"Jetzt gehört dir nichts mehr": Die geheime Gemeinschaft von Stein

AUSSTELLUNG ⋅ Bis 2009 lebte und arbeitete im ausserrhodischen Stein eine okkultische, abgeschiedene Gemeinschaft. Sie wollte ein «Ort des freien Willens» schaffen. Doch der Anführer scharte viele Gespielinnen um sich und nutzte sie sexuell aus.
05. Dezember 2017, 05:19
Rolf App

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@tagblatt.ch

Zuerst hat die Ausserrhoder Kantonsbibliothekarin Heidi Eisengut die Nase gerümpft, als die Gemeindebibliothekarin von Stein sie auf eine Frau aufmerksam machte, die eine grosse Sammlung esoterischer Bücher besitze. Dann begreift sie: Da steckt mehr dahinter, das ist Kulturgeschichte. Denn Ausserrhoden, das ist mit seinem liberalen Geist immer wieder ein fruchtbarer Boden für allerlei Freigeister gewesen. Die "Psychophysische Gesellschaft" und die von ihr in Stein begründete "Abtei Thelema" machen da keine Ausnahme.

Die Abtei Thelema ist etwas Besonderes

Was sie aber auszeichnet, das ist zum einen die lange Dauer von gegen 50 Jahren, die diese Gemeinschaft mitsamt Hotel, Druckerei, Wetterstation, Bienenzucht und Näherei bis zu ihrer Auflösung 2009 bestand. Und zum andern ihre enorme Sammelwut. So befinden sich denn in der Kantonsbibliothek in der "Collectio Magica et Occulta" gut 8500 Bücher, dazu unzählige merkwürdige Dokumente und Objekte.

Aus ihnen hat die Kuratorin Ina Boesch 250 Objekte und Fotografien ausgewählt und zu einer kleinen, nach Themen gegliederten und in grössere Zusammenhänge gestellten Ausstellung im Volkskundemuseum geformt. Ergänzt hat sie die Dokumente und Gegenstände mit Gesprächen mit ehemaligen Mitgliedern, Zugewandten und Aussenstehenden. So entsteht ein vielschichtiges und, man muss es sagen, auch faszinierendes Bild dieser Gemeinschaft, die, von Stein aus betrachtet, abgeschieden von der Aussenwelt lebt und arbeitet, die aber in regem Kontakt steht zu Ihresgleichen in aller Welt.

"Tu, was du willst": Das ist ihr Leitspruch. Er beruft sich auf eine lange Reihe von Utopien, in denen schon seit dem 16. Jahrhundert der Traum vom vollkommenen Staat und einer harmonischen Gemeinschaft geträumt wird. Der französische Dichter François Rabelais etwa beschreibt im 16. Jahrhundert in der Geschichte vom Riesen Gargantua das Kloster Thélème als einen "Ort des freien Willens". Diesem Ideal eifert in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch der britische Okkultist, Bergsteiger und Schriftsteller Aleister Crowley nach, an dem sich Thelema Stein vor allem in den Fünfziger- und Sechzigerjahren orientiert. Crowleys Begierde nach Frauen ist enorm.

Auch dies findet in Stein seinen Widerhall. Dort ist es Hermann Metzger, ein gelernter Bäcker, der sich ein umfassendes Wissen über Okkultismus und Magie erarbeitet, und der, wie Ina Boesch betont, "offensichtlich eine besondere Anziehungskraft ausgeübt haben musste". Und zwar vor allem auf Frauen, die er um sich schart.

Er nutzt sie sexuell aus und spielt seine Gespielinnen auch gern gegeneinander aus. Eine von ihnen, Annemarie Aeschbach, beschreibt die von ihm praktizierten Erniedrigungen als einen Weg voller Schmerzen.

"Hahn im Hühnerhof mit der Peitsche"

Besuchern entgeht diese dunkle Seite der Abtei Thelema nicht. Frederic Mellinger, ein Anhänger Crowleys, fühlt sich in Stein wie in Festungshaft und beschreibt Metzger als einen "Hahn im Hühnerhof, der mit der Peitsche Ordnung schafft". Anita Borgert schliesslich erzählt, er habe ihr gesagt: "Jetzt gehört dir nichts mehr. Alles gehört dem Orden." Sie alle hätten sich um echte Gemeinschaft bemüht, "aber auf lange Sicht hat das nicht geklappt".

Doch gibt es auch viele, die in Stein durchaus positive Erfahrungen sammelten. Die sich angezogen fühlten von seltsamen Ritualen und von all dem Geheimwissen, das da zusammenkam. "Man musste nicht nach Indien gehen, da war ein westlicher Weg", erzählt etwa Albert Schmid, ein Ehemaliger, der regelmässig an den in Stein praktizierten gnostisch-katholischen Messen teilnahm. "Magie und okkulte Phänomene hatten mich schon immer interessiert." In Stein fand er sie, hier fühlte er sich "irgendwie daheim".

"Tu, was du willst – Sinnsuche in Stein" Appenzeller Volkskundemuseum Stein; bis 18. März


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