Und immer wieder der Kampf mit den Nachbarn

KONFLIKTE ⋅ Friedlich Tür an Tür zu leben oder Garten an Garten ist nicht leicht. Gerade in der warmen Jahreszeit eskalieren die Konflikte oft. Eine Annäherung an ein brisantes Thema. Plus Tipps vom Experten.
13. August 2017, 17:00
Susanne Holz
Mit den Nachbarn verhält es sich ähnlich wie mit den Verwandten: Man kann sie sich nicht aussuchen. Sie sind einfach da, von Gott oder den Umständen gegeben, und es gilt, irgendwie mit ihnen auszukommen. Oder zu flüchten, sollten die Beziehungen in eine Schieflage geraten sein, die nur noch abwärtsführt.


Dabei müsste man doch annehmen können, dass etwas gesunder Menschenverstand, Herzensbildung und Toleranz ausreichten, um gedeihlich Zaun an Zaun zu leben oder Stockwerk an Stockwerk. Die Crux ist wohl: Auch Herzensbildung und Toleranz sind relativ. Der eine mag unter Herzensbildung nur den freundlichen Gruss verstehen, der andere im Namen dieses Begriffs ein ganzes Paket an Empathie und humaner Gesinnung schnüren. Und während der eine es als tolerant empfindet, das Geigenspiel der Nachbarskinder zu ertragen, wundert sich der andere darüber, dass es da überhaupt was zu ertragen gibt.
 
Womit man schon bei einem der grössten Streitpunkte unter Nachbarn angelangt wäre: dem Lärm. Beziehungsweise dem, was die Menschen darunter verstehen. Und das ist sehr verschieden.
 

Der Mensch ein soziales Wesen? Nur im eigenen Rudel

Manchmal führt dieses unterschiedliche Lärmempfinden zu ganz lustigen Geschichten, an die man sich Jahre später noch amüsiert erinnert – zumindest der eine Part. Manchmal führt es zu erbittertem Krieg. Zuerst das Lustige? Einer Studentin soll es mal passiert sein, die Nachbarin mittleren Alters ein Stockwerk unter sich allein mit ihren Schritten – des Nachmittags – beinahe in den Wahnsinn getrieben zu haben. Die Studentin feierte keine Partys, hatte keine Gäste da, hielt weder Hund noch Papagei, hörte weder Atonales noch AC/DC, nein, sie sass allein am Schreibtisch und wagte es lediglich, sich ab und zu von diesem zu erheben, um in Küche oder Bad zu gehen. Ihr Gang musste allerdings recht temperamentvoll gewesen sein, weil die Dame unter ihr sich wiederholt über schier unerträglich laute Schritte beklagte. Des Nachmittags.
 
Die junge Frau nahm es mit Humor, versuchte sich als leichtfüssige Ballerina und klebte an ihre Zimmertür einen Zettel mit der Aufschrift «Die mit Donnerschritten geht» (in den Kinos lief gerade «Der mit dem Wolf tanzt»). In der Wohngemeinschaft sorgte das für Heiterkeit, und zur Not konnte man ja auch noch in der Bibliothek der Uni lernen.
 
So einfach ist es natürlich nicht immer. Werden aus gelassenen Studentinnen und Studenten geforderte Mütter und Väter und aus freundlichen Damen mittleren Alters genervte Nachbarn ohne Kinder, beispielsweise, dann lösen sich Konflikte oft nicht in Wohlgefallen auf. Fordern die einen sodann, Teppiche zu legen oder den Nachwuchs generell um 19 Uhr ins Bett zu stecken, verstehen die anderen die Welt nicht mehr und wähnen sich im gänzlich falschen Film. 
 
Der Mensch mag zwar ein soziales Wesen sein, aber das halt doch nur im eigenen Rudel. Weshalb Mathias Birrer dafür plädiert, durch einige Regeln Ordnung in die unterschiedlichen Befindlichkeiten der Nachbarn zu bringen. «Die Leute müssen wissen, was geht und was nicht. Kennt man seine Rechte, dann lösen sich Konflikte einfacher, als wenn diesbezüglich Unsicherheit herrscht», sagt der Luzerner Fachanwalt für Bau- und Immobilienrecht, der gerade in der «Beobachter»-Edition den Ratgeber «Nachbarschaft. Was gilt im Konfliktfall?» veröffentlicht hat (siehe auch Interview weiter oben).
 

Die Sache mit der Skulptur in Nachbars Garten 

Ab wann ist Nachtruhe? Von wann bis wann ist Mittagsruhe? Darf der Nachbar einem vorschreiben, Teppiche zu legen? Muss ich mich an den Waschplan halten? Darf ich das oder jenes im Garten pflanzen? Zu welchen Uhrzeiten darf man den Rasen mähen? Stört die Weihnachtsbeleuchtung im Dezember womöglich die Anwohner? Kann einem der Nachbar verbieten, eine Skulptur im eigenen Garten aufzustellen, die man selbst schön, der Nachbar aber anstössig findet? 
 
Das kann er, in der Tat. Mathias Birrer beschreibt in seinem Ratgeber genau einen solchen Fall: Ein Stockwerkeigentümer in einer Terrassenhaus-Überbauung stellt am äussersten Rand seiner Terrasse eine etwa 2 Meter hohe Skulptur auf, die einen gestikulierenden Mann zeigt. Der Nachbar ist der Ansicht, die Skulptur sei lediglich aufgestellt worden, um ihn selbst zu provozieren. Er zieht vor Gericht und erhält schliesslich vom Bundesgericht Recht. Mathias Birrer dazu in seinem gerade erschienenen Buch: «Kunst ist bekanntlich Geschmackssache. Jede und jeder darf Statuen und Plastiken im eigenen Garten aufstellen – wenigstens so lange, wie das Kunstwerk die Nachbarn nicht allzu stark stört. Ist ein Kunstwerk aber derart extravagant und auffällig, dass es auch das psychische Wohlbefinden von durchschnittlich empfindenden Dritten beeinträchtigen würde, kann ein Nachbar, der sich belästigt fühlt, die Entfernung verlangen.»
 
Scheint so, als ob das nachbarschaftliche Zusammenleben bis ins Detail geregelt ist. Ein Regelwerk, das natürlich nicht nur nützt, sondern das man auch aushalten muss. In dieser Hinsicht gilt es zudem, nie zu vergessen, dass Nachbarn nicht nur soziales Kapital – wenn sie helfen –, sondern auch soziale Kontrollinstanz sind – wenn sie einen beobachten. Freigeistern gefällt so etwas weniger. Weshalb Dietrich Fink, Professor für Städtische Architektur an der Technischen Universität München, diesen vermutlich raten würde, raus aus dem Einfamilienhausquartier und rein in die Mischform der Stadt zu ziehen.
 
In einem letzten Dezember auf «Zeit online» erschienenen Artikel über Nachbarschaft wird Fink als Befürworter von sogenannten Zwischenräumen zitiert: «Zwischenräume sind das Wertvollste – in einem Haus, einem Viertel, in der ganzen Stadt.» Sie schafften die Gelegenheit für Begegnungen, und zwar für freiwillige. Klar, in einem typischen Einfamilienhausquartier gibt es solche Zwischenräume nicht – hier gibt es nur mein Grundstück und dein Grundstück, und ein jeder verteidigt seines.
 
Dietrich Fink: «Am meisten gestritten wird doch nicht in dichten Stadträumen, sondern in Einfamilienhaussiedlungen.» Das liege am Mangel an Zwischenräumen. Wo fast alles privat sei, werde der Raum schnell zum Revier. 
 

Zu viel soziale Kontrolle – und die Stimmung ist im Keller

Stadtluft macht frei – eine alte Weisheit. Hinzu kommt, dass man heute in den Quartieren nicht mehr so aufeinander angewiesen ist wie etwa vor 40 oder 50 Jahren, als es allen noch nicht so gut ging und man sich mehr helfen musste. Finanzieller Wohlstand macht aus Menschen Einzelkämpfer. Fällt die gegenseitige Hilfe weg, bleibt womöglich als Negativposten auf der anderen Seite nur die gegenseitige Kontrolle – und die Stimmung ist im Keller.
 
Beispiele für lästige soziale Kontrolle seitens eines Nachbarn kann fast jeder auf Anhieb nennen. Sei es die so harmlos wie möglich formulierte Frage mit dem leicht falschen Unterton: «Das arme Baby, das hat ja letzte Nacht wieder lange geschrien – hatte es Bauchweh?» Besonders ärgerlich: Das Baby des Nachbarn schreit eigentlich viel öfter und länger – will der womöglich nur von sich selbst ablenken? Oder sei es der Nachbar, der stets kontrolliert, ob der Abfallsack am richtigen Platz steht, das Auto nicht zu weit rechts oder links geparkt wurde und auch die Gartenhecke schön manierlich geschnitten ist. 
 
Manches Mal bekommen Nachbarn aber auch unfreiwillig Persönliches voneinander mit, und das Verhältnis ist vergiftet, obwohl man einander gar nichts Böses wollte. Wie die Dame, die einst einem Handwerker Auskunft gab, wessen Auto da die Strasse blockierte und wen man rausklingeln müsse, um daran vorbeizukommen. Der Handwerker platzte in ein geheimes Schäferstündchen, und die nachbarschaftlichen Gefühle lagen ein paar Jahre lang auf Eis.
 
Und dann gibt es die Fälle ohne komische Note: Man bekommt alles von den Nachbarn mit, weil die Häuser zu eng aufeinander stehen, die Wände zu dünn sind oder aber manche tatsächlich ohne irgendeine Rücksicht jeden Sommertag zur Gartenparty machen, mit lauter Musik und lautem Gelächter.
 
In eng bebauten Quartieren ist es oft nicht leicht, das gesunde Mass an Distanz zu wahren, mit dem Nachbarschaft erwiesenermassen besser funktioniert. So zeigen Studien, dass sich beispielsweise Briten und Amerikaner weniger mit ihren Nachbarn zoffen als Deutsche – weil Erstere die Nachbarn auch weniger gut kennen. Dem Nachbarn also lieber nicht die Blumen giessen, wenn er in die Ferien fährt? Zumindest kann es einem dann nicht so ergehen wie jener Quartierbewohnerin, die einige Wochen lang die Blumen in Garten A goss und sich kurz nach der Rückkehr der Verreisten erstaunt die Augen rieb, als diese mit den Nachbarn B und C eine Gartenparty feierten – nur sie selbst war nicht eingeladen. Gute Nachbarschaft erfordert Regeln sowie Herzensbildung, vom einen nicht zu viel, vom anderen nicht zu wenig. Und unbedingt: ein dickes Fell. 

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