Hexenjagd per Hashtag

SEXISMUS ⋅ Seit Wochen steht das Netz kopf – Millionen Menschen klagen sexuelle Übergriffe an. Gerechtfertigt oder Auswuchs an verlogener Prüderie? Experten sagen: Im sexuellen Umgang fehlt die Augenhöhe.
Aktualisiert: 
12.11.2017, 17:00
12. November 2017, 09:06
Susanne Holz

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Mit Harvey Weinstein fing es an. Dutzende Schauspielerinnen warfen dem US-Filmproduzenten in den vergangenen Wochen sexuelle Belästigung, Nötigung oder Vergewaltigung vor. In den sozialen Netzwerken nutzen seither Millionen Menschen den Hashtag #metoo, um von ihren eigenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen zu berichten. Dies in einem Masse, dass manch einer sich zu fragen beginnt: Darf der Mensch kein sexuelles Wesen mehr sein? Muss man sich künftig für jede Berührung zuvor eine schriftliche Erlaubnis einholen?

Waren sich die Leute bei Harvey Weinstein noch ziemlich ­einig, dass es höchste Zeit war, ihm seine Grenzen aufzuzeigen, haben sich die Geister etwas ­geschieden, seit Schauspiel- und «House of Cards»-Ikone Kevin Spacey binnen einer Woche der gesamte berufliche Boden unter den Füssen weggezogen wurde – bislang ohne den Vorwurf einer Vergewaltigung. Vorgeworfen werden Spacey sexuelle Übergriffe in Form von Berührungen. Die Konsequenzen sind drastisch: Der Streamingdienst Netflix stellt die Serie «House of Cards», mit Spacey in der Hauptrolle, ein. Die Filmbiografie zu Al Gore mit Spacey als Hauptdarsteller wird gestoppt. Eine Emmy-Auszeichnung wird zurückgezogen. Die Pressesprecherin trennt sich von ihm. Spacey muss den Pass abgeben. Jüngste News: Sechs Wochen vor Kinostart werden aus Spaceys neuestem Film «Alles Geld der Welt» sämtliche Szenen mit ihm herausgeschnitten.

Systematische Demontage eines Menschen

Es ist wohl nicht gänzlich abwegig, sich hier etwas verwundert zu fragen, ob diese systematische Demontage eines Menschen aufgrund einiger unangemessener Annäherungsversuche angemessen ist. Menschen, die solches laut zu denken wagen, wie die amerikanische Journalismus­legende Gay Talese, werden umgehend hart dafür kritisiert. Viel Gegenwind erlebt auch die österreichische Schauspielerin Nina Proll, die mutig gegen den Strom der Empörung schwimmt und äussert, bei ihr beginne sexuelle Belästigung da, wo der eine «Nein» sage und der andere nicht aufhöre. Sexuelle Annäherungsversuche empfinde sie als grundsätzlich erfreulich.

Denkt man an Spacey und seine Netflix-Erfolgsserie mit den entsprechenden Szenen, drängt sich durchaus die Frage auf: War­um ist forsches erotisches Werben in Filmen und Serien sexy, in der Realität aber unter der Gürtellinie? Und: Wo bleiben Humor und gesunder Menschenverstand, wenn eine Berührung am Knie oder ein Kompliment zum Décolleté einen beinahe globalen Aufruhr verursachen können?

Liest man die vielen Kommentare im Netz zur aktuellen Sexismus-Debatte, zeichnet sich folgendes Bild ab: Empörend sei der Missbrauch der Macht, der hinter den Übergriffen stehe, so die einen. Die anderen finden: Sex und Macht hätten schon immer zusammengehört, da solle man sich nichts vormachen. Solange man seine körperlichen Reize einsetze, um Karriere zu machen, solle man sich nicht darüber aufregen, auf diese reduziert zu werden. Entlarvend provokant ist jener Kommentar: Was, wenn Weinstein bei seinen übergriffigen Unternehmungen im Bademantel Aussehen und Charme eines George Clooney gehabt hätte?

Psychologin Maria Lichtsteiner ist der Ansicht, es fehle den Geschlechtern an Augenhöhe. Und tatsächlich: Stellt man sich vor, Männer und Frauen oder auch die Menschen allgemein, hätten die gleichen Chancen, den gleichen Status, die gleiche Möglichkeit zur Macht, dann gäbe es wohl keinen Sexismus. Ein Ja wäre ein Ja, ein Nein wäre ein Nein. Dann müsste sich auch der Ex-Bodyguard von Mariah Carey nicht dar­über aufregen, dass diese ihm einst im Négligé gegenübertrat.

Paartherapeut Friedemann Haag sagt: «Müsste man jede Handbewegung und Berührung vorerst absegnen lassen, blieben Flirt und Erotik statisch und lusthemmend. Im Umgang zwischen den Geschlechtern braucht es Empathie und Selbststeuerung. Ein selbstbewusster Mensch setzt eine Grenze zwischen Gedanken und dem, was er tut.»

«Üble Nachrede oder sogar Verleumdung»

Angesichts von #metoo stellt sich zudem die Frage, wie politisch korrekt dieses öffentliche und persönliche Anklagen ist. Jurist Christian Schwarzenegger von der Uni Zürich weiss: «Wer eine andere Person öffentlich beschuldigt, sexuelle Übergriffe begangen zu haben, begeht eine üble Nachrede oder sogar Verleumdung. Allerdings gibt es die Möglichkeit, falls es zu einer Strafanzeige kommt, sich durch einen sogenannten Wahrheitsbeweis zu rechtfertigen. Dann ist die Behauptung straflos.»


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