Die Wortspielerin

Veronika Pochanke spricht mehrere Sprachen, darunter auch die Plansprache Esperanto. «Eine coole Sprache», sagt die in Wil aufgewachsene Polin. Beda Hanimann
10. September 2012, 01:34

Manchmal passiert es, dass die andern Buspassagiere darüber rätseln, in welcher Sprache Veronika Pochanke mit ihren beiden Kindern spricht. Spanisch könnte es sein, aber doch nicht so richtig. Oft wird sie gefragt, ob sie aus Graubünden komme. Ob diese Sprache rätoromanisch sei. Die 36jährige Frau amüsiert sich über die Verwirrung, die sie mit dem Esperanto stiftet. So wie sie sich als Kind gefreut hatte, dass sie sozusagen eine Geheimsprache beherrschte. Esperanto, die Kunstsprache, die dieses Jahr 125 Jahre alt wurde, ist für sie auch Spielerei. «Ich habe diese Sprache gern, es ist eine coole Sprache, schon als Kind habe ich Esperanto toll gefunden», sagt sie.

Ein Fenster zur Welt

Esperanto ist Veronika Pochankes Vatersprache. Und Muttersprache. Und Familiensprache. Aber der Reihe nach. Geboren ist Veronika Pochanke 1975 in Polen. Ihr Vater war dort Lehrer und unterrichtete unter anderem auch Esperanto. In einem seiner Esperanto-Kurse hatte er auch seine zukünftige Frau kennen gelernt. Da war es naheliegend, dass auch mit den Kindern Esperanto gesprochen wurde. Die Familie Pochanke engagierte sich in der Esperanto-Bewegung, reiste regelmässig zu Jahrestreffen mit anderen Esperantisten.

«Für die Menschen im Ostblock war das interessant, diese Esperanto-Treffen ermöglichten Kontakte zu Menschen in aller Welt, sie waren für meine Eltern in der Zeit des Kalten Krieges ein Fenster zur Welt», sagt Veronika Pochanke. Und für sie als Kind waren die Treffen eine Art Pfadilager. «Lagerstimmung, Party, Kultur, Jugendliche aus andern Ländern – und alle konnten sich dank Esperanto miteinander verständigen.»

Es war dann auch diese Sprache, die die Familie in die Schweiz führte. Ein Angestellter der Psychiatrischen Klinik Wil suchte in den 70er Jahren Pflegerinnen und Pfleger, die Esperanto beherrschten. Die Mutter, gelernte Krankenpflegerin, meldete sich. Nach mehreren befristeten Einsätzen zog die ganze Familie nach Wil, das war 1988.

Ein Kind des Pazifismus

Mit Polen und mit politischen Umständen der Epoche hat auch die Entstehung des Esperanto zu tun. Entwickelt wurde es vom jüdischen Arzt Ludwik Lejzer Zamenhof in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts im Westen des heutigen Polen. «Das waren kriegerische Zeiten in diesem Gebiet, Russen, Polen und Preussen bekämpften sich», erzählt Veronika Pochanke. Zamenhofs Überlegung sei es gewesen: Eine gemeinsame Sprache für alle Menschen wäre eine bessere Basis für Frieden auf der Welt.

«Der politische Hintergrund war also die pazifistische Bewegung», sagt Veronika Pochanke, «und es waren Anti-Nationalisten, die das Esperanto in der Welt verbreitet haben.» Es gab aber auch Hindernisse. «Stalin und Hitler haben das Esperanto verboten, eben weil es antinationalistisch war.» Aber auch jenseits der Diktaturen gibt es Vorbehalte. «Es ist schon so, dass die verschiedenen Länder ihre eigene Sprache pushen. Da zeigt sich, dass Sprache eine grosse Wirtschaftsmacht ist.»

Zwei Millionen Esperantisten

Genau das wollte Zamenhof mit einer neutralen Kunstsprache ausgleichen. Und das ist für Veronika Pochanke bis heute ein Argument für das Esperanto: «Wenn an internationalen Kongressen Englisch die offizielle Sprache ist, dann sind Menschen aus anderen Sprachgebieten automatisch benachteiligt, weil sie nicht so gewandt sind wie die Amerikaner oder Engländer.» Esperanto wolle im übrigen nicht andere Sprachen verdrängen, im Gegenteil. Die gemeinsame Sprache als Zweitsprache könne gerade dazu beitragen, dass Sprachminderheiten erhalten blieben.

Durchgesetzt als Universalsprache hat sich das Esperanto nicht. Gemäss Schätzungen sprechen es heute rund zwei Millionen Menschen – diese aber sehr bewusst. Bis heute finden regelmässig Esperanto-Treffen in aller Welt statt, auch Veronika Pochanke besuchte sie oft und freut sich über Freund- und Bekanntschaften, die sich daraus ergaben. Aktiv für die Förderung setzt sie sich jedoch nicht ein. «Für mich steht nicht die Ideologie im Vordergrund. Ich lebe es einfach. Für mich ist es ein Hobby.» Klar deshalb, dass auch sie mit ihren Kindern Esperanto spricht.

Systematisch und logisch

Was Veronika Pochanke am Esperanto fasziniert, sind die Einfachheit und das spielerische Element. «Früher hiess es, das Lateinische sei die ideale Basis zum Sprachen lernen. Aber es muss ja nicht so kompliziert sein. Mit Esperanto ist man nach einem Jahr gut dabei.» Die Sprache kennt keine Ausnahmen wie die alten Kultursprachen, kein komplexes Zeitensysten, sie ist systematisch und logisch aufgebaut – «und hat doch alles, was eine Sprache braucht». Das Grundgerüst sind Wortstämme aus lateinischen Sprachen, eine wichtige Rolle spielen Endungen (siehe Kasten).

Die Plansprache des Doktoro Esperanto (unter diesem Pseudonym veröffentlichte Zamenhof 1887 die Grundlagen seiner Sprache) ist jedoch für Veronika Pochanke nur eines von mehreren Mitteln der verbalen Verständigung. Sie spricht Schweizer Dialekt und Deutsch, entschloss sich nach der Kantonsschule in St. Gallen für ein Biologiestudium in Lausanne, was ihr das Französische erschloss, und lebte später in den USA.

Vielsprachiges Arbeiterquartier

«Ich hatte während der Schulzeit gerne Sprachen», erinnert sie sich. Da habe es schon die Idee gegeben, sich auch beruflich in Richtung Sprachen zu orientieren. «Dann fand ich: Nur mit Sprache kann ich mich zu wenig einbringen. Ich wollte aber selber kreativ sein und etwas schaffen.» So entschied sie sich für die Wissenschaft. Mit der Dissertation am Zürcher Unispital arbeitete sie fünf Jahre in der Forschung, heute ist sie medizinische Beraterin bei Pfizer in Zürich, zwanzig Fussminuten von ihrer Wohnung in Oerlikon.

Das in den letzten Jahren neu entstandene Quartier gefällt ihr – und es passt auch zu ihr und zum weltumspannenden Esperanto-Gedanken. «Oerlikon hatte bei den Einheimischen lange nicht den besten Ruf als Wohnquartier. Zuzüger kümmert das nicht sehr, das hatte zur Folge, dass Neu-Oerlikon sehr international wurde.» Das Quartier ist multikulturell und mehrsprachig. Dank Familie Pochanke inklusive Esperanto.


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