Im Kloster daheim

LEBENSENTSCHEID ⋅
16. April 2017, 09:43
JULIA NEHMIZ
Am Anfang war die Nacht. Dann heben sich schwarz die Hügel und Berge vom Himmel ab. Ein neuer Tag bricht an. Stille. Ein Vogel zwitschert. Stille. Kein Auto fährt durch das Innerrhoder Tal, die Seilbahn schwebt noch nicht auf den Kronberg, verlassen sind Rodelbahn, Kletterpark und Spielplatz.

Nebenan im Kloster Leiden Christi brennt Licht. Um 6 Uhr versammeln sich die zehn Kapuzinerinnen zum Mor­gengebet, «Laudes, Terz, Betrachtung». Ker­zenschein flackert im Gebetshaus. In dunkler Kutte sitzen Schwester Elisabeth und Mutter Oberin auf ihren Plätzen. Der Raum füllt sich, eine nach der anderen Schwester huscht herein, bekreuzigt sich mit Kniebeuge Richtung Altar, Schwester Antonia schiebt ihren Rollator durch den Gang, jemand hilft ihr auf ihren Platz. Den Blick nach vorne, hinter der Glasfront das schummrige Kirchenschiff mit dem goldenen Altar.

Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes.


Das Morgenritual: Gebet. Psalmen. Mehr gesungen als gesprochen. Der Ablauf ist selbstverständlich, das Chorgebet scheint über Jahrzehnte, Jahrhunderte eingeübten Mustern zu folgen. Das Gebet ist eine Art Meditation, sagt Schwester Rita später. "Es soll aus einem herausströmen."

Die Betenden wirken verloren im Gebetshaus. Erbaut wurde es 1981 für über 20 Schwestern. In den 1930er-Jahren lebten noch 45 Kapuzinerinnen im Kloster. Heute sind sie zu zehnt. Die älteste ist 92 Jahre alt. Doch das 165-jährige Kloster muss vorerst nicht um seine Zukunft bangen. Novizin Schwester Petra wird im Sommer ihre Zeitliche Profess ablegen, sie verspricht sich dem Kloster für drei weitere Jahre. Zwei Schwestern legen am Sonntag nach Ostern ihre Ewige Profess ab. Sie wollen für den Rest ihres Lebens im Kloster Leiden Christi bleiben. Ewige Profess. Schwere Worte für junge Frauen.

Schwester Chiara und Schwester Elisabeth freuen sich auf diesen Tag. "Das ist wie eine Hochzeit", sagt Schwester Elisabeth. "Es ist eine Hochzeit, mit Gott", sagt Schwester Chiara. Das klingt romantisch. Und die Schwestern treffen Vorbereitungen wie eine weltliche Braut vor der Vermählung. Wen lädt man ein? Wie gestaltet man die Einladungskarten? Was wird aufgetischt? Wie soll der Schmuck aussehen, den sie sich an den schwarzen Schleier stecken – oder doch lieber an die Kutte? Neulich war der Juwelier aus St.Gallen da, Schwester Chiara und Schwester Elisabeth probierten die Ringgrösse; als Zeichen der Ewigen Profess erhalten sie nebst der roten Kordel, die zur braunen Kutte um die Hüfte geschlungen wird, einen goldenen Ring mit eingraviertem Kreuz; getragen am Ringfinger der rechten Hand.

Mit ihren 25 Jahren ist Schwester Elisabeth eine der jüngsten Nonnen der Schweiz. In der Mittagspause lernt sie im Garten, auf den Knien Bücher und Notizen. Einmal pro Woche fährt sie mit dem Auto nach St.Gallen, dort absolviert sie die Ausbildung zur Katechetin. Sie freut sich, dass sie bald Religionsunterricht geben kann, vielleicht im Nachbardorf Gonten, vielleicht in einer Primarschule, vielleicht in einer Realklasse – aber auf jeden Fall gerne. "Ich kann mir gut vorstellen, Kindern Gott und Glaube näherzubringen", sagt sie, "Kinder han i u gern." Neulich durfte sie in einer Realklasse in Appenzell den Teenagern erklären, dass sie hinter Klostermauern glücklich lebt.

Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.

Klosterleben, im Jahr 2017. Es wirkt wie aus der Zeit gefallen, klingt eher nach Bestrafung als nach Freiheit. "Geh in ein Kloster", liess Shakespeare seinen Hamlet befehlen. Ophelia gehorchte nicht, wurde aber verrückt.

Die Kapuzinerinnen in Jakobsbad leben in Klausur. Eingeengt? Im Gegenteil, sagt Schwester Elisabeth. "Wir empfinden uns als Frauen, die ihren Glauben leben dürfen in Freiheit." Und sie empfangen Gäste, die im "Kloster auf Zeit" bei ihnen mitleben können.

Schwester Chiara jätet Unkraut im Rosenbeet. Die Sonne scheint, die Luft riecht frisch gewaschen, ein Wanderer grüsst. Wenn Schwester Chiara "daheim" sagt, meint sie das Kloster. Sie wäre gerne schon früher ins Kloster eingetreten. Doch wichtiger war ihr, die Mutter zu pflegen. "Meine zwölf Geschwister haben alle Familie, also fiel die Aufgabe auf mich." Schwester Chiara stellte ihre Wünsche hintenan. Jetzt nutzt sie alle Möglichkeiten, die sich ihr im Kloster offenbaren. Sie lernt Orgelspielen, hat zehn Küken aufgezogen, "für jede Schwester eines". Inzwischen leben 15 Hühner im Stall, "jetzt müssten nur wir Schwestern noch Verstärkung bekommen". Schwester Chiara versorgt die Hühner, die Kaninchen – "Ich würde sie auch essen, aber den anderen Schwestern schmeckt das Kaninchenfleisch nicht" –, hat Beete angelegt, eine Kerzenwerkstatt eingerichtet. Die gelernte Floristin blüht auf.

Du zeigst mir den Pfad zum Leben. Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle, zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.

Die Tage im Kloster folgen einem strengen Rhythmus. Kein Wunder, hängen überall im Kloster Wanduhren. Am Morgen Chorgebet, Eucharistiefeier, Morgenessen. Anschliessend Arbeit, Kaffeepause zum Znüni. Vor dem Mittagessen noch ein kurzes Gebet auf der Empore der Kirche. Nach dem Mittagessen Freizeit, dann wieder Arbeit. "Ding dang ding dong", ein Dreiklang ruft über Lautsprecher zu Vesper und Betrachtung, dienstags und donnerstags zur Eucharistiefeier. Nach dem Abendessen eine Stunde Komplet im Gebetshaus. Dann Freizeit, um 21 Uhr ist Nachtruhe. Dazwischen muss jede der Schwestern einmal eine halbe Stunde zum Gebet auf die Empore. Ein Tag im Monat ist frei. Drei Wochen Ferien hat jede Schwester pro Jahr, die in einem Schweizer Kloster verbracht werden können. Man darf aber auch eine Ferienwohnung mieten.

Auf dem Tisch im Speisesaal liegt neben den Tageszeitungen ein Blatt: "Um Frieden an der Arbeitsstelle" steht da, "um gute Prüfungen", "finanzielle Sorgen", "um Hilfe und Kraft für einen Vater mit vier Kindern (7–13), Frau an Krebs gestorben". Die Gebetsanliegen kommen per Telefon, Brief, Mail. Es kommen viele. Und die Schwestern beten. Für jeden, für jedes Anliegen. "Im Kloster Leiden Christi halten wir die ewige Anbetung ein", sagt Mutter Oberin. Auf der alten Stundentafel neben der Empore ist eingetragen, wer wann Gebet hat. Die zehn Schwestern bekommen Hilfe von aussen, Freiwillige, die daheim zur angegebenen Stunde beten.

Eine halbe Stunde beten: Kann man sich durchgängig auf die Anliegen konzentrieren? "Natürlich schweifen die Gedanken ab", sagt Schwester Dorothea. "Aber alles, was von Herzen kommt, ist Gebet." Sie leitet die Klosterapotheke. Die besten Ideen für neue Sirup- oder Punsch-Rezepturen hat sie im Gebet.

«Kein Gebet ist umsonst», sagt Schwester Veronica, 82 Jahre alt, tiefe Überzeugung in Augen und Stimme. Sie erhalten viele positive Rückmeldungen, das sei der schönste Dank, den sie bekommen können.

Gelobt und angebetet sei ohne End
das göttliche Herz und das Kostbare Blut im allerheiligsten Altarssakrament.


Schwester Elisabeth kam nach der Matura aus dem norddeutschen Bad Salzuflen ins Appenzeller Kloster. Sie hatte es über Internet gefunden und ein Jahr mit Mutter Oberin Mails und Briefe geschrieben. Als sie dann zu Besuch kommen durfte, spürte sie: "Hier gehöre ich hin. Ich betrat das Kloster und hatte das Gefühl, als sei ich schon ewig hier."

Jetzt wird sie auf ewig hier bleiben. Gezweifelt, gehadert hat sie nie. Es zieht sie nicht in hinaus, zum Studieren, zu einer Ausbildung, zu Freunden und Familie, zu Abenteuern oder zu einer Weltreise. "Hier im Klosterleben gehe ich voll auf." Mehr braucht sie nicht. Alles, was sie braucht, hat sie hier.

Und noch ein bisschen mehr: "Ich liebe Auto fahren" sagt Schwester Elisabeth. Popmusik dröhnt aus dem schwarzen Renault, sie kurbelt das Fahrerfenster hoch. "Musik liebe ich auch, ich kann nicht ohne sein." Das Kloster hat ein eigenes Auto, letztes Jahr fuhr Schwester Elisabeth damit zu ihren Eltern. "Zehn Stunden Auto fahren, herrlich."

Zum Zvieri trifft man sich am Küchentisch, Schwester Chiara greift in die Packung Fasnachtschüechli. "Gespendet, das müssen wir essen, das würde sonst schlecht", sagt sie verschmitzt. Die Kaffeemaschine läuft, Schwester Veronica stellt ein kleines Glas auf den Tisch. "Was, trinkst du ein Bier?", fragt Schwester Chiara. Schwester Veronica schält ­einen schrumpeligen Apfel und nickt glücklich: "Bei dem schönen Wetter habe ich Lust auf ein Bier, mein erstes diesen Frühling." Alkoholfrei, in homöopathischen Portionen – eine Drei-Dezi-Flasche reicht für drei Tage.

Zum Abendessen gibt es Sulz und Brot und die Reste vom Mittagessen, Speck und Würste, Salat und Kartoffeln. Fleisch in der Fastenzeit? "Wir sind Fleischtiger", sagt Schwester Chiara trocken. Und eh, zur Fastenzeit könne man ja auch auf etwas anderes verzichten als auf Fleisch.

Die Kuchen und Guezli, die die Schwestern backen, sind für den Verkauf bestimmt. Schwester Rita verteilt die Arbeit des Tages: Schwester Petra wird Früchtebrot backen, 20 Stück, Schwester Elisabeth und Schwester Rita backen Gallusstäbe, ein halbes Dutzend Bleche voll. Schwester Chiara versorgt die Tiere im Stall, Schwester Josefa und Schwester Veronica arbeiten im Garten, Schwester Dorothea in der Apotheke, Schwester Andrea sammelt Kräuter, dazwischen muss jemand Schwester Antonia zum Arzt fahren, das Büro besetzen, das Telefon abnehmen, es klingelt an der Tür, eine Lieferung Kerzen kommt an, zum Znüni kurz einen Kaffee im Büro, dann müssen die Gallusstäbe rüber in den Klosterladen, der Kiesplatz wird gerecht, die Einfahrt gefegt, "ding dang ding dong" ruft der Gong zum Gebet.

Gut ist es, unserem Gott zu singen, schön ist es, ihn zu loben.

In den Frühbeeten im Klostergarten grünen reihenweise Salat, Kresse, Frühlingszwiebeln. Im Gewächshaus selbstgezogene Setzlinge Randen, Sellerie, noch mehr Salat. Was Gemüse angeht, lebt das Kloster fast als Selbstversorger. "61 Jahre bin ich hier im Kloster, und seit 61 Jahren arbeite ich im Garten", sagt Schwester Veronica, 82 Jahre alt, wache blaue Augen, lustige Fältchen. "Das ist Berufsgnade, wenn man die erleben darf, das ist das Schönste", sagt sie. "Ich freue mich über jeden Tag, der mir geschenkt wird." Als Sakristanin des Klosters hat sie in den vergangenen 25 Jahren 30 Schwestern beerdigt, auf dem kleinen Friedhof im Garten hinter der Kirche reiht sich Kreuz an Kreuz. Die Grabblumen sind auch selbst gezogen.

Schwester Veronica blinzelt in die Frühlingssonne. Keinen einzigen Tag im Kloster hat sie bereut. Nie an ihrer Entscheidung gezweifelt. Klar gebe es auch mal Streit, Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten. "Aber wir reden alle miteinander." Auch mit den jungen Schwestern, die vieles anders machen. "Es ist wunderbar, dass neues Leben ins Kloster kommt", sagt Schwester Veronica. "Schwester Elisabeth und ich liegen auf einer Wellenlänge." Obwohl fast 60 Jahre die beiden trennen.

Barmherzig ist er allen, die ihm in Ehrfurcht nah’n; die Stolzen lässt er fallen, die Schwachen nimmt er an.

Nach der Komplet am Abend ist Freizeit. Die Sonne färbt Himmel und Berge golden und rosa. Schwester Josefa pflückt Löwenzahnsalat, Schwester Elisabeth spielt Zither, Schwester Chiara geht mit ihrem Dackel Leander spazieren, Schwester Rita und Schwester Dorothea üben mit Pudel Quira in der Hundeschule, die Katzen Simon und Elias stromern durch den Garten. Noch eine Besonderheit des Klosters: Haustiere sind erlaubt. "Die Tierliebe haben wir vom heiligen Franziskus", sagt Schwester Chiara.

Zum Abschied steht Novizin Schwester Petra vor der Kirche. Es war ihr wichtig, Gebete und Geschichte des Klosters zu erklären. Der Leib Christi, Hostienwunder, die Kraft der Gebete – als Gast darf man daran teilhaben. Auch wenn es sich einem nicht ganz erschliesst. "Das macht nichts", sagt Schwester Petra. "Wer es fassen kann, der erfasse es."

Leserkommentare

Anzeige: