Nur einen Nobelpreis haben sie noch nicht

Ein Besuch beim «Orchideenfach» an der Uni Zürich und sechs literarische Tips zu Büchern, die man als Fan des Niederländischen gelesen haben sollte.
15. Oktober 2016, 02:40
Hansruedi Kugler

Weltoffen, liberal, fröhlich – die Holländer haben ein äusserst positives Image. Und das nicht erst seit der Fussball-EM 2008 in der Schweiz, als Bern sich tagelang in lebensfrohes Orange verwandelte. «Unsere beste Werbung ist das Land selbst», sagt denn auch Chris De Wulf über sein Fach, die Niederlandistik. Der 38jährige Flame leitet die kleine Abteilung mit rund 40 Studierenden an der Uni Zürich, dem einzigen Ort in der Schweiz, wo man das Fach studieren kann. Untergebracht ist er mit seinen Kollegen, die sich 150 Stellenprozente teilen, in der ehemaligen Abwartswohnung im Zwischengeschoss des Deutschen Seminars. Landkarten und Poster geben den nüchternen Räumen ein heimeliges Gefühl von Fernweh. Dass eine Wand im Sitzungszimmer orange gestrichen ist, sei aber bloss ein hübscher Zufall, sagt er.

Das Bild des Holländers als liberale Frohnatur sei hingegen kein blosses Klischee, meint Chris De Wulf. Offenheit und Kollegialität pflege man auch in seiner Abteilung: «Das Du ist in Holland normal, auch über Altersgrenzen hinweg, als Zeichen der Solidarität.» Schliesslich laute eine der häufigsten Redewendungen der alten Seefahrernation, die sich mit Deichen gegen das Meer schützen muss: «Pumpen oder ertrinken.» Und schon ist man mit Chris De Wulf mitten in der Kulturgeschichte.

Weltliteratur auch ohne Nobelpreis

So populär das Land, so weitgehend unbekannt ist deren Literatur. Das könnte ganz anders sein. Denn auch wenn die Niederlande bisher noch keinen Literatur-Nobelpreisträger hervorgebracht hat, gibt es doch ein paar Werke, die man getrost zur Weltliteratur zählen kann. In all diesen Werken spiegelt Literatur eher die düsteren Seiten eines ansonsten fröhlichen Landes. Wenn Chris De Wulf über Literatur spricht, verknüpft er diese denn auch sogleich mit Geschichte. Zum Beispiel Max Havelaar. Der ist nicht nur ein Symbol für fairen Handel. Die Marke hat nämlich ihren Namen vom Helden des berühmten, satirischen Kolonialromans aus dem Jahre 1860 übernommen. Eduard Douwes Dekker, der das Buch unter seinem Pseudonym Multatuli veröffentlichte, beschreibt darin die zynischen Dummköpfe, die in den ostasiatischen holländischen Kolonien Handel mit Kaffee trieben. Er prangert damit nicht nur sein Land, sondern den Kolonialismus generell an.

Das wohl berühmteste und am weitesten verbreitete Buch, das auf Niederländisch geschrieben wurde, ist das Tagebuch der Anne Frank. Das Haus-Versteck ihrer Familie in der Amsterdamer Altstadt ist heute ein Touristenmagnet. Dass die Familie 1944 nach jahrelangem Versteck wahrscheinlich von einer Nachbarin verraten worden und die meisten in Konzentrationslagern umgekommen sind, beleuchtet ein Trauma der Nachkriegs-Niederlande, betont Chris De Wulf. «Die Scham darüber, mit den Nazis zu sehr kollaboriert zu haben, prägte eine ganze Generation von Schriftstellern.» Der wichtigste darunter ist Harry Mulisch. In seinem auch auf Deutsch erfolgreichen Roman «Die Entdeckung des Himmels» wird Mulisch zum Chronisten des 20. Jahrhunderts.

Chris De Wulf erläutert aus dem Stand die ganze niederländische Literaturgeschichte und kann über die Industrialisierung Belgiens genauso Auskunft geben wie über die surrealistische «Cobra»-Bewegung in den 1950er- Jahren oder über die reiche Comic-Tradition in den Niederlanden. Trotzdem: Sein eigenes Forschungsgebiet liegt woanders. In seiner Dissertation erstellt er einen «Lautatlas des Mittelniederländischen im 14. Jahrhundert». Weil man damals vorwiegend phonetisch geschrieben habe, sei die Rekonstruktion der gesprochenen Sprache aus Urkunden relativ gut möglich.

Orchidee unter den Studienfächern

Kein Wunder, nennt man die Niederlandistik ein «Orchideenfach», eine liebevolle Bezeichnung für kleine Fakultäten. Mit der sich eine Universität aber schmücken könne, ist Chris De Wulf überzeugt. In der Schweiz bietet nur die Uni Zürich das Fach an. Da das Niederländische dem Deutschen verwandt ist, könne man nach zwei Semestern schon gut reden und Literatur lesen.

Man könnte sich wundern, dass nur 40 Studierende das Fach belegen. Denn im europäischen Aussenhandel mit der Schweiz liegt Belgien auf Rang 6, die Niederlande auf Rang 8. Niederländisch wäre also eine erfolgversprechende berufliche Qualifikation, gerade im Geschäftsleben, meint Chris De Wulf. Immerhin gibt es 23 Millionen Erstsprachige, 17 Millionen in den Niederlanden, 6 Millionen in Belgien. Dort kommt auch Chris De Wulf her, genauer aus Gent, wo er studiert hat, wo sein Lebenspartner wohnt und wo er deshalb seinen Zweitwohnsitz hat. Der Wissenschafter ist seit 2011 an der Uni Zürich angestellt und ist Flugpendler: «Der Flug in die Schweiz ist immer ein wenig, wie wenn ich in die Ferien fliegen würde», sagt er. Wegen den Alpen – die fehlen bekanntlich im flachen Flandern und in den Niederlanden.


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