Der Spitzer ist spitze

ALLTAGSGEGENSTAND ⋅ Der Spitzer ist mehr als ein simpler Bürogehilfe. Er ist Entschleuniger, technisches Meisterwerk sowie Designobjekt in einem. Und schafft es in Appenzell nun ins Museum.
19. Juni 2017, 05:17
Diana Hagmann-Bula

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula@tagblatt.ch

«Neiiin, Sie dürfen den Bleistift nicht festhalten. Sonst drücken sie ihn zu sehr in eine Richtung und die Spitze fällt schräg aus. Oder, noch schlimmer, die Mine bricht.» Eine Passantin greift ein, als sie die Journalistin erblickt, die sich an der Spitzmaschine versucht. Ein Wortwechsel ergibt: Vor mir steht eine Logopädin, sie arbeitet in der Schule, in einer der letzten Bastionen, aus welchen der Spitzer noch nicht verdrängt ist. In den meisten Erwachsenenhaushalten existiert er nicht mehr, Kugelschreiber, Computer und Handy haben ihn überflüssig gemacht. Erst wenn da Kinder sind, die sich zu Mini-Künstlern entwickeln und Farbstifte im Rekordtempo stumpf malen, vermisst man den guten alten Spitzer wieder.

Spitzer machen auch Musik

Dabei hat ihn einst jeder gekannt. Und gebraucht. Reinstecken, drehen, drehen, drehen, bis der Stift so spitz ist, dass auf dem Blatt wieder eine feine Linie zurückbleibt statt eines fetten Strichs. Dass es schmerzt, wenn man mit ihm aus Versehen in den Finger pikst. Spitzen ist aber nicht nur etwas für die Hände, sondern auch für die Ohren, wie eine Video-Installation in der Sonderausstellung «Spitzer! populär, ästhetisch und technisch raffiniert» im Museum Appenzell zeigt. Zu sehen sind Hände, die einen Bleistift in ein Modell stecken, kurbeln, neues Modell, kurbeln, drittes Modell, kurbeln. Bild eilt auf Bild, eine schnelle Collage, die einen akustischen Rhythmus entstehen lässt, der nicht nur Nostalgiker fasziniert. In einem anderen Raum läuft die Tätigkeit in der Endlosschlaufe auf Bildschirmen, hier verströmen die Aufnahmen diese Gelassenheit auf Zeit, die entstehen kann, wenn man spitzt. Drehen und den Gedanken nachhängen, sich eine Auszeit vom Tag nehmen, denn Spitzen, das geht ohne zu überlegen – sofern man nicht wie die Logopädin eine schiefe Spitze als schlimmstes Übel erachtet.

Der Spitzer, er ist spitze. Zumindest wenn es nach Jürgen Moser geht, einem Appenzeller, der unterdessen im zürcherischen Dietikon lebt. Aus seiner Sammlung stammen die 280 Spitzer, die seit Samstag ausgestellt sind. Damit ist der 62-Jährige der bedeutendste Spitzersammler Europas. «Einen hartnäckigen Konkurrenten gibt es noch in den USA. Er ist Banker und kann sich jeden Spitzertraum erfüllen, den er hat», erzählt Moser.

Mit «zwei schwarzen Maschinen» hat alles angefangen. Der ehemalige Büro- und Schulmaterialverwalter der Stadtverwaltung Zürich fand sie vor 30 Jahren an seinem Arbeitsort in einem Schrank. «Es handelte sich um die Jupiter, einen Scheibenfräser der deutschen Firma Guhl & Harbeck. Ein technisches Meisterwerk, das später in der Tschechoslowakei, in Österreich, Finnland und Schweden kopiert wurde», sagt Moser. Er bat seinen Chef, die Spitzmaschine kaufen zu dürfen. Und stellte sie daheim aufs Gestell, jeder Besuch bestaunte das alte Gerät und trieb Moser und sein Interesse noch mehr an.

«Heute gehöre ich ebenfalls zu diesen Spinnern»

Fortan suchte er an Sammlerbörsen, auf Flohmärkten nach Spitzern, er trat dem Sammlerclub Historischer Büromaschinen Schweiz bei, stand in regem Kontakt mit einem Kölner Aktionshaus. «Eines Tages kaufte dieses eine ganze Sammlung aus Amerika ein. Die Menschen, die sich das leisten, sind verrückt, dachte ich damals. Heute gehöre ich auch zu diesen Spinnern.» Mehrere tausend Franken hat er für das teuerste Stück ausgegeben, manchmal hat er für zwanzig Franken ein seltenes Exemplar ergattert. Unterdessen hilft ihm das Internet. «Ich durchforsche es täglich nach Neuheiten auf dem Markt.»

Dem Jupiter, Mosers Einstiegsstück mit Jahrgang 1905, widmet Kuratorin Martina Obrecht eine ganze Vitrine. Und man erfährt: Die erste Version des erfolgreichen Scheibenfräsers erhielt nicht umsonst den Beinamen Bleistiftfresser. Das Fräsrad war grob, die Maschine stoppte nicht, wenn der Stift gespitzt war. Ein Nachteil, der beim Nachfolgemodell verbessert wurde. Zwar hat Mosers Sammlung mit der Jupiter begonnen, nicht aber die Geschichte der Spitzmaschinen. Das älteste Stück in der Ausstellung, der Dixon’s Pencil Sharpener, stammt aus dem Jahr 1885. Und aus Amerika. «Vor allem US-Ingenieure überboten sich Ende des 19. Jahrhunderts mit ausgeklügelten Erfindungen», sagt Kuratorin Obrecht.

Es war die Zeit der Industrialisierung, technischer Fortschritt lag in der Luft, viele liessen sich von dieser Stimmung anstecken. Gezählt waren die Tage, als man den Bleistift mühsam mit dem Messer spitzte und sich der Grafitschmutz kaum mehr von den Fingern schrubben liess. Fortan gab es Maschinen, die mit Schleifpapier funktionierten, andere arbeiteten mit Klingen oder mit Scheibenfräser. Effektiv genug empfand man allerdings erst die Modelle mit Walzenfräser; noch heute funktionieren Spitzer so.

Technisch komplexe Erfindungen für einen simplen Gegenstand: Dieser Gegensatz fasziniert Moser. Die Besucher staunen derweil über die Vielfalt. Da die 2,5 Kilogramm schwere Iduna, mit der ganze Grossraumbüro-Scharen Stifte in Form brachten. Da der Spitzhase, so klein, dass er in den Hosensack passt. Holz- und Gusseisenmodelle sind vertreten, ebenso Geräte aus Bakelit, dem ersten vollsynthetischen Kunststoff, andere sind mit Hammerschlag, winzigen Dellen, verziert. Technisch hatten sich die Ingenieure verausgabt, ab den 1930er-Jahren entwickelten sich Spitzer optisch. Neue Formen, neue Farben, nun entstanden Designklassiker. Zu diesen Schönheiten zählt die Spitzmaschine des Schweizer Schreibwarenunternehmens Caran d’ Ache; noch heute wird sie produziert.

Süsser Duft und perfekte Girlanden

Jürgen Moser verwendet daheim eine automatische Spitzmaschine. Ab 1910 kamen diese in den USA auf, in Europa setzten sie sich nie durch. Weshalb sollte ein Spitzer auch noch Musik spielen und Büchsen öffnen können? Eine herrliche, überflüssige Spielerei. Hat man sich sattgesehen an den Geräten und ihren Retrologos, genug über die Geschichte gelesen, kann man zum Sinnlichen zurückkehren. Darüber staunen, wie sehr sich Späne – mal nicht mehr als Staub, mal wunderschöne Girlande – unterscheiden. Und sich, sobald die Kurbel ein paarmal gedreht ist, am süsslichen Duft erfreuen, der einem bestimmt eine Weile nicht mehr in die Nase gestiegen ist.

Ausstellung

«Spitzer! populär, ästhetisch und technisch raffiniert» ist bis am 5. November 2017 im Museum Appenzell zu sehen. www.mu seum.ai.ch


Leserkommentare

Anzeige: