Die Zelebration des Augenblicks

GENUSSWOCHE ⋅ Geniessen liegt im Trend. Das ist eine erfreuliche, gleichzeitig aber erstaunliche Entwicklung. Und der Boom hat auch seine Tücken. Betrachtungen zum Wesen des Geniessens.
16. September 2017, 05:20
Beda Hanimann

Beda Hanimann

Postkartenblick über toskanisches Hügelland, in der Ferne das Meer, die Schwerelosigkeit eines Sonntagmittags in den Ferien. Und auf dem Tisch ein Tellerchen alici, diese umwerfenden marinierten Fischchen an Kräutern und Knoblauch, dazu eine Flasche Weisswein. Nachher etwas Pasta mit Wildschweinragout, benissimo. Gibt es einen grösseren Genuss?

Falsch gefragt. Genuss ist keine messbare Grösse, man geniesst oder man geniesst nicht. Und deshalb ist immer der momentane Genuss der grösste und schönste, Genuss ist die Zelebration des Augenblicks. Nach einem einstündigen Marsch aus nasskaltem Nebel heraus sich vor eine Alphütte setzen und in der Dezembersonne ein Schinkenbrot essen, auch das ist der perfekte Genuss.

Emotion und Lust kamen erst später

Genuss wird derzeit auch mit Hunderten von Veranstaltungen in der ganzen Schweiz zelebriert, an der 17. Genusswoche laden Köche, Winzer, Brauer, Brenner, Käser, Nudelhersteller, Ölproduzenten – oder einfach Genusshandwerker – zu Tisch, wie Josef Zisyadis, der Direktor der Genusswoche, im Programmheft schreibt. Nun kann man ketzerisch fragen, ob es so schlecht steht um unsere Genussfähigkeit, dass wir eine solche Woche verordnet bekommen müssen. Die Antwort ist einfach, natürlich nicht, geniessen ist in Mode, ­Genuss ist trendig.

Das ist nicht selbstverständlich und sogar erstaunlich. Denn der Begriff «geniessen» bedeutete einst nichts weiter als etwas benutzen, etwas mit Vorteil gebrauchen. Ganz neutral. Emotion und Lust kamen erst später dazu. Aber noch lange gehörte ein schlechtes Gewissen dazu. Genuss war die Antithese zu Leistung. Das ist er noch heute, nun aber als bewusste und selbstbewusste Gegenbewegung zum Profit- und Renditedenken. Genuss hat etwas Subversives, Anarchistisches, wer geniesst, nimmt sich aus dem bestens geölten Räderwerk der Leistungsgesellschaft heraus. Es ist eine gar hübsche Pointe, dass ausgerechnet der Kommunist Zisyadis um die Jahrtausendwende der ­Initiant der Schweizer Genusswoche war.

Gäbe es mehr Geniesser, wäre die Welt besser

Eine der schönsten Definitionen für Genuss stammt noch immer vom französischen Richter Jean-Anthelme Brillat-Savarin, der 1826 seine «Physiologie des ­Geschmacks» herausgab, Alterswerk und Vermächtnis, denn «gleich darauf ging er hin und starb, heiter, befriedigt, wie man vom Mahle aufsteht». So schrieb es einer seiner Übersetzer. «Der Schöpfer nötigt uns zu essen, um zu leben: Appetit ist die Einladung, Genuss die Belohnung», diesen Aphorismus stellte Brillat-Savarin mit 19 anderen seinem Buch voran.

Hinter dieser Feststellung steht eine Lebenshaltung. Da wir schon essen müssen, machen wir es uns doch zum Vergnügen, lautet sie. Sie lässt sich ausweiten: Da wir schon mal auf der Welt sind, geniessen wir’s doch! Wer geniesst, hat mehr von dem, was er ohnehin tut. Eine schöne ­Maxime, die zum Schluss führt: Gäbe es mehr wahre Geniesser, die Welt wäre eine bessere. Ein Geniesser sucht nicht den Streit und zettelt keine Kriege an.

Geniessen ist bewusstes Wahrnehmen und Erleben. Genuss ist die Fähigkeit, sich auf das einzulassen und an dem zu freuen, was man hat. Wer ständig denkt, dieses oder jenes wäre jetzt auch noch gut oder sogar besser, der wird nie zum Genuss finden. Genuss ist, wie erwähnt, die Zelebration des Augenblicks, gleichzeitig aber strebt er nach Ewigkeit. Ein Paradox, das aber durch das Wissen abgeschwächt wird, dass Genussmomente wiederholbar sind – aber im richtigen Mass, sonst schwächen sie sich ab. Genuss ist auch die Kunst der richtigen Dosierung.

Die andere Seite des Booms

Hier zeigt sich eine Gefahr des aktuellen Genuss-Booms. Durch seine Reproduzierbarkeit wird Genuss zum Produkt, das sich vermarkten lässt. Er ist reglementiert über die Namen der besten Weingüter, des edelsten Olivenöls, der ultimativen Wellness-Resorts und der angesagtesten Reisedestinationen. Wer da mithalten will, steht unter permanentem Genuss-Stress. So gerät auch der Genuss wieder in den Sog der Leistungsgesellschaft.

Den wahren Geniesser indes kümmert das nicht. Er lebt seine ureigenen und intimen Genussmomente, Extravaganz ist da kein Kriterium. Der echte Geniesser nimmt den Genuss, weil er geniessen will, er kostet ihn aus wie eine überraschende Liebe. Er weiss: Der Brillat-Savarin’sche Lohn gehört ihm allein. Und ist erst noch steuerfrei.


Leserkommentare

Anzeige: