Gemalte Souvenirs

Seesicht Die Untersee-Maler sind mit dem Tourismus gross geworden. Nun haben aber Fotokameras ihre Kunst ersetzt – und stellen Maler wie Urs Graf vor die Frage, was sie mit dem See anstellen sollen. Lukas G. Dumelin
14. September 2012, 01:34

Sein Traum aus Beton steht hoch über dem Untersee: Das Haus des 69jährigen Künstlers Urs Graf ist ein moderner Quader mit Flachdach, offenen Räumen, klaren Linien – und grossen Fenstern, die den See ins Wohnzimmer holen.

Im Wohnzimmer sitzt Urs Graf oft. Er sitzt und schaut. Hinunter nach Ermatingen, hinaus auf den See. Der Wind zeichnet Spuren auf das Wasser, das am Ufer hellgrün, in der Seemitte blaugrün und mancherorts violett leuchtet. «Ich kann lange schauen», sagt Graf. «Weil man irgendwann in sich selber hineinschaut.» Der See ist wie ein Gemälde, ein Echoraum für Gefühle und Gedanken: Plötzlich wird man auf sich selbst zurückgeworfen. «Statt Kunst zu machen», sagt Graf, «müsste ich eigentlich die Menschen einfach dazu auffordern, aufs Wasser zu schauen.»

Nur keine «schifflihaften» Bilder

Urs Graf macht aber Kunst. Vielleicht, weil schon sein Vater Kunst gemacht hat. 1988 ist Ernst Graf gestorben, und lange vor seinem Tod gehörte es in Ermatingen zum guten Ton, einen «Graf» in der Stube aufgehängt zu haben. Ernst Graf lebte von den Landschaftsbildern, obwohl er nicht wie viele andere das typische Motiv malte: Sommer am See, versehen mit neckischen Wölkchen und weissen Segeln auf dem Wasser. Nein, Graf mochte das «Schifflihafte» nicht. Ihm war der Herbst und der Winter lieber.

Dass Ernst Graf unter den Untersee-Malern aber eine Ausnahme ist, zeigt zurzeit eine Ausstellung auf der Insel Reichenau. «Seefarben» heisst sie, und ausgestellt sind in Mittelzell Werke von zumeist deutschen Künstlern. Ob Otto Marquardt, Heinrich Lotter, Robert Poetzelberger oder Bernhard Schneider-Blumberg: Sie alle haben zumeist die idyllischen Seiten des Untersees eingefangen. Es sind Ansichten eines lieblichen Sees, der mit seinen vielfältigen Stimmungen und der kleinräumigen, abwechslungsreichen Landschaft rundherum die Maler in den letzten 150 Jahren immer wieder fasziniert hat. Im Gegensatz zum grossen Obersee, wo sich das gegenüberliegende Ufer zu einem Strich am Horizont verflacht, ist am Untersee alles nah. «Der Seerücken und der Bodanrücken im Norden rahmen den See wie ein Bild», sagt Gert Zang, Historiker und Geschäftsführer des Museums Reichenau.

Kirchen und Klöster zeugen von der Bedeutung der Region. «Der Untersee selber diente nicht nur als Fischgrund, sondern auch als eine Art Autobahn des Mittelalters für den Handel von Norden über den Rhein und den Obersee nach Süden», sagt Zang. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts setzte der Fremdenverkehr ein – und damit begann auch die Malerei am Untersee, da die Reisenden nicht zuletzt Geld mitbrachten für gemalte Souvenirs. Nach der Erfindung der Farbtube stürmten nicht nur französische Impressionisten ins Freie, in die Landschaft und ins Licht, sondern auch viele Künstler ans Unterseeufer.

Studienwochen am Untersee

Den ersten Reisenden folgten bald Professoren bekannter deutscher Kunstakademien. Mit ihren Studenten verbrachten sie Sommer für Sommer Studienwochen am Wasser. Manch einer der Studenten kehrte danach immer wieder zurück – oder verlegte den Wohnsitz gar hierher. Auch in den Dörfern begannen darauf einige zu malen.

So entstanden die oft naturalistisch-naiv anmutenden Bilder, die alle Dramatik aussparen. Weder Stürme noch Hinweise aufs stürmische Zeitgeschehen sind zu sehen. Ob Wirtschaftskrisen, Weltkriege oder der Nationalsozialismus: «Probleme», sagt Gert Zang, «wurden nie gemalt.» Auch nicht von Malern wie Otto Dix. 1933 entliessen die Nazis den Dresdner Kunstprofessor wegen seines «entarteten» Stils. Bald darauf zog Dix an den Untersee – und malte fortan auf der Höri nur noch Landschaften. Für andere Bilder hätte er keine Bezugscheine für Malutensilien mehr erhalten.

Eine unüberwindbare Grenze

So klein der Untersee ist: In der Nazizeit war er eine unüberwindbare Grenze. Während Hitlerdeutschland auf den Krieg zusteuerte, schaffte im kleinen Berlingen ein Fabrikarbeiter mit Landschaften, Stillleben und Tiermotiven den internationalen Durchbruch. Adolf Dietrich, der von 1877 bis 1957 gelebt hat, ist einer der bekanntesten Maler, den die Region hervorgebracht hat. Seine Bilder öffnen ihren Betrachtern bis heute die Augen für die Stimmungen am See, die im Zusammenspiel von Sonne, Wolken, Wassertiefe, Pflanzen im Wasser, Wind und Wellen entstehen.

Stimmungen, die heute nur noch wenige Maler einfangen. «Die Zeit der Landschaftsmalerei ist vorbei», sagt der Historiker Gert Zang. «Wozu auch Landschaften malen, wenn heute jeder Tourist eine Digitalkamera dabei hat?»

Ja, wozu Landschaften malen? Urs Graf, der Sohn eines Landschaftsmalers, hat sich die Frage auch schon gestellt. Und arbeitet längst nicht mehr nur mit Farben und Leinwand, sondern auch mit Videokameras, Fotoapparaten, Computern. «Ich bin überzeugt», sagt der Künstler aus Ermatingen, «wenn Picasso noch leben würde, würde er wie wild auf Computertastaturen herumhämmern.»

«Diese Frage treibt mich um»

Auch wenn der See im Leben von Urs Graf immer eine zentrale Rolle gespielt hat: Er hat ihn nur selten in einem Werk zum Thema gemacht. «Aber die Frage, was ich mit dem See anstellen könnte, treibt mich bis heute um», sagt Graf. Dieses Jahr ist nun eine Collage entstanden. Drei Elemente ergeben «Urs am See»: ein Foto (Graf als Bub mit Pelerine), ein paar Pinselstriche (gefunden auf einem Ausschusspapier) und die Silhouette von Konstanz (einem Werk des Vaters entnommen). Es ist ein Versuch, nicht nur die Landschaft abzubilden, sondern ein Bild der Landschaft mit Aussagen anzureichern – und es dem Betrachter zu überlassen, was er im Werk alles entdeckt.

«Seefarben», bis Ende Oktober im Museum Reichenau, Mittelzell. Infos: www.museumreichenau.de

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