Internet als Stadtplanungsbüro

Die Schwarmintelligenz erobert den öffentlichen Raum – mit zum Teil vielversprechenden Ideen. In Rotterdam wurde eine Brücke gebaut, in New York entsteht ein Flussschwimmbad und in Bogotá ein Wolkenkratzer.
20. November 2015, 02:40
ADRIAN LOBE

New York ist eine pulsierende Metropole. Man kann fast alles tun – ausser schwimmen. Manhattan ist zwar von Wasser umgeben, doch der Hudson ist zu dreckig, als dass man darin schwimmen könnte. Weil die New Yorker Archie, Jeff und John aber unbedingt im East River baden wollten, lancierten sie 2011 auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter kurzerhand eine Kampagne für den «+POOL», ein Flussschwimmbad vor der Skyline des Big Apple. Der Pool besteht aus einem kreuzförmigen Bassin, in dessen Armen unterschiedliche Bereiche untergebracht sind. Der 860 Quadratmeter grosse Pool wird mit gefiltertem Flusswasser gefüllt. Innerhalb eines Monats kamen 250 000 Dollar zusammen. Die Initiative steht im Zeichen des «Reclaim the City» – die Rückeroberung des öffentlichen Raums.

Ein alter Grundsatz kippt

Dabei ist Crowdfunding in Baukultur gar nicht so neu. 1885 musste das «American Committee», das mit dem Sockelbau der Freiheitsstatue beauftragt war, seine Arbeit einstellen, nachdem der damalige Präsident Grover Cleveland und der Kongress die Unterstützung verweigert hatten. Das Projekt wurde vom legendären Joseph Pulitzer gerettet. Der Verleger der New York World lancierte einen Spendenaufruf mit dem Versprechen, dass jeder Spender namentlich in der Zeitung erwähnt wird. 160 000 Spender steuerten 2,3 Millionen Dollar bei. Nur dank Crowdfinanzierung konnte das Monument realisiert werden.

Die Stadtplanung ist meist eine Sache der Ämter und Entwickler. Gebaut wird, was einen Auftraggeber hat und sich bezahlen lässt. Doch mit dem internetbasierten Spenden scheint dieser eherne Grundsatz zu kippen. Heute können Bürger in ein paar Mausklicks Geld eintreiben. «Mit 5 oder 10 Dollar und einer Internetverbindung kannst du ein moderner Rockefeller werden», wirbt etwa das Portal www.citizinvestor.com.

Impulse aus der Bürgerschaft

Und die Möglichkeiten sind beträchtlich: In Rotterdam entstand dank Crowdfunding eine Fussgängerbrücke – die Luchtsingel (zu Deutsch: Luftkanal) führt über Eisenbahnschienen und Strassen und verbindet drei Gebiete, die vormals getrennt waren. Auf der gelben Holzstruktur sind die Namen der Spender eingekerbt. Im walisischen Glyncoch kamen fast 800 000 Pfund für ein Stadtteilzentrum zusammen. Und in Bogotá entsteht mit der Hilfe der Crowd ein 66stöckiger Büroturm: Rund 3500 Unterstützer sammelten über Prodigy Network 200 Millionen Dollar. Das BD Bacatá wird das höchste Gebäude Kolumbiens werden. Spätestens da zeigte sich für Urbanisten, dass von der Bürgerschaft wichtige Impulse ausgehen können. Weiss die Schwarmintelligenz des Netzes womöglich, was wo wie gebaut werden sollte?

Experten äussern Skepsis

Der Schweizer Städteplaner David Bieri von der University of Michigan steht dieser Entwicklung skeptisch gegenüber. «Die Realität von Immobilien-Crowdfunding hat nichts zu tun mit demokratisierter Planung und dem selbstlosen Zutun von sozialgewissenhaften Kleinanlegern», sagt er im Gespräch. «Die Immobilien-Crowdfunding-Seiten profitieren vor allem vom enormen Renditedurst der im Nullzinsumfeld arg gebeutelten internationalen Investoren.» An den zwölf Millionen Dollar Kapitaleinsatz, die für einen Apartment-Block in Manhattan zusammenkamen, hätten sich die Investoren im Schnitt mit über 100 000 Dollar beteiligt. Der Minimalbeitrag für die crowdgesourcte Tranche diese Projektes lag bei 20 000 Dollar, was rund dem Zweieinhalbfachen des mittleren Jahreseinkommens von New Yorks ärmstem Quartier in der South Bronx entspricht.

Angst vor dem Albtraum

Insofern ändere auch das internetbasierte Finanzierungsmodell nichts an der Tatsache, dass die Wohlhabenden bestimmen, was gebaut wird, sagt Bieri. Vielmehr verschärft es diese Tendenz. «Eine Immobilie ist, auch wenn sie teils von Crowdfunding getragen wird, eben keine Smartwatch oder ein Kartenspiel», sagt Bieri. «Es kann durchaus sein, dass die Utopievorstellungen von einer demokratisierten Kreditvergabe im urbanen Raum sich schnell als gentrifizierender Albtraum von global entfesseltem, alles-penetrierendem Spekulationskapital entpuppen.» In New York wird sich zeigen, ob mit dem flottierenden Pool wirklich ein öffentliches Schwimmbad entsteht oder ein exklusiver Badetempel, an dem sich die Schönen und Reichen auf dem Hudson sonnen.


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