IQ ist nicht alles

GEHIRN ⋅ Intelligenz ist ein breites Spektrum von Verhaltensweisen, mit denen wir uns in der Welt bewegen, sagt der Hirnforscher Jürg Kesselring. Das Gehirn organisiert diese und hört nie auf zu lernen.
01. April 2017, 05:17
Bruno Knellwolf

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bruno.knellwolf

@tagblatt.ch

Im Internet schiessen Intelligenztests ins Kraut. Auf Beratungs- und Laufbahn-Webseiten kann man mit ein paar Klicks seine Intelligenz testen. Schwierig, da eine Übersicht zu gewinnen. Aber es gibt immer noch den klassischen IQ-Test, den Alfred Binet und Théodore Simon im Jahr 1905 entwickelt haben. Intelligenz ist zwar kein genau messbares Konstrukt. Mit dem standardisierten Test lässt sich aber eine Interpretation machen.

Ein Intelligenzquotient von 100 ist ein Mittelwert der Bevölkerung – wer mehr als 130 hat, gilt als hochbegabt. Man geht davon aus, dass zwei Prozent der Bevölkerung einen solch hohen IQ haben, wie Jürg Kesselring, Chefarzt Neurologie & Neurorehabilitation an der Klinik Valens und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Hirnliga, bestätigt. Allerdings kann auch ein Hirnforscher dem Gehirn die Intelligenz nicht ansehen. Das zeigte sich auch, als man das Hirn von Albert Einstein sorgfältig untersucht hat. «Man fand kleine Unterschiede, aber nicht bei der Neuronen-Zusammensetzung, wie man es bei einem solch intelligenten Menschen erwartet hätte, sondern bei den Gliazellen», sagt Kesselring. Diese sind das Stützgewebe, der Kitt des Hirns, den Hirnforscher aber nicht primär mit der Intelligenz eines Menschen zusammenbringen.

«Ich halte nichts davon, dass man eine Momentaufnahme eines Hirns betrachtet, um eine Funktion wie Intelligenz zu beschreiben, die über Jahre und in einem sozialen Kontext abläuft», sagt Kesselring. Der IQ habe durchaus eine Aussagekraft und teste verlässlich unsere westliche Schulintelligenz, aber er zeige nur einen kleinen Teil der Persönlichkeit und könne nicht als einziges Instrument genommen werden, zum Beispiel bei einer Anstellung einer Person. «Intelligenz ist ein breites Spektrum von Verhaltensweisen, mit denen wir uns in der Welt bewegen. Und der Körperteil, der das organisiert, ist das Gehirn.»

Doch wie weit ist Intelligenz Veranlagung? Das sei schwer zu differenzieren. Vater und Mutter liefern nicht nur das Erbgut mit, sondern auch die Umwelt, in der das Kind aufwächst. «Macht ein Kind zum Beispiel die Matura, ist es beeinflusst durch die Peer-Gruppe, in der es sich bewegt und nicht nur durch seine geerbten Anlagen. Ich bin mir sicher, dass man nie ein Intelligenz-Gen finden wird, dank dem man sagen kann, wie man auf der IQ-Skala steht».

Für Hochbegabung braucht es eine Vorgabe

Für eine Hochbegabung muss nach Kesselring doch einiges vorgegeben sein. Aber auch dann spielt die Umwelt eine Rolle. Intelligenz hat mit Gedächtnisleistung zu tun. «Jene die freundlich eingeladen werden, ihre Begabung zu entwickeln, werden die besten Resultate erzielen.» Wer seine Intelligenz erhöhen wolle, müsse versuchen, von den Besten zu lernen, sich täglich zu verbessern. Auf den Schultern eines Riesen, sehe man als Zwerg weiter, als der Riese selbst. Aber es gebe auch jene, die auf dem Buckel der Erniedrigten balancierten, das führe nicht zu mehr Intelligenz.

Viele suchten nach einem Medikament, um die Intelligenz zu verbessern. Eine Tablette, um leichter Französisch zu lernen, werde es aber nie geben. Kesselring glaubt auch nicht an das Multitasking, mit dem viele angeben. Es gebe Menschen, die schnell von einer Denkaufgabe zur nächsten wechseln könnten, aber sie lösten diese nicht gleichzeitig. Für das Lernen brauche es eine gewisse Ruhe, eine Abgleichung des Wissens und Repetition, Übung.

Heute allerdings bewegen wir uns im digitalen Zeitalter mit seiner flüchtigen Wissensvermittlung. Da fürchten viele um die Intelligenz unserer Gesellschaft. Schwächt die künstliche Intelligenz die menschliche? Früher habe ein Mensch Zugverbindungen und Telefonnummern auswendig gewusst. Heute habe er Apps dafür. Eine Sprachkompetenz, um sich in einem fremden Land unterhalten zu können, werden Apps allerdings nicht liefern. Eine Sprache müsse weiterhin geübt werden. «Grundkompetenzen werden weiter gefragt sein», sagt Kesselring. Ob digitale Geräte der Intelligenz schaden, wird laufend untersucht. Immerhin hat man in einer Studie herausgefunden, dass Menschen, die ihr Handy viel am Ohr hatten, schlechtere Gedächtnisleistungen hatten. In dieser Hinsicht für relevanter hält Kesselring allerdings, die Gefahr der Ablenkung durch Smartphone und Co. Ohne Konzentration könne Begabung nicht befördert werden.

Schweizerische Hirnliga Die Schweizer Hirnforschung gehört zur Welt- spitze. Vor diesem Hintergrund haben Wissenschafter 1995 die Schweizerische Hirnliga gegründet.


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