Sex mit Robotern - brauchen wir eine Roboterethik?

ANSICHTEN ⋅ Die Sexindustrie-Branche ist innovativ. Früher waren Sexpuppen nicht mehr als aufgeblasene Plastikschläuche. Heute gibt es bereits Sexdiennerinnen, die mit einem phonetischen System ausgestattet sind. Brauchen wir bald eine Roboterethik?
13. April 2018, 09:58
Susan Boos

Für einmal soll es um Sex gehen. Um käuflichen Sex. Früher gab es Sexshops. Im Schaufenster lagen Dildos, Reizwäsche, und manchmal stand da auch eine aufblasbare Puppe. Das blasse Wesen mit dem komisch geformten, grossen, runden Mund war – zumindest für Frauen – peinlich anzuschauen. Sich vorzustellen, ein Mann würde mit diesem aufgeblasenen Plastikschlauch Sex machen, löste Fremdschämen und Mitleid aus. Mehr nicht.

Die Sexshops mit ihren verstaubten Schaufenstern sind verschwunden. Das Netz hat sie aufgesogen. Dort blüht die Sexindustrie unter Ausschluss der unbedarften Öffentlichkeit. Man sollte die Sex­industrie aber nie ignorieren, denn kaum eine andere Branche ist so innovativ. Sie hat zum Beispiel innert kürzester Zeit die Sexpuppen menschlich gemacht. Es lohnt sich, einen Blick auf die neuartigen Wesen zu werfen. Zum Beispiel bei www.sexpuppen-shop.ch. Die Firma ist im Muotathal zu Hause. Zwischen grünen Matten und Industriebauten betreibt sie einen Showroom. Die Sexdienerinnen haben ein Skelett aus Metall und einen Körper aus Silikon. Ihre Oberfläche fühlt sich an wie menschliche Haut. Etwas teurere Modelle lassen sich auf Körpertemperatur aufheizen.

Jede Puppe wird nach individuellem Wunsch zusammengebaut. Fast alles ist im Angebot. Vom Typ «normaler Körperbau», über «schlanker Top Modell Körperbau» bis hin zu «grosser Busen, grosser Arsch». Das günstigste Modell ist für 3000 Franken zu haben. Die Sexroboter sind teurer und kosten 7900 Franken. Dafür verfügen sie über ein «intelligentes phonetisches System». Auf der Webseite steht: «Ihre Herzdame kann frei in den Sprachen Englisch und Chinesisch kommunizieren. Sie ist fähig auf Ihre Fragen zu antworten und wie mehr Sie mit Ihrem Sex-Roboter kommunizieren, desto intelligenter wird sie.» Da bekommt man den Chinesischkurs also gleich mitgeliefert. Die Dialoge sind nicht schwierig: «Ich liebe dich.»– «Ich dich auch.» «Du bist so schön» – «Du auch.» «Ich will mit dir Liebe machen» – «Ich auch.»

Die Puppenproduzenten dürften schnell nachrüsten und bald eine «I ha di gern»-Variante auf den Markt bringen. Naheliegend ist, dass die Silikonlady irgendwann mit Alexa verschmolzen wird. Alexa ist die digitale Butlerin von Amazon, sie spielt auf Zuruf Musik ab, steuert sämtliche elektronischen Geräte, macht online Bestellungen und so weiter. Noch kann man sie in der Schweiz nicht einsetzen. In den USA und Grossbritannien ist sie jedoch schon in vielen Haushalten im Dienst. Sie geht zwar mit den Daten der Leute nicht immer diskret um, aber das ist man ja gewohnt.

In Zukunft dürften viele Singlehaushalte eine «Herzdame» besitzen, die nachts als wärmende Gespielin dient und tagsüber dekorativ auf dem Sofa sitzt. Der deutsche Sexpuppenproduzent Manfred Scholand hat es in einem Interview mit dem Onlinemagazin «Telepolis» kürzlich so formuliert: «Unser Standardkunde, der will Sex haben und danach ‹Sportschau› schauen und ein Bier trinken, möchte also eigentlich nicht so einen riesigen Aufwand betreiben, um Sex zu haben. Sie lachen! Das klingt jetzt vielleicht platt, ist aber in der Tat so. Eine Beziehung, die nur auf Sex basiert, die hat keine Zukunft, das wissen wir alle. Eine derartige Beziehung kann man am besten mit einer lebensechten Liebespuppe eingehen und führen.»

Sollen sie dürfen, wenn es sie glücklich und friedlich macht. Trotzdem bleibt die eine nagende Frage: Was machen Sexroboter mit unserer Gesellschaft? Juristisch ist eine Roboterpuppe eine Sache. Aber genau da beginnt das Problem. Man kann zum Beispiel ein Modell kaufen, das sich gegen Sex wehrt. Es wird gekauft, weil für einen Roboter ein Nein kein Nein ist. Es turnt an, weil die Maschine vorgaukelt, ein Mensch zu sein. Wollen wir das? Oder brauchen wir eine Roboterethik, die verbietet, mit Maschinen, die aussehen wie Menschen, etwas zu tun, was man mit Menschen nicht tun darf?


Anzeige: