunner

Paris. «Ich bin gegen den Sextourismus. Und ich bin gegen Sex mit Kindern.» Diese für einen amtierenden Minister eigentlich selbstverständliche Position verweist auf eine peinliche Debatte, die sich in Frankreich zu einem politischen Skandal auszuweiten droht. Formuliert hat sie Kulturminister Frédéric Mitterrand am Donnerstagabend in der «Tagesschau» von TF 1.

Gezwungen zu diesem Auftritt hat ihn ein autobiographisches Buch, das der Neffe des früheren Staatschefs François Mitterrand 2005 geschrieben hatte.

Die Polanski-Falle

In dem Werk mit dem Titel «La mauvaise vie» (Das schlechte Leben) schildert der 62jährige Homosexuelle seine Vorliebe für Bordelle in Südostasien.

Dabei erwähnt er freimütig seine Erfahrungen als Sextourist in Thailand und seine sexuellen Abenteuer mit sehr jungen, für ihre Dienste bezahlten Burschen. Er nennt sie in seinem Buch «grosse Bengel». Als der Titel 2005 erschien, rümpften die Pariser Literaturkritiker die Nase. Weiter gingen die Reaktionen nicht. Erst die bedingungslose Unterstützung Mitterrands für den Filmregisseur Roman Polanski, der in Zürich wegen Sex mit einer 13-Jährigen in Auslieferungshaft sitzt,

spülte die süffigsten Passagen des fast vergessenen Werks ins Internet – und in die Schlagzeilen der Zeitungen. In einer Fernsehdiskussion über rückfällige Sexualstraftäter las die rechtsextreme Politikerin Marine Le Pen, Tochter des Frontenführers Jean-Marie Le Pen, einige Passagen aus dem Buch des Ministers vor und verlangte seinen sofortigen Rücktritt. «Ich habe die Gewohnheit angenommen, für Knaben zu zahlen», zitierte sie Mitterrand. «All die Rituale auf diesem Sklavenmarkt erregen mich mächtig.

Man könnte ein solches Schauspiel von einem moralischen Standpunkt als abstossend bezeichnen, aber es gefällt mir über jede Vernunft hinaus.» Mitterrands anfänglicher Versuch, die «Attacke aus der rechtsextremen Ecke» als irrelevant abzuwiegeln, scheiterte rasch.

Auch der Sprecher der sozialistischen Opposition, Benoît Hamon, erklärte sich schockiert und verlangte seine Demission: «Während Frankreich zusammen mit Thailand den Kampf gegen das Übel des Sextourismus angeht, haben wir einen Minister, der erklärt, dass er selbst Kunde gewesen ist.

» Selbst im Regierungslager mehren sich die Stimmen, die Mitterrand als untragbar qualifizieren, obwohl ihm Präsident Nicolas Sarkozy in einem persönlichen Gespräch sein Vertrauen bekräftigt haben soll. Der Präsidentenberater Henri Guaino erklärte: «Ich sehe nicht ein, weshalb eine derart pathetische Polemik, die da vom Zaune gerissen wurde, eine so radikale Konsequenz wie Rücktritt haben sollte.»

«Literarische Freiheit»

Mitterrand versucht nun, «seine Freiheit als Buchautor» zu verteidigen. Er gestand, es habe in seinem Leben «Momente gegeben, für die man sich schämt». Er habe Irrtümer begangen, aber keine Verbrechen, führte er weiter aus: «Ich habe nie mit minderjährigen Knaben Sex gehabt», sagte er kategorisch. Die im Buch geschilderten Bordellbesuche seien nicht rein autobiographisch. Literaturexperten pflichten ihm bei: Der Stil des Autors mache klar, dass Realität und Phantasien vermengt werden.





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