Ein manipulierbares Lexikon?

Die dicken Lexikonbände wurden im Alltag von Wikipedia abgelöst. Rund 500 Millionen Besucher monatlich hat die Online-Enzyklopädie. Aktualisierungen gibt es, wie zur Ukraine, teils im Minutentakt. Aber ist Wikipedia auch verlässlich?
07. Mai 2014, 02:35
Andreas Lorenz-Meyer

An diesem Lexikon kommt so schnell keiner vorbei. Egal, welchen Begriff der Nutzer in eine Suchmaschine eingibt, ob er Informationen über den Morteratschgletscher oder die Relativitätstheorie sucht: Immer steht ganz oben in der Ergebnisliste ein Wikipedia-Link.

Aber wie sehr ist einem von Nutzern verfassten Lexikon zu trauen? René König vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe hält die Informationen grundsätzlich für «erstaunlich verlässlich». Der Erfolg gäbe der «sehr offenen Arbeitsweise» ja auch recht. Immerhin hätten etablierte Enzyklopädie-Herausgeber, etwa der vom Brockhaus, vor Wikipedia mehr oder weniger kapituliert.

PR in eigener Sache

Allerdings sei die Offenheit des Lexikons gleichermassen Stärke und Schwäche, ergänzt König. So versuchen interessierte Stellen, das «Wissen der Welt» in ihrem Sinne zu manipulieren. Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung beschreibt, wie Pharmaunternehmen oder Handelsketten unangenehme Fakten löschen oder verschleiern. Wikipedia vermag der Schönfärberei nicht Herr zu werden, fasst die Studie zusammen.

Auch Schleichwerbung findet den Weg ins Lexikon. 2013 kam heraus, dass bezahlte Autoren, von einer Firma namens Wiki PR gesteuert, allzu lobende Texte über bestimmte Produkte in Umlauf gebracht hatten. Die Wikimedia Foundation schloss zwar deren Nutzerprofile, aber blindes Vertrauen sei gerade bei Wikipedia nicht angebracht, sagt König, denn es könne im Regelfall jederzeit von jedem editiert werden. Leider fehlt es weitläufig noch an Wissen über das spezielle Wikipedia-Format.

Kontroverse «Krise Ukraine»

Dabei finden sich im Lexikon deutliche Hinweise auf die Verlässlichkeit. Manche Seiten sind mit einem Ausrufezeichen markiert: «Die Neutralität dieses Artikel oder Abschnitts ist umstritten». Wen die Hintergründe dazu interessieren, der kann in der «Versionsgeschichte» nachsehen. Dort steht, wer den Text wann verändert hat. Bei heiklen Themen passiert das sehr häufig. Der Beitrag «Krise in der Ukraine 2014» etwa wird mehrmals am Tag bearbeitet.

Auf den Diskussionsseiten, wie die Versionsgeschichte für jeden zugänglich, rechtfertigen die Autoren ihre Korrekturen. Im Fall der Ukraine wird der Ton zum Teil ruppig – die Ansichten über das Geschehen gehen auseinander. Diesen Prozess des gegenseitigen Kontrollierens und Korrigierens sieht König aber als Vorteil: «Im Gegensatz zu herkömmlichen Enzyklopädien legt Wikipedia die Kontroversen um ein bestimmtes Thema offen. Die Konflikte sind prinzipiell für jeden nachvollziehbar.»

Frauen in der Minderheit

Nicht überraschen dürfte, dass vor allem politische und religiöse Themen die Gemüter erhitzen: Jesus, Israel, Holocaust, Gott, Iran, Rasse. Die Streitpunkte unterscheiden sich aber je nach Sprachausgabe. Auf spanischen Seiten sorgen der FC Barcelona und Augusto Pinochet für Meinungsverschiedenheiten, auf französischen Seiten wird viel über Islamophobie und Atomkraft gestritten, und deutschsprachige Autoren können sich nicht über Adolf Hitler und Homöopathie einigen.

Wie demokratisch ist Wikipedia? Drückt es die ganze Bandbreite von Meinungen aus? Die Community ist weit davon entfernt, gesellschaftlich repräsentativ zu sein, meint König. So sei nur eine kleine Minderheit weiblich. Die Folge: Beiträge von Frauen werden viel eher gelöscht als die von Männern. Die Offenheit schützt zudem nicht vor der Dominanz kleiner Gruppen. Eine Studie der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid ergab: Nur 10 Prozent der Autoren sind für 90 Prozent der Bearbeitungen verantwortlich. Wikipedia ist das Werk von vielen – aber ein harter Kern von Freiwilligen gibt scheinbar den Ton an. Alternative Deutungen des Weltgeschehens kommen auch vor. Schräge und kuriose Ansichten etwa der Terroranschläge vom 11. September 2001 gehören in die Rubrik «Verschwörungstheorien».

Paradoxe Akademiker

Teilweise sei das Lexikon erstaunlich konservativ und elitär, erklärt König. Was er nicht als Widerspruch zur offenen Organisation sieht, sondern vielmehr als ihr Resultat: Gerade wegen der offenen Strukturen müsse sich Wikipedia vor abwegigen Positionen schützen und schliesse diese mitunter rigoros aus.

Selbst in der Wissenschaft breitet sich Wikipedia aus – begleitet von Zweifeln, ob ein von Freiwilligen geschriebenes Lexikon akademischen Ansprüchen genügt. An der Liverpool Hope University führen diese gemischten Gefühle zu einer paradoxen Situation, legte eine Umfrage offen. 74 Prozent der Dozenten schlagen bei Wikipedia nach. Ihren Studenten wollen sie dies aber mehrheitlich nicht zugestehen. 58 Prozent der Lehrenden verbieten ihnen ausdrücklich die Nutzung des Online-Lexikons.


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