Flüssiger Salat zum Frühstück

In Hollywood sind sie nicht mehr wegzudenken: Menschen, die mit grünen Säften in der Hand über die Strasse huschen. Unterdessen gehören Smoothies mit Gemüse auch hier zum modernen Lifestyle. Wie gesund sie wirklich sind.
28. August 2014, 08:39
Diana Bula

7.15 Uhr, Versuch eins. Salat kommt in den Mixer, mit Ananas und Banane. Das ist kein Beweis für kurioses Essverhalten, nicht mehr. Sondern so testet man einen Lifestyle-Trend aus den USA: grüne Smoothies, ein Gemisch aus Gemüse, Früchten und Wasser. Model Rosie Huntington-Whiteley, Actrice Kristen Stewart und andere Stars setzen schon eine ganze Weile auf solche Drinks. «Männer lieben ihre Autos, ich liebe meinen Vitaminmix», pflegt etwa Model Miranda Kerr zu sagen.

Eine Saftreisende

Nicht in Hollywood, sondern in Zürich: Jammert ein Kunde über einen schlimmen Tag, empfiehlt ihm Tiffany Kappeler «Good Vibrations», ein Gemisch aus Apfel, Fenchel, Pfefferminz und Zitrone. Vor zwei Monaten hat die 28-Jährige die Saftbar Sasou eröffnet. Natürlich im Kreis 5, dem Trendquartier. «Ich bin viel gereist und habe mich in Asien, Südamerika oder Kenia in die frischen Säfte verliebt. Wieder daheim wollte ich nicht darauf verzichten», sagt sie.

Heute ist Kappeler Jungunternehmerin; bis zu 60 Getränke gehen pro Tag weg (10.90 Franken für einen halben Liter). Zu den Kunden zählen trendbewusste Junge ebenso wie Ältere, die seit je Gemüse- und Obstsäfte konsumieren. Die Säfte, sie heissen nun Smoothies, die Rohkost, aus der sie stammen, nennt sich Raw Food. Und Raw Food ist nicht mehr nur gesund, sondern auch hip, wie Food-Blogs und Bücher suggerieren. Sie vermehren sich wie Fruchtfliegen auf überreifem Gemüse, versprechen Rezepte von «kinderleicht bis gourmetköstlich».

Vitamine to go

«Gesundes Essen ist zu einem Statussymbol geworden», sagt Mirjam Hauser, Trendforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut. Und: «Wir sind zwar oft unterwegs, wollen uns aber auch dann Gutes tun.» Die grünen Säfte und die Läden, in denen sie erhältlich sind, treffen den Zeitnerv: Vitamine to go. «Gesund zu essen bedeutet heute nicht mehr Verzicht oder Diät. Der moderne Mensch will ausgewogene Ernährung und Genuss», sagt Hauser.

Auch Tiffany Kappeler verbindet mit ihrer Saftbar beides: «Sich gesund zu ernähren soll Spass machen.» Die Namen der Drinks verdeutlichen dieses Anliegen: Für Grüne-Smoothie-Einsteiger eigne sich etwa «Hakuna Matata» mit den vielen Früchten. «Er ist nicht so bitter», sagt Kappeler. «Karma Police» hingegen sei für Fortgeschrittene. Die Zutaten: Gurke, Sellerie, Spinat, Birne, Petersilie, Koriander und Zitrone, samt Schale und Kernen vermanscht. «Für viele Menschen ist es befremdlich, ein kaltes Getränk zu schlürfen, das nicht süss wie Cola oder Eistee ist. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran», sagt Kappeler. Und preist «Wild Horses» (Apfel, Birne, Blattgrün) an. Ob man nach dem Trank wohl kraftstrotzend wie ein Pferd durch die Stadt galoppiert?

Fast wie die Schimpansen

In Kochbüchern jedenfalls ist vom «Jungbrunnen Chlorophyll» zu lesen. Das Blattgrün, das in grünen Smoothies enthalten ist, sei blutbildend und -reinigend, heisst es in «Raw Soul Food» (zu Deutsch: Rohes Seelenessen). Es verlangsame den Alterungsprozess. In Hollywood fast schon ein Muss: 55 Prozent aller Filmmänner sind 40 Jahre oder älter, wohingegen nur 30 Prozent aller Frauen auf der Leinwand über 40 Jahre alt sind, wie eine Studie ergab. Wohl auch deshalb sind in Zeitschriften Schauspielerinnen oft mit grünem Saft zu sehen. Gwyneth Paltrow, bekannt für ihr (übersteigertes) Gesundheitsbewusstsein, verrät ihre Lieblingsanleitung gar in ihrem neuen Buch «Meine Rezepte für Gesundheit und gutes Aussehen.

Stars wie Paltrow haben dem grünen Smoothie zu Bekanntheit verholfen, erfunden haben sie ihn aber nicht. Das tat 2004 Victoria Boutenko, Amerikanerin und Familienfrau mit Herzproblemen. Sie beschloss eines Tages, ihr Leiden mit gesunder Ernährung zu bekämpfen – und orientierte sich am Speiseplan der Schimpansen, die angeblich selten erkranken: viele Früchte, viele Blätter. Wasser dazu, geboren war der grüne Smoothie.

Nicht besser als pures Gemüse

Ohne Mixer gehe bei der Zubereitung nichts, schreiben Rezeptbuchautoren. Die Klingen würden die Blattstruktur des schwer verdaubaren Chlorophylls aufbrechen, das Blattgrün belaste somit den Körper weniger. Steffi Schlüchter, diplomierte Ernährungsberaterin HF bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung, hält davon wenig: «Kauen reicht vollkommen aus. Ohnehin ist die Bedeutung von Chlorophyll für den menschlichen Körper noch nicht ausreichend bekannt.» Wer fünf Portionen Obst oder Gemüse pro Tag zu sich nehme, brauche keine zusätzlichen Vitamine in Form von grünen Smoothies. Wer die Regel nicht einhält, verbessert mit einem Smoothie jedoch seine Vitaminbilanz – «idealerweise ist das Gemisch nur aus Früchten und Gemüse hergestellt, ohne Zugabe von Joghurt, Fruchtsaft oder Honig.»

7.15 Uhr, einen Tag später, Versuch zwei. Weniger Ananas, keine Banane, mehr Nüsslisalat. Der erste Schluck ist bitter, mit jedem weiteren gewöhnt sich der Gaumen etwas mehr an den Geschmack. Wenn nicht, hilft vielleicht der Gedanke an Gwyneth Paltrow weiter. Sie sieht stets frisch wie der Sommer aus.


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