Von fremden Federn geschmückt

Das Plagiat ist allgegenwärtig, seit Jahrhunderten. Jetzt, in Zeiten des Internets, verbreitet es sich in Windeseile – und wird fast ebenso rasch aufgedeckt. Dennoch stellt sich die Frage: Findet da nicht ein Kampf gegen Windmühlen statt?
09. November 2013, 02:55
Rolf App

Helene Hegemann hat abgesagt. Ob sie etwas gegen St. Gallen hat? Schon einmal, im April, sollte sie hier auftreten. Doch wer dann die Fragen eines Moderators beantwortete, war nicht Helene Hegemann, sondern eine Schauspielerin, die ihr sehr ähnlich sah. Deren Sätze allerdings stammten von Helene Hegemann – irgendwie ist sie also doch hier gewesen.

Vincent Kaufmann von der HSG hat sich damals den Spass erlaubt. Jetzt hat er die Jungautorin wirklich eingeladen. Doch, vermutet er, «ihr neuer Verlag hat ihr wohl abgeraten. Sie will ja jetzt eine ernsthafte Schriftstellerin sein.» Vor kurzem ist ihr Roman «Jage zwei Tiger» erschienen, der, im Unterschied zum vor drei Jahren publizierten Erstling «Axolotl Roadkill», nicht unter Plagiatsverdacht steht.

Diderot schreibt ab

Helene Hegemann hatte damals weite Strecken ihres Buchs aus einem Blog abgeschrieben, das hatte eine heftige Plagiatdebatte ausgelöst. Um das Plagiat geht es auch an dieser Tagung, zu der sie eingeladen gewesen wäre. Die Internationale Buchwissenschaftliche Gesellschaft trifft sich in St. Gallen, um sich Gedanken zu machen übers Abschreiben, Kopieren, Imitieren – und über das Verhältnis von Recht und geistigem Eigentum. Und, wie kann es anders sein, über all die Veränderungen, die das Internet bringt.

Wer aber nun meint, um dieses geistige Eigentum stehe es im Zeitalter digitaler Medien besonders schlecht, der wird rasch eines Besseren belehrt. Der HSG-Historiker Caspar Hirschi weiss zu berichten, dass die Schöpfer der französischen Encyclopédie sich gern andernorts bedient haben, ohne dies kenntlich zu machen. «Denis Diderot zum Beispiel hat seitenweise abgeschrieben», erklärt Hirschi. Gerechtfertigt wurde dieses freimütige Bedienen am Wissen anderer damit, dass eine solche Enzyklopädie ja gerade nicht den Anspruch erhebe, besonders originell zu sein – sondern das Wissen der Zeit zusammenfasse. Juristisch war gegen so etwas nicht anzukommen.

Das hat auch damit zu tun, dass bis ins Hochmittelalter das Wiedererzählen alter Geschichten weit höher im Kurs stand als das Erfinden neuer. «Die Fabel, die Geschichte war frei», sagt Philipp Theison von der Universität Zürich, der die Geschichte des Plagiats in einem Buch aufgearbeitet hat. «Es bestand gar kein Anspruch auf Originalität.» Mit dem 17. Jahrhundert ändert sich das. Jetzt wird Originalität zunehmend geschätzt, ja verlangt. Jetzt wird auch mehr und mehr um die Urheberschaft an Texten gestritten.

Verleumden statt verklagen

Von 1673 stammt die erste Dissertation über das Plagiat. «Jakob Thomasius betrachtet dieses Plagiat aber weniger als Diebstahl denn als eine Form der Lüge», erklärt Caspar Hirschi. «Es gehört nicht vor ein staatliches Gericht, sondern vor das Gericht der Gelehrten.» Diese Gelehrten sah der Philosoph Pierre Bayle als eine «Gemeinschaft von Streitenden im Dienste der Wahrheit. Wer plagiiert, wird deshalb nicht von einem Gericht belangt – sondern er darf verleumdet werden.» Was denn auch immer wieder geschah. Zumal Manuskripte zu dieser Zeit oft über Jahre im Umlauf waren, bis sie veröffentlicht wurden.

Das Recht greift ein

1710 wird in Grossbritannien ein erstes Copyright geschaffen, aber lange gar nicht angewendet. Denn die Fragen sind ausserordentlich knifflig, die sich dem Recht bis heute stellen. Worin liegt das schützenswerte Gut? In Handlungsverläufen, Figuren, einzelnen Motiven? Was geschieht, wenn etwas bewusst kopiert, das heisst zitiert wird?

Womit sich Gerichte da zu befassen haben, illustriert Philipp Theison an Fortsetzungsgeschichten. 1885 erscheint das Mädchenbuch «Der Trotzkopf» von Emmy von Rhoden. Ihre Tochter Else Wildhagen verfasst als Nachfolgebuch «Trotzkopfs Brautzeit» – und zieht gegen mehrere andere, sichtlich auf «Trotzkopf» aufbauende Bücher vor Gericht. Im Fall von «Ilses Brautzeit» bekommt sie Recht. Denn, sagt Theison «der Kern der Fabel wird als geschützt betrachtet».

Ähnlich ergeht es 1999 Alexander Mollin, dem Verfasser von «Laras Tochter». Der deutsche Bundesgerichtshof entscheidet, «Laras Tochter» übernehme wesentliche Züge der in «Dr. Schiwago» geschaffenen Romanwelt mit ihren handelnden Personen, dem Geflecht ihrer Beziehungen bis hin zu den Schauplätzen, an denen sich die Handlung abspiele. Beim Leser entstehe der Eindruck, die Fortentwicklung der Geschichte von «Dr. Schiwago» mitzuerleben.

Schon in die Zeit des Internets fällt ein drittes Beispiel. Es geht um den Krimi «Döner for One» von Jens Lindner, der rasch wieder vom Markt verschwindet, nachdem sich bei Amazon ein User namens «Leseratte» meldet und auf die Ähnlichkeit zu Janet Evanovichs früher erschienenem «Einmal ist keinmal» aufmerksam macht: «Wer dieses Buch gelesen hat, bekommt in <Döner for One> die gleiche Story 1:1 mit geänderten Namen und Schauplätzen serviert.» Jens Lindner erklärt sich. Er sagt, er habe sich, nach mehreren Misserfolgen bei den Verlagen, an Evanovichs Story «entlanggeschrieben».

Das Netz enthüllt...

Wird also das Internet zum weltumspannenden Forum der Aufklärung? Fälle wie die via Internet aufgedeckten Plagiate von Politikern wie der deutschen Minister Annette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg legen es nahe. Die deutsche Schriftstellerin Kathrin Passig indes zeichnet ein anderes, sehr viel widersprüchlicheres Bild. Im Internet wird schriftlich weitergetragen, was normalerweise mündlich verhandelt wird – ohne Urheber-Angabe. Im Internet zeigt sich, dass scheinbar originelle Ideen bereits massenhaft verbreitet sind.

...und verwischt Grenzen

Kathrin Passig liest die Erkenntnis eines Users namens «Märchenprinz» vor: «Je mehr Wortspiele ich vor dem Posten google, desto klarer wird mir, dass wir alle einander ähnlicher sind, als ich dachte.» Worin also besteht noch die schützenswerte Leistung, fragen jene, die auf diesen Schutz Wert legen. Andere veröffentlichen anonym – und kehren in gewissem Sinn dahin zurück, wo die Entwicklung im Mittelalter ausgegangen war. Zu etwas Kollektivem. Im Mittelalter waren es die Geschichten, die Allgemeingut waren. Die Leistung bestand darin, sie getreulich nachzuerzählen.

Im Netz gehen die Geschichten von Hand zu Hand, werden variiert, weiterentwickelt – ohne dass noch ein einzelner origineller Kopf darin sichtbar würde. Der Urheber, er ist verschwunden. Und mit ihm das Plagiat.


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