Die vergessenen Bestäuber

Das Unternehmen Wildbiene + Partner versucht, Bestäubungsengpässe auf Obstplantagen mit Hilfe von Wildbienen auszugleichen. Claudio Sedivy und Tom Strobl setzen diese fleissigen Bienen auch bei Ostschweizer Bauern ein.
28. April 2016, 02:40
JEANNINE KEMPF

Das weltweite Bienensterben ist alarmierend. Ohne Bienen gibt es keine bestäubten Blüten und keine Früchte. Rund ein Drittel unserer Nahrung kann nur produziert werden, wenn die Blüten von Bienen und anderen Insekten bestäubt werden. «Doch Honig-, aber auch viele Wildbienen leiden immer mehr unter der intensiven Landnutzung, Insektiziden und Überdüngung», erklärt Claudio Sedivy von Wildbiene + Partner. Die weit verbreiteten Mauerbienen hingegen sind robuster, anpassungsfähiger und fühlen sich sogar mitten in der Stadt wohl. Claudio Sedivy und Tom Strobl erkannten dieses Potenzial und entwickelten ein Geschäftsmodell, das wie eine Arbeitsvermittlung für Wildbienen funktioniert. Die Zürcher Firma möchte Schweizer Bauern eine einheimische und nachhaltige Alternative zur Bestäubung bieten und Wissen über die unbekannten Wildbienen verbreiten. «Wir wollen den Menschen bewusst machen, dass es noch andere Bienen gibt als Honigbienen», sagt Sedivy. Da eigne sich ein Bienenhäuschen sehr gut als erster Kontakt mit den Wildbienen.

Wildbienen als Versicherung

Die Bienenhäuschen für Obst- und Beerenanlagen heissen «BeeFarmer» und bieten Platz für 350 Mauerbienen. «Die Wildbienen sind eine Versicherung für die Bauern, vor allem dann, wenn das Wetter nicht mitspielt, so wie dieses Jahr», sagt der St. Galler Obstbauberater Richard Hollenstein. Wenn frühe Obstsorten wie Kirsche, Zwetschge oder Aprikose blühen, ist es für Honigbienen oft noch zu kalt. Sie fliegen erst ab etwa zehn Grad und das auch nur bei schönem Wetter. Die pelzigen Mauerbienen hingegen verlassen trotz tiefen Temperaturen und leichtem Regen ihre Niströhrchen. Deshalb sind sie die effizienteren Bestäuber als Honigbienen. Die Tierchen von Wildbiene + Partner lassen sich ausserdem terminieren: «Wir liefern die Mauerbienenkokons kurz bevor die Obstbäume blühen. So können die Bienen direkt nach dem Schlüpfen mit dem Bestäuben beginnen», betont Claudio Sedivy.

2014 startete Wildbiene + Partner zusammen mit dem Obstbauberater Hollenstein ein Pilotprojekt auf sechs Kirschplantagen in der Ostschweiz. Seitdem ist der Obstbauer Hans Bischof aus Mörschwil dabei: «Ich bin sehr zufrieden mit dem Bestäubungsservice. Das Konzept mit den Wildbienen hat auf jeden Fall Zukunft.» Hollenstein hebt jedoch hervor, dass «Bee-Farmer» immer noch in der Startphase stecke. Claudio Sedivy und Tom Strobl sind stetig dabei, die Nistkästen zu optimieren.

Nachhaltig und einheimisch

Eine andere Möglichkeit, die Blütenbestäubung zu verbessern, sind Hummelvölker. «Die Hummeln werden aber aus dem Ausland importiert und nach ihrem Einsatz auf den Obstplantagen einfach entsorgt», sagt Sedivy. Die Wildbienen seien eine nachhaltige und einheimische Alternative zu Hummeln. Einige Obstbauern setzen nur auf Hummeln als Bestäubungshelfer oder kombinieren diese mit Honig- oder Wildbienen. «Die Bauern müssen aber selbst entscheiden, welche Methode sie für ihre Plantagen wählen. Ich kann ihnen nur mein Wissen vermitteln und sie beraten», sagt Hollenstein. Dieses Jahr sind bereits über 100 Bauern beim Wildbienen-Projekt dabei, 13 davon in der Ostschweiz – und die Anzahl steigt jedes Jahr.

Die Vermehrung der Mauerbienen koordiniert die Firma zusammen mit Privatpersonen aus der ganzen Schweiz. Mittlerweile sind es mehrere Tausend und es kommen jedes Jahr mehr dazu. Ein Wildbienenpate kann sich ab 120 Franken ein «BeeHome» kaufen, ein kleines Bienenhäuschen mit Schilfröhrchen und PET-Dach. «Jeder kann ein <BeeHome> kaufen. Egal ob auf dem Land oder auf einem Balkon mitten in der Stadt, Nahrung finden die Mauerbienen praktisch überall», sagt Claudio Sedivy. Die Wildbienengottis und -göttis bekommen im Frühling eine Startpopulation mit 15 Mauerbienenkokons zugeschickt. Die darin verpackten Bienchen sind schon voll entwickelt und schlüpfbereit. Aus den Kokons krabbeln dann Rote Mauerbienen (Osmia bicornis) oder Gehörnte Mauerbienen (Osmia cornuta). Von Mitte März bis im Juni fliegen die Mauerbienen von Blüte zu Blüte und legen ihre Eier in die Bambusröhrchen der Nistkästen. Daraus entwickeln sich Larven, die sich im Sommer verpuppen und im Herbst in eine Art Winterschlaf fallen. Dann ist es Zeit, die Niströhrchen zurückzuschicken. Die Röhrchen werden geöffnet, die Kokons von Parasiten befreit und überwintert. Im nächsten Frühling beginnt der Kreislauf wieder von vorne. Ein Pate züchtet so ohne viel Aufwand etwa 45 Wildbienchen im Jahr. Mit ihrem Projekt haben die Biologen bereits 250 000 Wildbienen vermehrt und damit 110 Millionen Obstblüten bestäubt. Doch die Wildbienenzucht ist kein Artenschutzprojekt, sondern dient der Bestäubung auf Schweizer Obstanlagen.


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