Warum 2018 alles Hässliche hip ist

ERKLÄRUNGSVERSUCH ⋅ Hässlich ist hip, behaupten die Designer von Gucci, Balenciaga oder Vetements. Sie erklären alles, was in den Neunzigerjahren schon einmal das Auge beleidigte, zum Luxustrend - und produzieren angesagte, aber potthässliche "Ugly Fashion".
14. Januar 2018, 11:50

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

 

Odilia Hiller

Schon lange dachte man, in der Mode des 21. Jahrhunderts sei alles erlaubt. Das war falsch. Es gab immer eine Reihe stillschweigender No-Gos: Crocs, Bauch-­taschen und Trainingsanzüge aus den Neunzigern gehörten dazu. Vokuhila-Frisuren und peinliche Sportsocken lösten bis vor ein paar Monaten nur angewidertes Naserümpfen aus. Wie eigentlich alles, was die Neunzigerjahre zu einem modisch schwer verdaulichen Jahrzehnt gemacht hatte.
 

  • Eine Steppdecke, ein hautenger Logo-Albtraum und Trekking-Schnürschuhe auf Podest – fertig ist der Ugly-Look
  • Heute gehe ich als Ikea-Tasche verkleidet, hat sich dieser Herr gesagt. Seine Tasche ist allerdings von Balenciaga.
  • LMännerbeine sind zum Zeigen da. Aber nur mit Sockenhaltern und Plateau-Sneakers.

Die schlimmsten Ugly-Fashion-Trends 2018 (Bilder: Getty Images)

Doch nun ist plötzlich alles anders. Alles, wirklich alles davon ist jetzt brandheiss, instagramtauglich und ultracool. Und wird von angesagten Labels wie Vetements, Balenciaga oder Gucci zum Laufstegtrend 2018 erklärt. Schreiende Farbkombinationen, klobige Horrorturnschuhe, mit denen man noch bis vor kurzem in keinen halbwegs angesagten Club gekommen wäre, Hochwasserjeans mit hochgerutschter Taille und Brillen mit Goldrand machen aus jungen Frauen und Männern erst so richtige Grossstadtikonen. Hauptsache, unmöglich kombiniert und rätselhaft unförmig.
 

Alle textilen Zumutungen, die es je gab

«Das Hässliche und Gemeine steckt das Schöne und Edle mit seiner Fäulnis an, und zusammen verrottet und verwest es», schrieb der Schriftsteller Jack London einst. Das macht Designern wie Demna Gvasalia von Balenciaga und Vetements oder Guccis Alessandro Michele aber null Eindruck – im Gegenteil. Sie machen sich einen Spass daraus, mit Konventionen zu brechen und das Auge des Betrachters mit allen textilen Zumutungen zu belasten, die es je gab.

Während die Frauen in unförmigen Silhouetten ertrinken und Wandteppiche oder Steppdecken überstülpen müssen, spazieren die Männer in ultrakurzen Nylon-Shorts, am liebsten kombiniert mit beigen Stützstrümpfen und Opa-Jacken, über den Laufsteg. Balenciaga und Christopher Kane gehen Kooperationen mit Crocs ein. Ja, die Gummimonster aus dem Garten. Heraus kommen Plateau-Crocs mit Blumenbroschen oder mit Strass übersäte Trekking-Sandalen, deren Urform man zuletzt nicht einmal mehr an Sozialpädagogen sehen wollte.

Was ist da los? «Als ich für den Einkauf der Frühling/Sommer-Kollektion 2018 in Paris war, habe ich im ersten Moment auch gestutzt», sagt die St.Galler Store-Inhaberin Nicole Geser von «Le Soir Le Jour». Sie gehört zum handverlesenen Einkäuferkreis von Labels wie Isabel Marant, Alexander Wang oder Sonia Rykiel. Die neuen Kombinationen von Farben, Kombinationen und Materialien machten ihr aber schnell Spass. «Ich mag es, wenn die Designer mich her­ausfordern.»

Es sind Tendenzen, die von der Strasse kommen. Sie funktionieren bestens in den sozialen Medien, wo sich mittlerweile Millionen von Streetstyle-Jüngern verwirklichen. «Dort gilt es aufzufallen und zu provozieren, sonst geht man unter», sagt die Modeexpertin. Gleichzeitig bleibt Athleisure, die Mischung aus Freizeit- und Sportkleidung, ein Riesenthema in der Modewelt. Bequemlichkeit geht über alles. Auch hier gilt: Was bisher als schön und sexy galt, wird konsequent gebrochen und hinterfragt. Denn nur schön kann auch langweilig sein, sagt Nicole Geser. «Die neuen Looks stellen eine Menge unserer Vorurteile in Frage. Was ist eigentlich hässlich?»
 

Werden wir uns daran gewöhnen? Vermutlich

Die traditionellen Grenzen verwischen sich also. Das hat die Mode aber schon immer gemacht. Was einen vor zwei Jahren noch schockierte, daran hat sich das Auge der Konsumentin längst gewöhnt. Ein Beispiel sind High-Rise-Jeans, also Jeans mit hohen Taillen, die seit ein paar Jahren wieder zurück sind – nachdem jahrelang alles auf den Hüften herumschlottern musste.

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Und jetzt also Adiletten, Strumpfstiefel und Sportsocken, kombiniert mit Oma-Kleidern, Schotten- und Burberry-Mustern und Oversize-Blazern in Nachtvorhangoptik. Werden wir uns auch daran gewöhnen? Vermutlich. Aber niemand verlangt, dass man rumläuft wie ein Gucci-Model. «Ich finde, Mode sollte nie verunstalten. Aber sie darf Spass machen. Und man sollte ab und zu ein bisschen Mut zeigen und etwas ausprobieren», sagt Nicole Geser. Niemand ist gezwungen, jeden Hype mitzumachen.

 

Wer also bisher keine Turnschuhe trug, muss jetzt auch nicht damit anfangen. Und in pinken Kniestrümpfen von Reebok zur Arbeit zu erscheinen, kommt wohl ausserhalb der Fashion-Branche nur wenigen in den Sinn – schon gar nicht Männern. Und doch ertappt man sich plötzlich bei der Frage, ob die goldene Brille des Schreckens, die man eingangs der Pubertät trug, wohl noch irgendwo rumliegt. Vielleicht wäre sie in Kombination mit einem Kleid, wie es die Grossmutter zum Putzen trug, noch recht nett? Womit auch gleich noch bewiesen wäre, dass Frauen sich wirklich nicht für die Männer modisch anziehen.


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