Nachgefragt

«Die Menschen gestehen Fehler heute weniger ein»

NACHGEFRAGT ⋅ Mathias Birrer, Luzerner Fachanwalt SAV für Bau- und Immobilienrecht, erläutert im gerade erschienenen Ratgeber «Nachbarschaft. Was gilt im Konfliktfall?» (Beobachter-Edition; ISBN 978-3-03875-030-7) typische Konfliktsituationen unter Nachbarn und zeigt, wie man sich wehren kann – auch ohne Gericht.
13. August 2017, 05:17

 


Mathias Birrer, was brachte Sie auf die Idee, einen Ratgeber für gedeihliche Nachbarschaft zu verfassen?
 

Nachbarrecht ist ein Dauerthema. Ich arbeite seit 1997 im Bereich Bau- und Immobilienrecht und merke immer wieder, wie nahe den Leuten Nachbarschaftsstreitereien gehen. Manche verkaufen deshalb sogar ihr Eigentum.

Müsste Herzensbildung nicht ausreichen, um gut mit dem Nachbarn auszukommen?

Nein. Es braucht Regeln: Wir leben heute in engen Verhältnissen, und ich habe den Eindruck, dass die Menschen sich mehr erlauben und Fehler weniger eingestehen. So ist es wichtig, die Regeln zu kennen: Weiss man, was man darf, tritt man sicherer auf. Unsicherheit schürt ungute Gefühle und damit Konflikte.

Welche Streitigkeiten mit Nachbarn regelt man besser aussergerichtlich?

Alle. Problematisch am gerichtlichen Vorgehen hierbei ist: Der Streitwert ist meist gering, die Anwaltskosten sind trotzdem hoch – und schnell mal bei 10000 Franken. Eine Instanz geht meist ein Jahr – man setzt sich immer wieder mit dem Konflikt auseinander. Das ist kein Spass, man lebt ja nebeneinander.

Aussergerichtliche Möglichkeiten?

Das gutnachbarschaftliche Gespräch. Das eigentlich funktionieren sollte, wenn man anständig bleibt, nicht zu emotional wird und gemeinsam Lösungen sucht – man muss bereit sein zu geben. Mediation. Beratung durch einen Anwalt, die Rechtsschutzversicherung oder mit Hilfe von Literatur wie dem Ratgeber, den ich gerade verfasst habe.

Wie weit geht der Begriff Nachbar?

Als Nachbar gilt jeder, der betroffen ist: Wohne ich fünf Kilometer von einem Atomkraftwerk, kann aber nachweisen, dass ich von diesem in irgendeiner Form mehr betroffen bin als der Durchschnittsbürger, gelte ich als Nachbar.

Garten, Tiere, Lärm – welches sind die häufigsten Auslöser für Streit?

Im Garten sind das oft hohe Bäume, die Schatten werfen oder in der Aussicht stehen. Hunde geben auch öfter Anlass zu Ärger. Tiere sind generell streitbar, wenn sie nicht ortsüblich sind – wie Hühner, die man in der Stadt hält. Verschiedenste Immissionen, sprich Einwirkungen, können zu schaffen machen: Lärm und Geruch vom Grillieren im Sommer, das Licht der Weihnachtsbeleuchtung im Winter, laute Jugendliche des Abends auf einem nahen Sportplatz und so weiter.

Was alles kann Immission sein?

Jede Einwirkung, die von einem anderen Grundstück ausgeht – vom Rauch bis zur Strahlung. Aber auch das Auslösen unguter Gefühle, etwa durch eine anstössige Skulptur – das wäre ideelle Immission.

Ein nicht enden wollendes Thema ...

Stimmt. Und mit neuer Technologie gibt es auch immer wieder neue Störenfriede. Wie Sonnenkollektoren, die blenden, Drohnen, die in die Privatsphäre eindringen, oder Windkraftanlagen, die das Bild stören. (sh)


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