Beunruhigend heiter

THEATER ⋅ Die Schlossfestspiele Hagenwil haben in ihrer achten Saison erstmals einen Schweizer Klassiker aufs Programm gesetzt, Friedrich Dürrenmatts «Physiker». Die Inszenierung ist frisch, unverkrampft und lässt dem grandiosen Text seine unmittelbare Kraft.
11. August 2017, 05:17
Martin Preisser

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@tagblatt.ch

Theater muss manchmal gar nicht kompliziert, verkopft oder voll rätselhafter Regieeinfälle sein, um zu funktionieren. Im besten Sinne volksnah verkauft Regisseur Florian Rexer «Die Physiker» von Dürrenmatt, unmittelbar am Publikum, als richtiges «Theater zum Anfassen». Eine Inszenierung, die Spass macht und doch die Wucht von Dürrenmatts Gedanken zulässt. Kurz: Dieser aufrüttelnd groteske Theatertext von 1962 funktioniert in den alten Gemäuern von Hagenwil, ja dieses «Physiker»-Irrenhaus könnte problemlos im Wasserschloss beheimatet sein.

Das Bühnenbild ist offen und zweistöckig, oben die Zellen der drei Irrenhauspatienten, unten leicht gammliges 1960er-Jahre-Interieur. Und die 12-köpfige Schauspieler-Crew, darunter fünf patente Laien, zieht den Theaterbesucher sofort in ihren Bann. Lustvoll, kraftvoll, fast überschwänglich werfen sich die Akteure in diesen Dürrenmatt-Text.

Die Inszenierung lässt dem Text Raum

Da freut einen zum Start die Wiederbegegnung mit Hans Rudolf Spühler, ein alter Hase, lange am Theater St. Gallen, und mit Verve den Kriminalinspektor Richard Voss gebend. Der Text steht im Vordergrund, die Regieeinfälle unterstützen ihn mit leichter Hand, überdecken ihn nie, lassen ihm Raum. Turbulent wechseln in dieser speziellen Irrenanstalt die Ebenen, zwischen verrückt und normal, zwischen Rollen, Einbildungen, Identitäten, beängstigend und zugleich beunruhigend heiter. Wie können Errungenschaften der Wissenschaft vor dem Missbrauch durch die Mächtigen geschützt werden? Das ist ein roter Faden durch die Geschichte, in der auch drei Krankenschwestern sterben müssen. Rahel Roy überzeugt hierbei als junge Liebende, letztlich aber auch als verrückt Liebende.

Wer ist wer? Wer bestimmt, wer wer ist? Extrem einfallsreich wechselt Dürrenmatt immer wieder die Perspektiven, bringt die Zuschauer auf Schleuderkurs. Und der Inszenierung von Florian Rexer gelingt dieser lustvolle Schleuderkurs, auch weil sie dem Fluss der Sprache Raum lässt und das Stück nicht unnötig aufpeppt. Ist er Einstein, ist er Newton, spricht zu ihm der König Salomon? Ist die Irrenärztin von Zahnd die eigentlich Irre? Bigna Körner spielt die Anstaltsleiterin mit souveräner Strenge, mit viel konzentrierter Präsenz. Fast zu niedrig scheint die untere Bühnenebene für die gross gewachsene Schauspielerin!

Gibt es im ersten Teil noch viel groteske Handlung, wird der zweite Teil zu einem fulminanten, sprachlich und gedanklich anspruchsvollen Dreigesang der Irren. Herbert Fischer, genannt Newton, Mischa Löwenberg, genannt Einstein, und der wort- und emotionsstarke Jan Opderbeck als Möbius überzeugen allesamt als sehr greifbare Figuren, leben starke Charakteristik aus, ergänzen sich stimmig im unterschiedlichen Naturell. An der Premiere vorgestern hatten sie mit dem prasselnden Regen auf die Markisen über dem Schlosshof zu kämpfen. Fast schien es ihnen Spass zu machen, hinter dieser wie zum Stück dazugehörig scheinenden Geräuschkulisse extra noch einen theateralen Gang mehr einzulegen.

Die Politik hat das Theater längst eingeholt

Wenn Donald Trump und Kim Jong Un in diesen Stunden gefährliches Säbelrasseln betreiben, dann merkt man: Die Weltpolitik hat das Theater längst eingeholt. Und doch ist es das Theater, das diesen Wahnsinn erst erlebbar macht. Dürrenmatt in Hagenwil: Die Kraft des Textes und die lustvoll spritzige Inszenierung lohnen den Weg in den Oberthurgau.

Weitere 17 Aufführungen: Zwischen 12.8. und 9.9., je 20.30 Uhr; So, 20.8. zusätzlich 14.30 Uhr, Schloss Hagenwil; schlossfestspiele-hagenwil.ch


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