Müde Rabenmütter

Dauerstress statt Chefetage. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei in der Schweiz eine einzige grosse Lüge, sagt Sibylle Stillhart
17. Oktober 2015, 09:00
Katja Fischer De Santi

Ihr Buch trägt den Untertitel: «Müde Mütter – fitte Väter». Sie waren selbst eine dieser müden Mütter, weshalb?

Sibylle Stillhart: Weil ich 150 Prozent gearbeitet habe. 100 Prozent im Haushalt und 50 Prozent in einem Büro. Ich hetzte ständig herum, von der Krippe ins Büro, von dort zum Einkaufen, wieder zurück in die Krippe und abends wartete dann noch der ganze Haushalt auf mich. So geht es laut Statistik fast allen berufstätigen Müttern in der Schweiz. Um zu arbeiten, nehmen wir eine ungeheure Doppelbelastung auf uns, während sich die Männer in aller Ruhe um ihre Karrieren kümmern.

Aber die neuen Väter geben sich doch Mühe. Wickeln und füttern ihre Kinder, arbeiten Teilzeit.

Stillhart: Ganz so viele dieser «modernen Väter» gibt es aber leider noch nicht. Der engagierte Vater, der sich die Familienarbeit partnerschaftlich mit der Mutter teilt, ist nach wie vor ein Exot. Ist das Kind krank, rennt die Mutter nach Hause, ist der Kühlschrank leer, ist es ihre Schuld.

Frauen dürfen arbeiten, Männer müssen arbeiten, diese Einstellung ist immer noch weit verbreitet.

Stillhart: Schweizer Männer definieren sich über ihren Beruf und das Geld – und erst dann über ihre Kinder. Viele Männer glauben zwar nicht, dass Frauen für Haushalt und Kinderbetreuung allein zuständig sein sollen, aber sie versuchen nicht aktiv etwas daran zu ändern. Weil sie um ihren Status fürchten.

Dann läge es doch an den Frauen, ihre Männer in die Pflicht zu nehmen?

Stillhart: Das klingt einfacher als es ist. Den Mann in die Pflicht zu nehmen bedeutet, dauernd zu streiten, dauernd zu diskutieren. Viele Frauen haben dafür nicht auch noch Kraft und schmeissen den Haushalt darum alleine. Sie wursteln sich irgendwie durch.

Wie wär es, wenn sich Frau und Mann schon vor der Schwangerschaft Gedanken machen würden, wie man sich das in Zukunft vorstellt mit dem Haushalt, dem Kind und den Jobs?

Stillhart: Junge Frauen machen sich keine grossen Gedanken über die Vereinbarkeit, weil ihnen medial vorgegaukelt wird, dass es keine grosse Sache sei, zu arbeiten und nebenher noch Kinder aufzuziehen. Erst wenn sie vor Erschöpfung abends in der Waschküche einschlafen, realisieren sie, dass alles eine grosse Lüge ist.

Und trotzdem hört man wenig von den chronisch gestressten, arbeitenden Müttern. Warum wird nicht lauter geklagt, wenn die Not scheinbar so gross ist?

Stillhart: Das hat einerseits sicher mit dem Schuldgefühl zu tun, das viele berufstätige Mütter noch immer plagt. Sie glauben, dass sie sich nicht beklagen dürfen, weil sie diesen Zustand selbst gewählt haben. Tun sie es doch, erfahren sie keine Unterstützung, ausser den immer gleichen Rat, sie sollen doch einfach zu arbeiten aufhören.

Sie selbst haben Ihren Job gekündigt, weil Ihnen die Doppelbelastung zu viel wurde. Sie arbeiten nun freischaffend. Haben Sie kapituliert?

Stillhart: Ein Stück weit sicher. Ich konnte diesen Spagat nicht mehr länger machen. Es hat mich fast zerrissen. Als ich die Kündigung einreichte, fühlte mich einerseits erlöst, andererseits war ich aber enttäuscht, dass ich es nicht geschafft hatte, Job und Familie zu vereinbaren. Ich gab mir die Schuld, das tun viele Frauen.

Und Ihr Mann, warum bleibt nicht er zu Hause?

Stillhart: Das Totschlagargument war auch bei uns das Gehalt. Männer verdienen immer noch mehr als Frauen, machen immer noch schneller Karriere. Da muss man nicht mehr diskutieren.

Und wenn beide 50 Prozent arbeiten würden und sich alle Aufgaben fair teilen?

Stillhart: Wenn beide Elternteile 50 Prozent arbeiten, muss man in Kauf nehmen wollen, dass weder der Mann noch die Frau Karriere machen – zumindest nicht in unserer heutigen Arbeitswelt. Das wollen viele auch aus finanziellen Gründen nicht riskieren.

Dann bleiben die Frauen des Geldes wegen zu Hause?

Stillhart: Nein, nicht nur. Es hat auch viel mit alten Rollenbildern zu tun, mit dem Bild der fürsorglichen und allein verantwortlichen Mutter, das ist tief verankert. So ist eine Frau, die mehr als 60 Prozent arbeitet auch heute noch eine Rabenmutter, ein Vater, der 80 Prozent arbeitet hingegen ein Superpapi. Da stimmt doch was nicht.

Was müsste sich denn ändern?

Stillhart: Erstens: Frauen müssen gleich viel verdienen wie Männer; erst dann kann man wirklich fair diskutieren, wer wie viel arbeitet. Zweitens: Die hiesige Arbeitskultur muss sich ändern. Weg von langen Präsenzzeiten hin zu einer flexibleren Karriereplanung. Home Office sollte möglich sein, Kitaplätze dürften nicht so teuer sein. Und die Arbeit im Haushalt und mit den Kindern muss aufgewertet und auf beide Geschlechter fair verteilt werden.

Der Druck auf Wirtschaft und Politik steigt, die Frauen im Erwerbsleben zu halten, ein Grund zur Hoffnung?

Stillhart: Zwar reden alle von Vereinbarkeit, aber ausser ein paar zusätzlichen Krippenplätzen passiert nichts.

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?

Stillhart: Bei den Schulen. Viele Frauen hören auf zu arbeiten, wenn ihre Kinder eingeschult werden. Das ist doch absurd. Aber das Schweizer Schulsystem stützt sich nach wie vor auf eine Person ab, die immer zu Hause ist. Es braucht dringend mehr Tagesschulen und Ferienprogramme. Wie sonst sind 13 Wochen Schulferien mit fünf Wochen Betriebsferien kompatibel?

Muss es das Ziel jeder Gesellschaft sein, dass sowohl Mann wie auch Frau 100 Prozent arbeiten und Kinder haben können?

Stillhart: Nein, das kann nicht das Ziel sein. Solche Forderungen sind weder emanzipatorisch noch frauen- und schon gar nicht familienfreundlich. Die Vereinbarung von Beruf und Familie bedeutet, dass Eltern, die beide Vollzeit arbeiten, nicht der Normalfall sein können. Frauen und Männer sollen sich für das Familienmodell entscheiden, das ihnen am besten behagt – das ist Privatsache.

Warum setzen sich die Frauen nicht mehr für diese Anliegen ein, etwa auf politischer Ebene?

Stillhart: Vielleicht sind sie zu müde. Vom Alltag, dem ewigen Stress. Dabei wäre es an der Zeit, eine echte Familienpartei zu gründen. Die meisten von uns wollen doch so arbeiten, dass wir daneben ein befriedigendes Familienleben führen können, das gilt für Männer und Frauen.


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