Ein Schnitt mit Widerspruch

GEBURT ⋅ Der Öko-Boom weitet sich auf ein unerwartetes Gebiet aus: Der Kaiserschnitt soll natürlicher werden. Ostschweizer Fachleute warnen jedoch vor Infektionen und kritisieren die Zunahme der Kaiserschnitte.
09. Mai 2017, 05:18
Diana Hagmann-Bula

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula@tagblatt.ch

Der Kopf des Babys schiebt sich langsam durch den Schnitt im Bauch der Mutter, ganz ohne Hilfe des Arztes. Keine aufgeregten Stimmen, keine hastigen Bewegungen, keine Eile, dafür alle Zeit der Welt, um eben auf dieser anzukommen. Diese Szene ist in einem Video eines venezolanischen Gynäkologen zu sehen, das im Internet kursiert. Das gemächliche Tempo bei der Operation solle den Weg durch den Geburtskanal simulieren und einer natürlichen Geburt ähnlich kommen, heisst es dazu. «Kaisergeburt» nennt sich der neue Kaiserschnitt im Fachjargon.

Ein Tuch macht den Unterschied

Erfunden wurde dieser «natürliche Kaiserschnitt» nicht erst vor ein paar Tagen. 2008 hat der australische Gynäkologe Nick Fisk damit begonnen, trotz Operation ein «angenehmes Geburtserlebnis» zu bereiten. Er senkt das grüne Tuch, das Mutter und Operationsteam trennt, sobald er den Kopf des Kindes erspäht. Und ermöglicht der Frau so, die eigentliche Geburt mitzuverfolgen und sofort Blickkontakt zu ihrem Kind aufzunehmen. Sie presst in den letzten Minuten mit, die Hebamme überbringt ihr das Baby sofort, alles wie bei einer normalen Geburt, alles gut für die Mutter-Kind-Beziehung. Einige Gynäkologen folgen Fisks Beispiel unterdessen. Einer von ihnen ist Wolfgang Henrich, Direktor der Geburtsmedizin an der Berliner Universitätsklinik Charité. Der SRF-Dokumentarfilm «Kaiserschnitt» zeigt den Gynäkologen bei der Arbeit: «Die Kinder haben so trotz Kaiserschnitt einen ganz anderen Start ins Leben mit ihren Eltern.»

«Aus Unnatürlichem soll Natürliches werden»

Kaiserschnitt und natürlich, kein Widerspruch? Doch, sagt René Hornung, Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital St. Gallen und Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. «Ein Kaiserschnitt ist und bleibt eine Operation mit Risiken. Mit der Kaisergeburt versucht man aus etwas Unnatürlichem etwas Natürliches zu machen. Das ist gutes Marketing, wir aber machen lieber gute Medizin.» Zwar wissen auch die Ärzte an der Frauenklinik, wie wichtig die ersten Minuten nach der Geburt für die Bindung zwischen Mutter und Kind sind. «Seit einigen Jahren legen wir deshalb das Neugeborene nach einem Kaiserschnitt so schnell wie möglich auf die Brust der Mutter und nähen den Bauch zu, während das Kind bei ihr ist», sagt Hornung. Das grüne Tuch bleibt allerdings, wie es ist. Aufgespannt. Aus hygienischen Gründen, um Infektionen zu verhindern. «Aber auch, um die Gebärende und ihren Mann zu schützen. Es ist nicht jedermanns Sache, eine Wunde, Blut und Operationsinstrumente zu sehen.» Der Chefarzt wünscht sich nicht mehr Kaisergeburten. Er hofft, dass die Kaiserschnittrate – sie steigt seit Jahren – sinkt. «Wir sollten versuchen, den Kaiserschnitt nur noch dort einzusetzen, wo es ihn medizinisch braucht. Das wäre ein wirklicher Schritt hin zu mehr Natürlichkeit.» Jede dritte Frau entbindet in der Schweiz unterdessen per Operation; medizinische Gründe liegen nur in acht Prozent aller Fälle vor. «Die Kaiserschnittrate liesse sich halbieren», ist Hornung überzeugt. An der Frauenklinik machen Kaiserschnitte 35 bis 40 Prozent der Geburten aus. Hornung erklärt die erhöhte Zahl: «Als Zentrumsspital behandeln wir viele kranke Schwangere und Kinder. Da drängt sich eine Operation oft auf.» In Privatkliniken hingegen liege die Rate bei 60 Prozent und mehr, «obwohl die meisten Schwangeren und Kinder gesund sind».

Die Gründe für die Zunahme sind vielfältig. Ein Kaiserschnitt ist planbar und bringt den Klinikalltag nicht durcheinander. «Der Arzt macht den Schnitt zur vereinbarten Zeit, erscheint dann pünktlich zu einer Sitzung und isst wie üblich um 13 Uhr sein Sandwich. Das kommt gelegen», sagt Hornung.

Frauen besser informieren und sie ermutigen

Auch finanzielle Gründe würden dazu verleiten, den Kaiserschnitt zu empfehlen. «Man kann damit in einer Stunde mehr verdienen, als wenn man die ganze Nacht durcharbeitet, um eine Schwangere bei einer Spontangeburt zu begleiten.» Hornung spricht ausserdem den juristischen Aspekt an. «Was, wenn bei der natürlichen Geburt etwas schiefgeht? Manche Gynäkologen wählen sicherheitshalber den Kaiserschnitt.» Sie glauben, dass die Operation nicht nur für sie, sondern auch für das Kind der beste Weg ist. Ein Irrglaube, gemäss dänischen Forschern. Sie haben herausgefunden: Kaiserschnitt-Kinder leiden später häufiger unter Allergien, Asthma oder Immundefekten.

Hinzu kommen die Ängste der Gebärenden. Viele fürchten sich vor einer Spontangeburt, vor Schmerzen, vor Verletzungen und Veränderungen im Genitalbereich, vor Kontrollverlust. «Statt Menschlichkeit in die Technik zu bringen, um diesen Unsicherheiten zu begegnen, sollten wir die Frauen besser informieren und sie ermutigen, sich wieder eine Spontangeburt zuzutrauen», meint Bettina Gertsch, Präsidentin der Sektion Ostschweiz des Schweizerischen Hebammenverbands. Ein Kaiserschnitt könne zwar Leben retten, etwa wenn die Herztöne des Babys während der Wehen rapide sinken. «Man sollte sich aber nicht leichtfertig für einen solchen Eingriff entscheiden.»

Ärzten fehlt plötzlich die Routine

Die steigende Kaiserschnitt-Rate hat auch Auswirkungen aufs Handwerk: Ärzten fehlt die Routine für schwierigere natürliche Geburten wie bei Mehrlingen oder Kindern, die mit dem Kopf nach oben statt unten im Bauch liegen. «Ein verheerender Kreislauf. Mangelt es an Übung, ist der Kaiserschnitt als Geburtsform gesetzt», sagt Chefarzt René Hornung. Er betont, wie wichtig Weiterbildung ist. Und appelliert an die Eigenverantwortung der Ärzte: «In Kursen lernt man die Technik, nicht aber die Erfahrung. Wem wichtig ist, dass Mehrlinge und Kinder in Beckenendlage nicht automatisch per Kaiserschnitt zur Welt kommen, soll sich an einem Spital bewerben, das die Babys auch in diesen Fällen natürlich zur Welt bringt.»

Schwangeren, denen nichts anderes übrig bleibt als der Kaiserschnitt, gewinnen der Kaisergeburt mehr ab als die Fachleute. Die Frau in der SRF-Dokumentation beschreibt ihr Geburtserlebnis: «Wie echt, richtig gut.»


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