Hangrutsch im Aletschgebiet neu vermessen

GLETSCHERSCHWUND ⋅ Würde der Hang an der Moosfluh beim Aletschgletscher im Oberwallis auf einmal abbrechen, käme es zu einem riesigen Bergsturz: Er wäre fünf Mal grösser als jener von Arth-Goldau. Das Rutschgebiet wird deshalb mit neuartigen Messsensoren überwacht.
15. Juli 2017, 12:05

Noch Mitte Oktober bewegten sich Teile der Moosfluh mit bis zu 80 Zentimetern pro Tag talwärts. Heute sind es noch 12 Zentimeter pro Tag. "Nirgends sonst in den Alpen verzeichnen wir so grosse Rutschgeschwindigkeiten, in dieser Dimension ist es gewaltig", sagt Hugo Raetzo vom Bundesamt für Umwelt (BAFU).

In einem grünen Kurzarmhemd und grauen Wanderhosen verrichtet der Geologe am Hang Feldarbeit, umgeben von Alpenkräutern und Nadelbäumen. Mit dem Aletschgletscher im Rücken bohrt er drei Löcher in einen Felsen, damit ein neues Messsystem installiert werden kann.

Keine hundert Meter entfernt ist ein Felsabbruch zu sehen, auf dem grünen Waldboden sind erst bei genauerem Hinschauen Furchen erkennbar - Risse im rutschenden Gelände, das sich über zwei Quadratkilometer erstreckt.

Enorme Risse

"Je grösser ein Rutschgebiet ist, desto weniger Anzeichen sieht man an der Oberfläche", sagt Raetzo mit Blick auf den Hang. Ganz unten am Hang sind die Risse bereits enorm und die Region heute zu gefährlich für eine Begehung mit Besuchern.

Grund für die Hangrutschungen ist der Rückgang des Aletschgletschers, bei dem allein in den vergangenen 40 Jahren rund 1,3 Kilometer abgeschmolzen sind. Und der grösste Gletscher der Alpen wird weiter an seiner Länge von 23 Kilometer verlieren.

Nach dem Rückzug des Gletschers fehlt das Gewicht, das auf den Moosfluh-Hang eingewirkt hatte. Deshalb beginnt der Hang zu rutschen. Berechnungen von Hugo Raetzo zeigen, dass der Untergrund bis zu einer Tiefe von 100 bis 150 Meter rutscht. "Mindestens 150 Millionen Kubikmeter Fels sind in Bewegung", sagt er.

Felsstürze im Voraus erkennen

In die drei gebohrten Löcher kommt ein sogenanntes Geophon - ein Messgerät, das Erschütterungen im Fels messen kann. Drei jeweils nach Norden, Osten und in die Vertikale ausgerichtete Streben werden in die Löcher versenkt.

Insgesamt zwölf dieser Geräte werden rund um die Hangrutschung angebracht. "Damit erhalten wir ein Verständnis von den Prozessen, die im Untergrund ablaufen", sagt Geologe Raetzo. Auf einem benachbarten Felsen wird für die Stromversorgung des Systems ein Solarpanel befestigt.

"Das Ziel ist, dass wir einige Tage im Voraus erkennen, wenn sich Fels- oder Bergstürze abzeichnen." Glücklicherweise würde ein Bergsturz in das vom Aletschgletscher geformte Tal stürzen und das Dorf Riederalp nicht direkt gefährden. Zudem ist eher unwahrscheinlich, dass der gesamte Hang auf einmal abbricht. Geologe Raetzo erwartet eher Teilabbrüche.

Die Naturgefahren in der Aletsch-Region wöchentlich vor Augen hat auch Peter Schwitter. Er ist im Auftrag des Kantons Wallis als Naturgefahrenbeobachter unterwegs. "Die Moosfluh ist der am besten überwachte Hang der Schweiz", sagt er. Bereits heute messen ein Radarsystem via Satellit aus dem All die Bewegung, ein weiteres System mit GPS sowie eines mit hochauflösenden Bildern vom Institut für Geodäsie der ETH Zürich.

Für Schwitter sind für die Region aber "kleine Sachen" gefährlicher: "Steinschläge, Murgänge oder Starkniederschläge in der Nähe von Siedlungsgebieten und Strassen oder Lawinen im Winter."

Rund um den Aletschgletscher installieren Geologen ein neues Messsystem, sogenannte "Geophone". Sie wollen damit den Hangrutsch messen und Gefahren besser und schneller beurteilen können. An einigen Stellen verschiebt sich das Gelände bis zu einen Meter pro Jahr. Die Videoreportage zeigt die Gefahren rund um den schmelzenden Aletschgletscher. (Sarah Ennemoser)

Bergbahn Moosfluh wandert mit

Ein aufmerksamer Abnehmer der Messdaten an der Moosfluh sind auch die Aletsch Bergbahnen, die Ende 2015 eine neue Gondelbahn auf die Moosfluh in Betrieb nahmen. Beim Bau wurden Bewegungen im Hang einkalkuliert, und die Bahn kann sich anpassen.

Gemäss den Berechnungen wird die Bergstation während 25 Jahren 11 Meter in der Horizontale und 9 Meter in die Tiefe wandern. Bei der beschleunigten Rutschung im vergangenen Herbst bildete sich unter der Wanne wegen eines Risses ein Hohlraum.

Die Bergbahnen mussten darum die 23,5 Millionen Franken teure Bergbahn nach nur anderthalb Betriebsjahren mit zwei hydraulischen Stützen ergänzen, sagt Anton Franzen, Leiter Technik der Aletsch Bahnen AG. "Vorher lag die Station flächendeckend am Boden, jetzt macht sie mit den hydraulischen Stützen quasi Liegestützen, um horizontal zu bleiben."

Er begrüsst das neue Messsystem des BAFU. "Je besser der Berg überwacht wird und je mehr Messinformationen wir erhalten, desto höher ist die Sicherheit." Nun heisst es für Anton Franzen abwarten: "Weil die Natur den Takt vorgibt und nicht wir." (sda)


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