Heldentat in 208 Sekunden

FILMBESPRECHUNG ⋅ «Sully» von Clint Eastwood feiert die Heldentat eines US-Piloten und schildert die psychischen Belastungen dahinter. Der Schweizer Pilot und Instruktor Urs Baltisberger ist vom Film begeistert.

29. November 2016, 08:12
Andreas Stock
208 Sekunden. Was lässt sich in so kurzer Zeit vollbringen? Im Falle von Chesley «Sully» Sullenberger, Pilot der US Airways, eine Heldentat. Als «Wunder vom Hudson» ging seine Notwasserung des Airbus A 320 am 15. Januar 2009 durch die Medien.

«Sully» von Regisseur Clint Eastwood und Drehbuchautor Todd Komarnicki rekonstruiert das fliegerisch historische Ereignis und fesselt, obwohl der glückliche Ausgang bekannt ist. Kurz nach dem Start vom New Yorker Flughafen La Guardia gerät der Flug 1549 in einen Schwarm von Wildgänsen. Durch den heftigen Vogelschlag fallen beide Triebwerke aus. Der Flieger mit 155 Personen an Bord soll zurück nach La Guardia. Doch Kapitän Sullenberger (Tom Hanks) entscheidet innerhalb weniger Sekunden, dass ihre geringe Flughöhe nicht ausreichen dürfte, um einen Flughafen zu erreichen. Vielmehr wagt er mit seinem Co-Piloten Jeff Skiles (Aaron Eckhart) etwas, was noch niemand tat: Er macht im eiskalten Wasser des Flusses Hudson eine Notlandung.

 

Urs Baltisberger, Pilot und Chefinstruktor. Zoom

Urs Baltisberger, Pilot und Chefinstruktor. (PD)

Realistische Schilderung «Einen Fall wie diesen kann man nicht trainieren, weil er so ungewöhnlich ist», sagt Urs Baltisberger. Seit 15 Jahren ist er Chefausbilder und selbst erfahrener Chefpilot. Baltisberger hat sowohl die A 320 wie auch die A 330 und A 340 geflogen. Zusammen mit einer Gruppe Journalisten hat er sich «Sully» angesehen und zeigt sich danach sehr beeindruckt vom Film.

Vogelschlag gäbe es ab und zu, «aber kaum je so heftig, mit so vielen grossen Vögeln», sagt Baltisberger, der auch schon erlebte, wie Vögel ins Triebwerk geraten sind. Beim allerersten Flug als Chefpilot, 1998, habe er mit einer A 320 einen Mäusebussard erwischt. Es habe kurz leicht geschüttelt. «Doch danach hat es tatsächlich einen Moment lang nach Poulet gerochen.»

Sullenberger habe den Mut gehabt, im richtigen Moment die Checkliste wegzulassen. Nicht ihrer strengen Chronologie zu folgen setze sehr viel Erfahrung voraus. Die habe der US-Pilot, der seit mehr als 40 Jahren fliege. «Aber es ist eine Frage, die uns in der Ausbildung immer wieder beschäftig: Lehren wir das Richtige?» Sully habe einen aussergewöhnlichen Entscheid gefällt: «Er entschied etwas zu machen, was noch niemand getan hatte. Doch er verfügte über die fliegerischen Fähigkeiten für eine Notwasserung.» Es habe aber auch Glück dazugehört: «Das Wetter war gut, der Flieger noch steuerbar und es hatte wenig Wellengang auf dem Fluss, darum hat es die Flügel nicht abgerissen.»

Urs Baltisberger lobt den Film nicht nur für eine sehr realistische Darstellung der Ereignisse im Flugzeug, sondern auch wie er schildert, was nach der Notlandung passiert. Wie sich Sully darum sorge, ob alle überlebt haben, die langwierigen, quälenden Untersuchungen der Flugsicherheitsexperten und Versicherungen, die Albträume, unter denen der Pilot leide, das sei alles sehr glaubwürdig.

 



Bauchgefühl versus Computer

Clint Eastwood steigt in den Film überraschend mit einer Katastrophe ein. Einem der Albträume, die Sullenberger quälen. Im Hotelfernseher wird der Pilot als Held gefeiert, doch die Kommission des National Transportation Safety Boards konfrontiert den erfahrenen Piloten mit harten Fragen: ob er Probleme in der Familie habe. Wieso er nicht in La Guardia oder einem nahegelegenen Flughafen gelandet sei, wie die Flugkontrolle geraten habe? Das «Bauchgefühl» von Sully, der überzeugt ist, dass sie keine dieser Landebahnen sicher erreicht hätten, steht in der Folge den Simulationsflügen der Behörden gegenüber, die zu anderen Ergebnissen kommen.

Drehbuch und Regie rücken den Piloten ins Zentrum, schildern eindrücklich seine Zweifel, ob er das Richtige getan hat: «Ich habe über 40 Jahre lang 1 Million Menschen befördert – aber am Ende werden sie über 208 Sekunden entscheiden.» Zwei Rückblenden führen in die fliegerische Vergangenheit von Sullenberger, der sagt: «Fliegen ist mein Leben, mein ganzes Leben.» Ausserdem gibt es emotionale Telefonate, die er während der langwierigen Untersuchung mit seiner Frau (Laura Linney) führt. Eastwood bringt hier seinen auf das Wesentliche reduzierten, schnörkellosen Inszenierungsstil wirkungsvoll zur Geltung und entwickelt daraus eine emotionale Kraft.

Spannend sind in der zweiten Filmhälfte die Simulationsflüge, die beweisen sollen, dass Sullenbergers Entscheid falsch war. Urs Baltisberger ist nicht nur beeindruckt, wie ruhig und konzentriert der Kapitän und sein Co-Pilot während der Notsituation geblieben sind. («Bei der Selektion der Piloten ist die Stressresistenz ein wichtiges Thema und ein grosser Teil der Ausbildung»). Ihn hat auch beeindruckt, wie ruhig Sullenberger bei den Anhörungen war. «Ich weiss nicht, ob ich so ruhig bleiben könnte», gesteht der Chefinstruktor. Im Film wirkt die Untersuchung gegen den Piloten sehr hart. Aber grundsätzlich würde das in der Schweiz wohl ähnlich ablaufen. «Ich will das nicht heroisieren», sagt Baltisberger, «aber der Film macht deutlich, welche Verantwortung ein Pilot trägt und wie er für sein Handeln verantwortlich gemacht werden kann.» Und er betont, wie wichtig Co-Pilot Skiles war, der dem Captain zugedient und geholfen habe.

Filmisches Denkmal für 1200 Menschen

Urs Baltisberger ist dem Piloten einmal begegnet: «Sully kam in die Schweiz und ich habe kurz mit ihm reden können. Er ist kein Helden-Typ, kein Showman, sondern eher unauffällig. Tom Hanks stellt ihn sehr gut dar, beispielsweise wie ihm die Aufmerksamkeit fast unangenehm ist.»

Zum filmischen Denkmal, das Clint Eastwood hier errichtet, gehören auch die 1200 Arbeiter und Helfer, die an der Rettungsaktion beteiligt gewesen waren. Ihnen ist ein Eintrag im Filmabspann gewidmet, und Eastwood setzt sie auch bewusst in Szene. Da frotzeln zwei junge Polizisten vor ihrem Dienst miteinander über Baseballspieler, um dann vom Rettungshelikopter aus in den eisigen Fluss zur Rettung von Passagieren zu springen. Auch die spontane Aktion der Kapitäne der Fährboote auf dem Hudson wird zelebriert. Der bescheidene Chesley Sullenberger wird sagen, dass nicht er allein, sondern sie alle dazu beigetragen hätten, dass «das Wunder vom Hudson River» möglich wurde.

Ab Donnerstag im Kino


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