«Wir leben nicht, um zu arbeiten»

Arbeit bestimmt, wer wir sind, welchen Status wir innehaben. Wer nicht arbeitet, gilt als faul. Dieser Drill macht uns kaputt, sagt der Autor und Philosoph Patrick Spät. Zumal es in der Zukunft nicht mehr genug Arbeit geben wird.
18. August 2014, 02:36
Katja Fischer De Santi

Herr Spät, sind Sie ein fauler Mensch?

Patrick Spät: Der Mensch an sich ist faul. Wir versuchen doch, uns wo es nur geht, vor der Arbeit zu drücken. Darum benutzen wir Waschmaschinen, Rasenmäher und freuen uns auf jeden Feiertag. Gleichzeitig glorifizieren wir die Arbeit über alles. Das ist schizophren.

Was haben Sie gegen das Arbeiten?

Spät: Ich habe nichts gegen sinnerfülltes Tun. Ich habe aber etwas gegen sinnentleerte Lohnarbeit und dagegen, dass wir uns so sehr über die Arbeit definieren. Wir sind geradezu von Arbeit besessen. Wenn wir nicht im Büro arbeiten, machen wir Beziehungsarbeit, arbeiten an unseren Körpern, an unserem Glück. Uns wird von Kindsbeinen an eingetrichtert, dass aus uns nur was werden kann, wenn wir ganz fleissig sind und viel arbeiten.

Patrick Spät Philosoph und Buchautor, Berlin Zoom

Patrick Spät Philosoph und Buchautor, Berlin

Da ist doch nichts Falsches daran?

Spät: Wir leben doch nicht, um zu arbeiten! Das Christentum hat uns das eingetrichtert: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Zwar war Jesus ein glücklicher Arbeitsloser, aber spätestens seit Luther gehört Faulheit zu den Todsünden.

Die Schweiz fährt mit der «Ohne Fleiss kein Preis»-Mentalität gut.

Spät: Vielleicht, wenn Sie zu den Glücklichen gehören, welche einen fair bezahlten Job haben, der Ihren Neigungen entspricht. Studien zeigen aber, dass 24 Prozent der Beschäftigten bereits innerlich gekündigt haben; weitere 61 Prozent machen lediglich Dienst nach Vorschrift. Noch schlimmer ist die Situation für die Arbeitslosen. Sie werden stigmatisiert, gelten als faul. Dabei ist Arbeitslosigkeit kein persönliches Versagen, sondern ein Systemfehler.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es künftig nicht mehr genug Arbeit für alle geben wird.

Spät: Ja, der Stuhltanz um die verbleibenden Jobs wird immer wilder. Es wird willkürlich werden, wer gerade Arbeit hat und wer nicht. Computer und Roboter werden auch gut qualifizierten Menschen die Arbeit wegnehmen. Eine Studie der Universität Oxford kommt zum Schluss, dass in 15 Jahren 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA der Automatisierung zum Opfer fallen können.

Die Automatisierung diverser Arbeitsprozesse lässt sich aber nicht mehr aufhalten.

Spät: Nein, und eigentlich wäre dies ja ganz im Sinne der (faulen) Menschen. Schon Einstein hat gehofft, dass die Automatisierung durch Maschinen zu paradiesischen Zuständen führen würde. Die Maschinen arbeiten, der Mensch lebt. Doch stattdessen machen die Maschinen einige wenige sehr reich und ganz viele sehr arm.

Doch je knapper die Jobs werden, desto höher das Prestige für jene, welche arbeiten können.

Spät: Aus diesem Kreislauf gilt es auszubrechen. Wir müssen umdenken, aufhören, die (Lohn-)Arbeit wie eine Gottheit zu preisen. Stattdessen sollten wir die noch vorhandene Arbeit unter vielen aufteilen.

Sollen wir alle aufhören zu arbeiten? Einen Aufstand der Arbeiter planen? Streiken?

Spät: Ja, es braucht eine Revolution von unten, das System muss komplett umgekrempelt werden. Die Produktionsmittel, also Land, Fabriken, Maschinen gehören in die Hände der Allgemeinheit. Selbstverwaltete Kollektive und Genossenschaften beteiligen alle am Gewinn.

Das sind die alten Losungen des Sozialismus, die bislang aber alles andere als zur Befreiung der Menschen geführt haben.

Spät: Mir geht es nicht um einen diktatorischen Sozialismus. Ein starker Staat wird stets zu Machtmissbrauch führen. Meine Vision ist eine staatenlose Gesellschaft, frei von Ausbeutung und Entfremdung. Jeder wie er kann.

Gäbe es in einer solchen idealen Welt noch Smartphones zu kaufen?

Spät: Ja, sie wären aber sehr viel teurer, weil keine Kinder in China zu Zwangsarbeit verpflichtet werden könnten und die Rohstoffe fair bezahlt werden müssten. Es gibt schon heute Beispiele von kollektiv organisierten High-Tech-Unternehmen.

Von der Utopie zurück in die Realität. Das Schweizer Stimmvolk hat vor zwei Jahren klar gegen mehr Ferientage abgestimmt. Die Arbeiterrevolution scheint sehr weit weg.

Spät: Das ist nur ein Beispiel dafür, wie tief in der Schweiz der Arbeitsfetisch in der DNA verankert ist. Die Gesellschaft ist überzeugt, dass jede arbeitsrechtliche Veränderung für die Arbeitnehmer den Wohlstand gefährdet. Selbst kleinste Reformen scheitern an der alles beherrschenden Wachstumsideologie. Es zeigt aber auch, dass die Schweiz von der Krise wenig betroffen ist. Die reichsten Länder werden als letzte vom herrschenden System abweichen.

Auch im krisengeschüttelten Südeuropa ist wenig von einer Arbeiterrevolution zu hören.

Spät: Die Menschen dort sind noch zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, als dass sie Zeit für politische Aktionen hätten. Aber die Krise wird Freiräume für soziale Experimente schaffen.

Selbstversorgung, Urban Gardening, lokales Produzieren sind weltweit Themen – ein Zeichen für den Wandel?

Spät: Oft gehen diese Trends in die richtige Richtung. Ebenso oft aber werden sie von der Wirtschaft erbarmungslos ausgeschlachtet mit Zeitschriften wie «Landliebe». Aber es ist zu begrüssen, wenn immer mehr Leute sich für Teilzeitjobs entscheiden, um wieder mehr Dinge selbst zu tun.

Und Sie, sind Sie aus dem kapitalistischen System ausgestiegen?

Spät: Leider nein, zwar bin ich kein Lohnarbeiter mehr, aber auch ich muss meinen Kühlschrank füllen, meine Rechnungen bezahlen.

Sie argumentieren aus einer linken Position, sind Sie in einer Partei?

Spät: Nein. Ich habe keine Lust, mich verwursten zu lassen. Zudem halte ich es für sinnlos, Politiker überzeugen zu wollen. Gerade so gut könnte ich Pudding an die Wand nageln. Der Wandel muss von unten kommen oder gar nicht.

Patrick Spät: Und was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch, Rotpunktverlag 2014, 164 S., Fr. 14.90

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