Niemand war schon immer da

MIGRATION ⋅ Jeder dritte Bewohner der Schweiz hat ausländische Wurzeln. Doch so prägend die Einwanderung für die Schweiz war und ist, so gern wird sie verdrängt – oder politisch bekämpft.
14. April 2018, 05:20
Rolf App

Rolf App

Am 19. Juni 1893 bricht in Bern die Gewalt aus. Einheimische Hilfsarbeiter bezichtigen italienische Bauarbeiter der Lohndrückerei, die Polizei nimmt ein Dutzend Randalierer fest und sperrt sie in den Käfigturm. Als Schweizer Arbeiter sie befreien wollen, ruft der Stadtpräsident die Armee zu Hilfe. Drei Jahre später wiederholt sich der Konflikt im Zürcher Arbeiterquartier. Der italienische Maurer Giovanni Brescianini hat den elsässischen Scherenschleifer Aloys Remetter niedergestochen; es ist der Funke, der die angespannte Lage eskalieren lässt. In mehrtägigen Krawallen zerstören Schweizer Arbeiter die Lokalitäten, in denen sich Ausländer treffen. Die verstecken sich in den Wäldern, während die Armee sich bemüht, die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Zum ersten Mal wandern mehr Menschen ein

Kurz vor diesen Eruptionen, im Jahr 1888, steht die Schweiz an einem Wendepunkt. Zum ersten Mal strömen mehr Menschen hin­ein, als auswandern. Die Indus-trialisierung macht den kleinen Flecken attraktiv, er ist es, auch unter veränderten Vorzeichen, bis heute geblieben. Auch das Unbehagen ist immer wieder da.

Es macht sich Luft in Initiativen und Massnahmen mit dem Ziel, Einwanderung zu steuern. Das ist freilich nur die eine Seite jener Medaille, der sich die Historiker André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz in ihrer vor wenigen Tagen erschienenen «Schweizer Migrationsgeschichte» (Verlag Hier und Jetzt) widmen. Die andere Seite heisst: Über Jahrhunderte sind Schweizer ausgewandert, weil sie mussten oder weil sie wollten. Sie ­haben sich als Söldner verdingt, haben als Zuckerbäcker Furore gemacht, haben die Vereinigten Staaten mit besiedelt. Sie haben gute Geschäfte gemacht oder auch nicht. Und: Sie alle haben zur Verflechtung der Schweiz mit der Welt beigetragen.

Am Anfang ist dieses Land ein beinahe leerer Raum

Was bei einer solchen Betrachtungsweise entsteht, das ist das Bild einer Schweiz in Bewegung, in der die Mehrheit der Sesshaften von den Beweglichen oft profitiert – ob sie nun, als Auswanderer, mit vollen Taschen zurückkehren, oder, als Einwanderer, zum Wohlstand des Landes beitragen. Konflikte sind da allerdings oft programmiert, wie die Berner und Zürcher Krawalle der 1890er-Jahre, aber auch die sogenannten Überfremdungs-In­itiativen der 1970er-Jahre geradezu beispielhaft zeigen.

Sie mahnen bestenfalls zur Vorsicht. Aber sie können die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass dieses Land keineswegs von ewig Sesshaften geschaffen worden ist. Im Gegenteil: Mit Einwanderung hat alles angefangen. Vor langer, langer Zeit. Am Ende der letzten Eiszeit nämlich, vor 17000 Jahren, ist der Raum der späteren Schweiz wüst und leer. Befreit vom Eis, bietet er sich nomadisierenden Jägern, später den ersten Siedlern an.

Konflikte bahnen sich an, Nomaden und Bauern kommen sich bei der Beschaffung der Nahrung in die Quere. «Die Sesshaften betrachteten fortan die nomadisierende Lebensweise der Wildbeuter als räuberisch und zerstörerisch», fasst André Holenstein zusammen. «Die Bauernkulturen entwickelten ihre ‹notorische Aversion gegen alles Fremde›», zitiert er den deutschen Historiker Herfried Münkler. Keltische Stämme wandern ein und besiedeln das Land, mit Ausnahme bestimmter Täler Graubündens, wo schon die Räter sind. Der grösste dieser Keltenstämme, die Helvetier, werden im frühen 16. Jahrhundert gewissermassen zum «Urvolk» der Schweiz erklärt – das es aber in Tat und Wahrheit gar nicht gibt. Wir Schweizer sind vielmehr das Produkt einer kulturellen Verschmelzung von keltischen, römischen und später germanischen Elementen.

Leute aus Schweden seien nach Schwyz gekommen

Dass wir gewissermassen aus der Fremde stammen, ist jenen Kreisen übrigens sehr bewusst, die um das Jahr 1470 im «Weissen Buch von Sarnen» den Gründungsmythos der Schweiz formulieren. Noch bevor von den bösen Vögten und von Wilhelm Tell die Rede ist, berichtet das «Weisse Buch», die Römer seien nach Unterwalden gekommen und Leute aus Schweden nach Schwyz, «da ihrer daheim zu viele waren». Nicht erst die Amerikaner von heute haben zwischen Schweden und Schwyz eine Verbindung hergestellt.

Oft ist man froh um Zuzug. Die Welle von Städtegründungen im Hoch- und Spätmittelalter ist ohne die vielen Neubürger aus Flandern, dem Rheinland, aus Schwaben und dem Elsass nicht vorstellbar. Sie bestätigt für An­dré Holenstein eine allgemeine Feststellung der Migrationsgeschichte: «Niemand war schon immer da.» Daran habe noch 1749 der Berner Aufrührer Samuel Henzi erinnert, als er die Berner Patrizier von der Macht verdrängen wollte. «In seiner Denkschrift wies er darauf hin, dass deren Vorfahren einmal als einfache Maler, Metzger, Gerber, Schuster oder Färber in Bern eingebürgert worden waren.» Was diese Patrizier allerdings nicht daran hinderte, ihn einen Kopf kürzer zu machen.

Zu dieser Zeit ist die Schweiz allerdings noch stärker Auswanderungsland. Vor allem in den ländlichen, katholischen Gebieten können nicht alle Söhne ihr Auskommen finden. So teilen die Schweizer vom 16. bis 19. Jahrhundert das Schicksal der Italiener im 20. Jahrhundert. Deren Los hat Max Frisch in den Satz gefasst: «Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.» Es waren Menschen, die die Schweiz kulturell verändert haben – allein die Pizzeria an jeder Strassenecke beweist es.

Daraus lassen sich Einsichten gewinnen. Und Zuversicht, wie André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz am Ende ihres Gangs durch die Geschichte unterstreichen. «Eine Nation, die derart auf der Integration verschiedener Kulturgemeinschaften basiert, sollte den Herausforderungen der Migrationsgesellschaft relativ selbstbewusst und gelassen entgegensehen.»


Anzeige: