Je dunkler es ist, desto schneller fahren die Autofahrer

UNFALLGEFAHR ⋅ Geschwindigkeitsübertretungen sind die Ursache eines Drittels aller Unfalltoten. Zu schnell gefahren wird vor allem bei Dunkelheit, wie eine internationale Studie zeigt. Die Daten dazu wurden in Zürich erhoben.
10. Januar 2018, 05:22
Bruno Knellwolf

Bruno Knellwolf

Nicht immer ist der «gesunde Menschenverstand» unsere Leitlinie, insbesondere nicht auf der Strasse. Die Vernunft würde uns zum Beispiel gebieten, dass wir bei Nebel und Dunkelheit unsere Geschwindigkeit beim Autofahren reduzieren. Doch weit gefehlt, wie eine Studie der Universität St.Gallen in Zusammenarbeit mit Forschern der Universität Bern, des Max-Planck-Instituts in Berlin und der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich zeigt. Aus der Untersuchung wird ersichtlich, dass Autofahrerinnen und Autofahrer die erlaubte Höchstgeschwindigkeit öfter überschreiten, wenn es dunkel ist.

Der Studie zugrunde liegt ein riesiger und weltweit vielleicht einzigartiger Datensatz von 1,2 Millionen Fahrzeugbewegungen in der Stadt Zürich, wie Studienautor Emanuel de Bellis, Assistenzprofessor am Institut für Customer Insight der Universität St.Gallen, erklärt. «Diese Aufzeichnungen stammen nicht von scharfen Radargeräten, sondern von versteckten Messungen im Rahmen der Verkehrsplanung in verschiedenen Zürcher Quartieren», sagt de Bellis. Die von kleinen Radargeräten erfassten Fahrer auf Haupt- und Nebenstrassen wurden nicht von einer Geschwindigkeitsbusse bedroht.

Messung der natürlichen Fahrweise

Ihr Fahrverhalten war somit natürlich und deswegen eine glänzende Grundlage für eine wissenschaftliche Untersuchung des Fahrverhaltens. Untersucht wurde, wie sich das Umgebungslicht auf die Fahrgeschwindigkeit auswirkt. «Menschen fahren im Mittel langsamer, wenn es heller ist, und schneller, wenn es dunkler ist», sagt de Bellis. Dabei zeigte sich, dass dies nicht nur ein Tag-Nacht-Effekt ist. Zwar wird in der Nacht sowieso schneller gefahren. Aufgrund der gemessenen Geschwindigkeiten zeigte sich aber, dass auch an einem Nachmittag das erlaubte Tempo öfter überschritten wird, wenn es draussen dunkler ist. Zum Beispiel bei nebligen Verhältnissen. «Das widerspricht der Logik. Eigentlich weiss jeder, dass man bei Dunkelheit und Nebel vorsichtiger unterwegs sein sollte», sagt der Studienautor. «Das ist eine hochrelevante Erkenntnis, weil ein Drittel aller Verkehrstoten wegen erhöhter Geschwindigkeit ums Leben kamen», sagt de Bellis.

Bleibt die Frage, warum sich Autofahrer unlogisch verhalten. «Darauf haben wir noch keine endgültige Antwort und müssen über die Ursache dieses Verhaltens spekulieren», sagt de Bellis. Es gebe verschiedene Erklärungsansätze. Der plausibelste Ansatz, der auch mit vorhergehenden Studienergebnissen übereinstimme, stamme aus der Perzeptionsforschung, der Wahrnehmungsforschung. Untersucht wurde die Wahrnehmung von Geschwindigkeiten von Objekten. Bewegt sich demnach ein Objekt in kontrastreicher Umgebung, in Helligkeit, nehmen die Probanden die Geschwindigkeit als schneller wahr. Ist das Objekt aber in kontrastarmer Umgebung unterwegs, zum Beispiel im Nebel, als langsamer. Im Strassenverkehr bewirkt dieser Effekt, dass wir im Dunkeln die Geschwindigkeit des eigenen Fahrzeugs als langsamer empfinden und dementsprechend aufs Gas drücken. Ein weiterer Erklärungsansatz besagt, dass die Dunkelheit Anonymität verspricht, die zum schnelleren Fahren verleiten könnte. Der Fahrer glaubt, nicht gesehen zu werden.

Unabhängig vom persönlichen Verhalten

Natürlich spielt am Abend auch noch anderes eine Rolle: Alkohol, ausgelassenes Freizeitverhalten, Verführungen der Nacht. Doch die Studie zeigt genau, dass auch ohne solche Einflüsse, allein der schlechteren Sichtverhältnisse, schneller gefahren wird, unabhängig vom personenbezogenen Verhalten. Sondern aufgrund der Lichteinflüsse, die subtil auf die Autofahrer wirken. Mit der Studie sollen politische Entscheidungsträger und die Bevölkerung auf diesen Umstand aufmerksam gemacht und sensibilisiert werden. Fahrschülern sollte gelehrt werden, dass bei Dunkelheit noch mehr Vorsicht geboten ist. Denn wenn fünf Kilometer pro Stunde langsamer gefahren wird, reduziert sich statistisch die Zahl der Verkehrsunfälle um 15 Prozent.

Die Forschung ist noch nicht zu Ende. Nun gehe es darum, zu untersuchen, ob es sich lohnen würde, die Strassenbeleuchtung zu verbessern. Dafür gibt es Lösungen, die – wenn auch selten – schon eingesetzt werden. «Smart Light» zum Beispiel. Die Strassenlaternen mit LED werden heller, wenn ein Fahrzeug vorbeifährt. Ist das Auto vorbei, wird es wieder dunkler und dank der optimierten Beleuchtung kann Strom gespart und die Sicherheit erhöht werden.


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