Hoch hinaus auf Rollen

Bei Olympia 2020 in Tokio steht erstmals Skaten auf dem Programm. Längst nicht die ganze Skater-Szene ist darüber erfreut.

16. Oktober 2016, 02:35
Annika Schmidt

Das Brett rast die Vertikale hinunter und wieder hoch. Fabio Martin nimmt das Brett in die Hand und schwebt einen Moment in der Luft – der «Method Grab». Im Flug spürt er, dass er es nicht zurück auf das Brett schaffen wird. Er schmeisst es weg und landet auf den Füssen. «Das war ziemlich <sketchy> », meint ein Skater. Was «unsicher» oder «heikel» bedeutet. Im Betonpark zwischen Autobahn und Kreuzbleiche in St. Gallen fühlt sich Fabio Martin wohl. Der 20-Jährige skatet schon seit sieben Jahren. Heute gehört er europaweit zu den Besten in der Disziplin Bowl. Diese Bowl gleicht einer zwei Meter tiefen Swimmingpool-Schüssel – ohne Wasser. «Wenn man fällt, raspelt es die Haut ab», warnt ein Jugendlicher. Daran ist sich Martin gewöhnt. «Ausser drei Platzwunden und zwei Fingerbrüchen ist mir erstaunlicherweise noch nie etwas passiert.»

Der St. Galler hat kürzlich den Bescheid erhalten, dass er an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio teilnehmen darf. «In den kommenden vier Jahren kann ich jederzeit zu Drogentests aufgefordert werden. Auch muss ich meine Ferien angeben», erklärt Martin. Im August hatte das Internationale Olympische Komitee (IOK) entschieden, Skaten ins Olympia-Programm aufzunehmen. Skateboard wird als Schlüsselsport angesehen, um ein junges Publikum für Olympia zu begeistern. Nach diesem Beschluss tobte es in der Skater-Szene. Der Haupteinwand: Skaten sei kein Sport, sondern ein Lebensstil. «Wir sind die Antithese zu allem, wofür die Olympischen Spiele stehen», lautet der Grundtenor.

Die Schweiz ist auf den Aufschwung angewiesen

Urs Morgenegg, Verbandspräsident der Swiss Skateboard Association, sieht hingegen grosses Potenzial. Sein Verband ist dafür zuständig, Swiss Olympics ein Team aus Schweizer Skatern vorzuschlagen. «Bestimmt wird es durch Olympia einen Aufschwung in der Schweizer Skater-Szene geben», sagt Morgenegg. Die Schweiz sei im Gegensatz zu den USA auf die Popularität der Olympischen Spiele angewiesen, damit der Bau von Skateparks und Hallen vorangetrieben wird. Die USA gelten in Sache Infrastruktur als Skateboard-Mekka, die Schweiz als Entwicklungsland. Fabio Martin sieht im Hinblick auf Tokio eine Schwierigkeit in der Bewertung. «Wenn der Wettkampf nur an einem Ort ausgetragen wird, ist es schwierig zu entscheiden, wer der Beste ist.» Ändere sich beispielsweise der Radius einer Bowl, mache das einen grossen Unterschied für den Fahrer. «Bei Olympia geht es zudem, anders als bei normalen Contests, nicht um Gemeinschaft und Freiheit. Es ist Geldmacherei.» Auch beim Snowboarden habe nach der Aufnahme in die Olympischen Spiele eine Kommerzialisierung stattgefunden. Kommerz – ein Wort, bei dem viele Skater den Kopf schütteln.

«Entscheidend ist aber, was wir aus dem Event machen», so Martin. Wenn sie ihrem Lebensstil treu blieben, sei es eine Chance, Millionen von Menschen zu zeigen, welche Lockerheit dieser Sport mit sich bringe. Denn viele denken, Skater seien Kiffer und Trinker. Das treffe überhaupt nicht auf aktive Skater zu. Mit dem olympischen Stempel könne sich das Image verbessern. Zudem steige dann das Interesse der Marken, in den Sport zu investieren. Bei diesen Argumenten verebbt dann auch die Schimpferei über Olympia im Skatepark Kreuzbleiche.

Auf der Bank liegen Energy-Drinks, Pullover und gedrehte Zigaretten. Aus der Boombox dröhnt Musik. Das Brett unter den Arm geklemmt, passieren junge Skater den Park. Ein Handschlag mit den Grossen, und ab aufs Brett! Jeder kennt sich. «Es gibt zwei Typen von Skatern», erklärt Morgenegg. «Die einen sehen Skaten als reinen Spass, andere fokussieren sich auf das Training. Wir suchen für das Olympia-Team nach Skatern der letztgenannten Kategorie.» Nebst Fabio Martin sind bis jetzt vier weitere Skater nominiert. Zudem erhofft sich auch Snowboardprofi Iouri Podlatchikov eine Teilnahme in Tokio. Denn Skaten habe seine Jugend sehr geprägt. «Abgesehen von seinem Talent auf dem Skateboard ist eine Teilnahme von Podlatchikov sinnvoll, da er schon Olympia-Erfahrungen im Gepäck hat», meint Morgenegg.

Brötchen mit Skaten verdienen

Socken von Stance, Schuhe von Vans, Kleider von Dickies und das Brett von Santa Cruz. Von Kopf bis Fuss wird Fabio Martin eingekleidet. In der Schweiz fahren nicht viele Skater auf einem Niveau, bei dem sie ein Sponsoring erhalten. Deshalb sucht eine Marke den Skater aus und nicht umgekehrt. «Markenvertreter beobachten dich bei einem Contest, verfolgen deine Fortschritte und bieten dir schliesslich ein Sponsoring an», sagt Martin. Man fange klein an, mit Rabatten. Später erhalte man Ausrüstung und Reisebudgets. Am Schluss wird einem ein Lohn gezahlt. Mit Red Bull reiste der St. Galler in die USA. Unter anderem in Singapur, Italien und Belgien nahm er an Contests teil. Ein ambitionierter Schweizer Skater ist schnell gezwungen, die Landesgrenze zu verlassen. So auch Jonny Giger: Der 24jährige Skater aus Gams zählt auf seinem Youtube-Kanal 84 000 Abonnenten. Die Hälfte davon kommt aus den USA, etwa drei Prozent aus der Schweiz. Seit einigen Wochen ist er offizieller Pro-Skater und damit der einzige in der Schweiz. Als solcher gilt man, sobald man ein Brett von einer Marke mit seinem Namen darauf erhält. Pro steht für Professional. «Seit meiner Ernennung verdiene ich meine Brötchen mit Skaten.» Vor zehn Jahren hatte Jonny Giger von seinem Vater ein billiges Brett geschenkt bekommen, das er als Transportmittel benutzte. «Was er mit dem Kauf auslöste, ahnte er zu diesem Zeitpunkt nicht.» Wenn der 24-Jährige heute mit dem Auto durch eine Stadt fährt, begeistert er sich für unscheinbare Dinge wie ein paar Stufen oder ein Geländer. «Die ganze Welt dreht sich um dein Brett.»

Die Ostschweiz zählt einige grosse Skateparks: St. Gallen, Arbon, Weinfelden, Wattwil und Frauenfeld. In Wil soll demnächst für 350 000 Franken ein weiterer gebaut werden. Häufig sprechen sich aber Gemeinden oder Anwohner gegen einen Skatepark aus. Grund dafür: hohe Kosten und Lärm. Ein Beispiel ist Arbon. Gegen das Baugesuch reichten die SVP und der Vogelschutz Einsprache ein. Erst nach neun Jahre langem politischem Zerren und Ziehen ist das Surren der Skateboards dort zu hören. Im Sommer können sich die Sportler also austoben, im Winter fehlt es jedoch an Hallen. «Das erschwert den Ausbau der Ostschweizer Skater-Szene», sagt Profi-Skater Jonny Giger.

In der Kreuzbleiche fährt man im Dunkeln

In St. Gallen hat das städtische Jugendsekretariat letzten Winter eine provisorische Halle organisiert, in der die Skater trainieren durften. «Wir haben eine eigene Holzrampe gebaut», sagt Fabio Martin. Dieses Jahr steht die Halle nicht mehr zur Verfügung. Kein Einzelfall: In Werdenberg musste eine Skaterhalle einem Busbahnhof Platz machen. Ab 2017 wird jedoch in Winterthur eine Freestyle-Halle eröffnet, die auf 6000 Quadratmetern Trendsportarten unter einem Dach vereint. Es ist der erste betonierte Indoor-Skatepark in der Schweiz. «Trotzdem kann sich kein Elfjähriger zwei- bis dreimal pro Woche ein Zugticket nach Winterthur leisten», sagt Martin. In den Ferien leitet er das Ferienangebot «Sommerplausch». Er selbst war durch ein solches Programm auf den Sport gekommen. «Zu sehen, wie Kinder nach drei wackligen Tagen schon problemlos geradeaus fahren können, macht mir Freude.»

Giger und Martin sprechen von einem deutlichen Zuwachs in der Ostschweiz. Skaten ist «in». «Und trotzdem fahren wir im Dunkeln», bemängelt Fabio Martin den Umstand, dass es in der Kreuzbleiche kein Licht gibt. «In jedem Kaff ist Licht selbstverständlich – hier nicht. Wenn es nass oder dunkel ist, müssen wir auf die Strassen ausweichen.» Meistens werden sie weggeschickt. Wer am Bahnhof St. Gallen skatet, erhält eine Busse. Giger fügt hinzu: «Die konservative Schweizer Architektur mit rollenfeindlichen Pflastersteinen macht es einem als Skater nicht leicht.»

Hin und wieder sind Rufe von den Spielern auf dem Fussballfeld von nebenan zu hören. Eine Gruppe rauchender Jugendlicher sitzt auf dem Boden. Sie sind ohne Brett auf die Kreuzbleiche gekommen. Fabio Martin nervt sich über Kiffer, die im Skatepark herumlungern. Die Polizei kreuze fast täglich im Park auf und durchsuche manchmal Kleider und Taschen nach Hanf. «Das wirft ein sehr schlechtes Licht auf uns.» Ansonsten beobachten ältere Menschen, Jogger und Kinderwagen vor sich herschiebende Mütter das Geschehen im Betonpark mit Faszination.

«Thrasher» – nicht nur für Skater bestimmt

«Wie ein Skater aussieht, kann ich nicht beschreiben», lacht Martin. Selbst trägt der 20-Jährige eine weit geschnittene Arbeiterhose, ein Cap und silberne Fingerringe. Zurzeit inspiriert der Lifestyle der Skater die Modewelt. Statt eines Gürtels greifen Männer zu Schuhbändeln. Frauenmodels tragen breite Skatepullover. Besonders beliebt ist der Aufdruck «Thrasher». Die Skater-Szene wird zum Geschäft. «Kein Vertrieb kann einzig von kleinen Skate-Shops überleben, sondern nur mit der breiten Masse», erklärt Martin. Von den hohen Verkaufszahlen würden aber auch Skater profitieren. Dem stimmt Giger zu: «Die Einstellung <Ich darf nur das anziehen, wenn ich skaten kann> ist problematisch. Aber genauso problematisch sind Kinder, die in Thrasher-Pullovern rumstolzieren, ohne zu wissen, dass <Thrasher> der Name eines Skate-Magazins und keine Kleidermarke ist.»

Auf die Frage, was Skaten so besonders macht, antwortet Fabio Martin: «Dass mir niemand vorgibt, was ich lernen muss.» Skaten ist ein Lebensstil, der Park wie eine Familie. Die Altersspanne ist gross: 10- bis 50-Jährige schweben auf den fahrenden Brettern in St. Gallen. Frauen findet man hingegen fast keine. In dieser Welt gibt es keine Trainer, Pläne und Physiotherapeuten. Man lernt am Modell: Videos schauen, Mut fassen, Tricks ausprobieren. Wenn einer besser ist, gucken die anderen es ihm ab. Jeder wird akzeptiert. Nach zwei Besuchen im Park ist man dabei. Konkurrenzdenken – fehl am Platz. Gefragt sind Durchhaltewillen, Disziplin und Respekt. «Wir achten darauf, nicht fremdbestimmt zu werden.» Das ist das höchste Gut. Das ist Freiheit. Fabio Martin bekennt: «Skaten ist eine Sucht.»

Ein Skater fährt auf dem Brett Richtung Stufen, setzt zum Trick an. Portemonnaie und Handy hat er vorher abgelegt. Die stören nur. Er geht in die Knie. Bereitet sich auf den Absprung vor. Gestanden. Langsam entfernt sich das Surren von der Kreuzbleiche. Morgen rollen sie wieder an.


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