«Roboter, wasch mich bitte!»

DIGITALISIERUNG ⋅ Für die Altersforschung ist Japan ein Zukunftslabor. Die Wissenschafterin Sabina Misoch hat sich die Robotik in der japanischen Alterspflege angeschaut. Der Erfinder der Roboter-Robbe kommt nach St. Gallen.
08. Dezember 2017, 05:17
Bruno Knellwolf

Bruno Knellwolf

Nächste Woche kommt Takanori Shibata nach St. Gallen. Aus Tokio bringt er Paro mit, eine Robbe. Allerdings keine aus Fleisch und Blut. Paro ist eine Roboter-Robbe und wird weltweit bei der Therapie von Menschen mit Demenz eingesetzt. Eingeladen worden ist der Erfinder des Therapie-Roboters von der Altersforscherin Sabina Misoch, die an der Fachhochschule St. Gallen das Interdisziplinäre Kompetenzzentrum Alter leitet.

Selbst war sie vor kurzem zu Besuch bei Ingenieur Shibata in Japan. Ein guter Platz für eine Altersforscherin. «Japan ist für uns ein spannendes Land, weil die Demografie dort jetzt schon so ist, wie sie bei uns im Jahr 2050 sein wird. In Japan können wir somit unsere demografische Zukunft betrachten», sagt die Soziologin. Das Land hat ähnliche Strukturen und Probleme wie die Schweiz: Die Lebenserwartung ist sogar noch höher als bei uns, die nied­rige Geburtenrate, der Fachkräfte­mangel sind ähnlich.

Japan setzt auf technische Lösungen

Um die Probleme einer über­alterten Gesellschaft zu lösen, setzt Japan ganz auf technische Lösungen. «Das wird von der japanischen Regierung aktiv propa­giert. Gelder fliessen direkt in die Technikforschung», sagt Misoch. Sogar Manga-Comics werden von der Regierung in Auftrag gegeben, um die Technisierung zu bewerben. Da zeigt sich die unterschiedliche Mentalität der Japaner. Mit einem Manga-Comic lassen sich unsere Senioren wohl kaum zur Akzeptanz von Robotern animieren.

Trotzdem sucht Misoch zusammen mit Shibata nach gemeinsamen Lösungen. Immer im Wissen, dass ein Roboter in Japan anders wahrgenommen wird als in der Schweiz. In Japan hat der Roboter im Manga-Comic ein Herz, bei uns wird er oft als Bedrohung wahrgenommen. Mit der Technik-Affinität sei es dann aber doch nicht so weit, wie man erwarten würde, erzählt Misoch. Beim japanischen Pflegepersonal gebe es recht grosse Widerstände gegen die Mitarbeit von Robotern und AAL-Systemen. AAL steht für «Active and Assisted Living». Das Pflegepersonal fürchtet den Arbeitsplatzverlust, wenn Roboter Medikamente im Spital verteilen oder der Trage-Roboter den Patienten aus dem Bett hebt. «Diese Systeme sind nicht dafür gedacht, Menschen zu ersetzen, sondern zu entlasten», sagt Misoch. Zum Beispiel auch, wenn Pflegerinnen ein Exoskelett tragen, das ihnen beim Heben den Rücken stützt. Ein bisschen Widerstand also auch in Japan, allerdings lebt dort eine hierarchisch gegliederte ­Gesellschaft, sodass sich Neuerungen in der Alterspflege wohl leichter einsetzen lassen als bei uns.

Paro zum Beispiel. Die Roboter-Robbe ist flauschig und warm, macht Geräusche und ihr Aus­sehen entspricht dem Kindchen-Schema. Paro kann die Flossen bewegen, ist selbstlernend, weshalb sie sich einen Namen merken kann. «Sie kann nicht pflegen, sondern Menschen zu Aktivität anregen», sagt die St. Galler Altersforscherin. Shibata forscht seit zwanzig Jahren an der Robbe, die für Menschen mit Demenz gedacht ist. Vielleicht aber auch als Haustierersatz für alte Menschen, die in ihrer kleinen Wohnung ­keine Katze halten können.

Je menschlicher, desto unbeliebter

Auf der Messe Ceatec in Tokio hat die Soziologin im Oktober viele Roboter sehen können: zum Beispiel den Kommunikations­roboter Nao, ein humanoider Roboter eines französischen Herstellers, der in Japan in Altersheimen eingesetzt wird oder in einer Bank Kundenfragen in 19 Sprachen beantwortet. Nao kann sogar Emotionen aufgrund der Gesichtsmimik erkennen. Panasonic hat einen Haare waschenden ­Roboter getestet. Der Familienroboter Bocco soll sich nicht nur um ältere Menschen, sondern auch um Kinder kümmern. Dabei geht es vor allem um die Aufrechterhaltung der Kommunikation und Überwachung. Im System eingeschlossen sind deshalb Kameras und Türsensoren.

Konkret für den Einsatz bei älteren Menschen ist der namenlose Roboter eines kleinen japanischen Start-ups entwickelt worden. Durch die Kombination von Bildverarbeitung, Sprach- und Emotionserkennung ist der Roboter zu relativ komplexen Interaktionen mit Menschen fähig. Robohon schliesslich sieht aus wie eine Mischung aus einem ­humanoiden Roboter und einem Smartphone, versteht Sprach­befehle und kann tanzen. «Für Ko­mmunikationsroboter sehe ich bei uns keine Chance», sagt Misoch. Zudem haben Studien gezeigt: Je humaner ein Roboter aussieht, desto weniger wird er akzeptiert. Dann fürchten sie sich vor diesem menschenähnlichen Ding. Will heissen: Ein Roboter, der das Zimmer saugt, ist mir ­genehm, einer der mich wäscht, kommt mir nicht ins Haus.

Schneller akzeptiert wird wohl, was Sabina Misoch in ihrem Living Lab 65+ an der Fachhochschule St. Gallen testet. Dort geht es ­darum, herauszufinden, welche Hilfsmittel dazu dienen können, dass ältere Menschen so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben können. Das Living Lab ist kein herkömm­liches Labor, die Tests der Technik finden real in den Haushalten der Seniorinnen statt.

Der Kühlschrank als Alarmsystem

Zurzeit werden in den Haus­halten des Living Labs 65+ jeweils während drei bis sechs Monaten verschiedene technische Hilfsmittel ausprobiert: Sensoren, aktive Kühlschränke, Wasser- und Rauchmelder. Wird zum Beispiel der Kühlschrank während einer bestimmten Zeit nicht geöffnet, schlägt das System Alarm. Die Überwachung läuft im Hintergrund, nicht wie bei einem Alarm-Armband, das ältere Menschen dauernd tragen müssen, «weshalb sie sich oft stigmatisiert fühlen», sagt Misoch.

Im Living-Lab-Projekt werden die Systeme auf Herz und Nieren geprüft. «Herkömmliche Altersheime werden zunehmend zu einem Auslaufmodell. Die Menschen möchten so lange wie möglich zu Hause bleiben und erst wenn sie zum Pflegefall geworden sind, in ein Heim», sagt Misoch. Alle Altersprobleme ­liessen sich allerdings nicht technisch lösen, bemerkt die Sozio­login. Einsamkeit und Depres­sionen im Alter seien grosse ­Herausforderungen, auf welche die Gesellschaft reagieren müsse. Hilfstätigkeiten oder Service­leistungen könne der Roboter aber gut übernehmen und so das Pflegepersonal entlasten. «Für das Soziale braucht es aber weiterhin reale Menschen.»

Streicheleinheiten

Am 15. Dezember werden Taka¬nori Shibata, der japanische Ent¬wickler der Roboter-Robbe Paro, und die Altersforscherin Sabina Misoch darüber sprechen, ob der Einsatz von Robotern das Leben älterer Menschen tatsächlich unterstützt. Der Therapie-Roboter Paro darf dabei auch gestreichelt werden. (Kn.)

Vorträge
Freitag, 15. Dezember, 17 bis 18.30 Uhr, Fachhochschule St. Gallen, Rosenbergstrasse 59


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