Schockierte Nachbarschaft nach Bluttat in Hohenems

FAMILIENDRAMA ⋅ In der Nacht auf Samstag ersticht ein Mann in Hohenems seine Frau und die beiden Kinder und richtet sich danach. Die Nachbarschaft ist schockiert.
Aktualisiert: 
17.09.2017, 20:00
17. September 2017, 11:51
Melanie Fetz
Es ist Sonntagnachmittag im Innenhof einer Wohnanlage in Hohenems. Keine Absperrbänder, keine Polizei, alles scheint ganz normal. Nichts mehr erinnert an die Bluttat vom Vortag, sie ist dennoch allgegenwärtig. Zwei Frauen unterhalten sich. «Man kann in Menschen eben nicht hineinsehen», sagt eine. Auf einem gegenüberliegenden Balkon schaltet sich eine weitere Bewohnerin in die Unterhaltung ein. In eine Unterhaltung über das Unfassbare.
 
Der Schock sitzt tief. Ein 38-jähriger Mann hat in der Nacht auf Samstag zuerst seine beiden Töchter im Alter von vier und sieben Jahren sowie seine 33-jährige Ehefrau getötet. Danach stach er sich selbst mit dem Messer in die Brust und sprang aus einem Fenster im dritten Stock des Wohnblocks. Die Ermittlungen im Fall rund um den Dreifachmord und den Suizid laufen weiter. Spuren werden ausgewertet und weitere Zeugen befragt. Noch am Samstag wurden die Leichen von Gerichtsmedizinern in Innsbruck obduziert.
 

Das getrennte Ehepaar hat sich zuletzt öfter getroffen

Gegen den Täter lag ein Betretungsverbot vor, wie die Polizei informierte. Er hatte seine Frau offenbar bereits Anfang August gewalttätig angegriffen. Wie die Beamten am gestrigen Sonntag mitteilten, waren dem 38-Jährigen im Zuge der Wegweisung die Schlüssel zur Wohnung abgenommen worden. «Es muss daher angenommen werden, dass ihm die Ehefrau die Türe geöffnet hat», berichtete Chefermittler Norbert Schwendinger. Wann der Mann die Wohnung betreten hat, sei weiterhin unklar. Das Paar war seit 13 Jahren verheiratet. Nachbarn berichteten, dass sich der 38-jährige türkischstämmige Österreicher als liebevoller Familienvater gezeigt haben soll. Zwischen ihm und seiner Frau soll es aber immer wieder Streit gegeben haben. Wie sich im Zuge der Ermittlungen herausstellte, sollen die beiden trotz Betretungsverbot immer wieder Kontakt gehabt haben. Sie hätten sich in den vergangenen Wochen getroffen und gut unterhalten. Dies könnte laut Schwendinger eine Erklärung dafür sein, warum die 33-Jährige dem Mann die Tür geöffnet hat.
 
In der Nacht auf Samstag ist es dann zur Bluttat gekommen. Nachbarn hatten gegen 4.40 Uhr Schreie gemeldet. Wenige Minuten später trafen die ersten Polizisten ein. Als diese die Türe eintraten, fanden sie die drei Leichen im Wohnzimmer und in der Küche. Der Mann hatte zuerst seine beiden Töchter mit einem Küchenmesser getötet. Dann griff er seine Frau mit einem Hammer an und tötete auch sie mit mehreren Stichen. Als die Beamten eintrafen, stach er sich mit dem Messer in die Brust und sprang aus dem Badezimmerfenster. Den Obduktionsergebnissen zufolge verstarb er aufgrund der Stichverletzung.
 

Mann besuchte die Täterberatung

Nach dem Familiendrama informierte auch Bezirkshauptmann Helgar Wurzer über die Vorgeschichte der Familie. Demnach war es am 7. August zu einem gewalttätigen Verhalten des 38-Jährigen gegenüber seiner türkischen Ehefrau gekommen. Alle vorgesehenen Schutzmassnahmen seien daraufhin eingeleitet worden, so der Bezirkshauptmann. Es sei ihr auch angeraten worden, eine Verlängerung des 14-tägigen Betretungsverbots zu beantragen. Dies habe sie auch gemacht. Ebenso habe der Mann die Täterberatung in Anspruch genommen. «Gewalt gegen die Kinder hat es nicht gegeben», sagte Wurzer. Der Täter hatte während der vergangenen Wochen bei seinen Eltern gewohnt und sich auch am Abend vor der Bluttat dort aufgehalten. Ob sich das Motiv für die unfassbare Tat jemals klären lässt, ist laut den Ermittlern ungewiss.

 

Nachgefragt: "Es war wohl ein erweiterter Mord"


Während die Häufigkeit erweiterter Suizide zurückgeht, nimmt die Zahl erweiterter Morde zu, sagt Gerichtspsychiater Reinhard Haller. In diesen Fällen nehmen Menschen aus Aggression heraus andere mit in den Tod.

Nach der Bluttat in Hohenems sitzt der Schock tief. Was geht im Täter vor?

Reinhard Haller: Handelt es sich um einen erweiterten Suizid, waren die Menschen meist depressiv und empfinden eine Situation als vollkommen aussichtslos. Sie wollen sich und ihre Liebsten von dieser Welt erlösen. Bei erweitertem Mord handeln Täter aus egoistischen Motiven heraus. Etwas ist gegen ihren Willen geschehen und sie wollen nach einem Rosenkrieg einen todsicheren Schlusspunkt setzen. Diese Fälle nehmen stark zu.

Warum diese Zunahme? Und warum sind es eher Männer, die ihre Familien mit in den Tod reissen?

Bei psychischen Erkrankungen greifen die Behandlungen, daher nimmt die Zahl der erweiterten Suizide ab. Heutzutage kommt es viel häufiger zu Trennungen. Männer gehen mit Spannungen weniger gut um. Sie suchen daher eher eine rasche Lösung.

Handelte es sich bei der Bluttat in Hohenems um eine Tat im Affekt oder war 
sie schon länger geplant?


Das Messer spricht eher für eine Tat im Affekt. Man kann davon ausgehen, dass es sich in diesem Fall wohl leider um einen typischen Fall von erweitertem Mord gehandelt hat. Was gegen solche Taten getan werden kann, weiss kein Mensch. Meistens wird aber im Vorfeld schon mit Mord gedroht. Dann ist es wichtig, möglichst rasch Hilfe zu holen. (mef)

Leserkommentare

Anzeige: