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Die «Republik» sind wir

03. Mai 2017, 06:57

Auch ich beginne meinen Text mit dem obligaten Blick auf den Zähler: Und auch wenn sich die Dynamik der vergangenen Tage in den letzten Stunden verständlicherweise abgeschwächt hat – der Zählerstand bleibt ein­drücklich. Die Kolleginnen und ­Kollegen des imaginären Online-Magazins «Republik» verzeichnen bereits über 10000 Sympathisanten, die mehr als 2,6 Millionen Franken versprochen haben. Das ist eine regelrechte Welle, die sich da Bahn bricht. Das ist wahrlich eine kleinere Rebellion der Zivilgesellschaft gegen ihre traditionellen Medien. Das simple PR-Drehbuch der Erfinder geht voll auf. Ursprüngliches Ziel der Crew rund um den linken Topjournalisten Constantin Seibt: 3000 Abonnenten, die 750000 Franken spenden. Hut ab vor ­dieser Leistung. Das muss man zuerst einmal schaffen.

Die «Republik»-Macher haben den PR-Coup sauber inszeniert. Die Krise der traditionellen Medien eiskalt ausnützend, machten sie geschickt und auf allen verfügbaren Kanälen Propaganda für die vermeintliche Rettung der abendländischen Demokratie. Diese droht nichts weniger als unterzugehen, sobald alle Zeitungen von rechten Milliardären wie Christoph Blocher aufgekauft oder von tumben Verlagsmanagern zu Tode gespart worden sind. Diese zwei Szenarien werden von einem gewissen Teil des medienkritischen Publikums ­offenbar für derart realistisch ­gehalten, dass sie den messianischen Aufrufen der «Republik» fast blind ins Abenteuer folgen.

Um Missverständnisse auszuräumen: Erstens wünsche ich dem neuen Magazin publizistischen Erfolg. Wer guten Journalismus machen will, hat mich immer im Boot. Und zweitens: Die Krise der Medien gibt es tatsächlich. Wir kämpfen mit sinkenden Inserateeinnahmen, die jahrzehntelang die Basis unseres ökonomischen Erfolgs ausgemacht haben. Neue Bezahlmodelle sind gefragt, will die traditionelle Presse ihr Angebot auf Dauer aufrechterhalten.

Dennoch ist es hanebüchen, ­einen derart einfältigen Niedergangsdiskurs anzustimmen. Unser Medienhaus etwa, die NZZ-Mediengruppe, ist nicht zu einem poppigen Gemischtwarenladen verkommen. Sie investiert im Gegenteil in Publizistik. Die Zeitung, die Sie in den Händen halten, hat dank der Kooperation mit der Partnerzeitung in der Zentralschweiz inhaltlich und ­optisch zugelegt. Die Welt ist für unsere Leserinnen und Leser nicht schlechter, sondern vermutlich besser und vielfältiger geworden.

Die NZZ und ihre Regionalmedien sind nicht die Einzigen, die weiterhin an die Publizistik glauben. Auch Peter Wanner und seine AZ-Medien nehmen Millionen in die Hand, um den digitalen Wandel aktiv zu meistern. Wer angesichts solcher Tatsachen so tut, als sei er der Einzige, der sich in diesem Land noch für guten Journalismus einsetzt, schummelt und setzt sich dem Vorwurf aus, mit gezielter Miesmache der Konkurrenz den eigenen Laden in Schwung bringen zu wollen. Das Schwarz-Weiss-Denken Trump’scher Dimension erstaunt, gerade weil hinter der «Republik» kluge Männer und Frauen stehen. Der vermeint­liche Gegensatz, hier die unabhängige, intelligente, recherchierende «Republik», da die müden, abhängigen, trägen Traditionsmedien, muss als Hilfskonstrukt entlarvt werden, das vor allem zur Bildung einer Fan-Community dient, die den neuen Säulenheiligen des helvetischen Qualitätsjournalismus huldigen.

Unsere Stärke liegt in der Nähe zur Leserschaft. Man kann an der Langstrasse schon die Schweiz retten wollen: Wir schicken täglich über 100 Journalistinnen und Journalisten auf die Pirsch, um einen starken, regional verwurzelten Journalismus zu machen. Wir kennen unsere Dörfer und Städte. Und wir wissen, wie die Region politisch und wirtschaftlich funktioniert. Was wir in der Ostschweiz sind, ist der «Walliser Bote» im Wallis oder die «Liberté» im Freiburgischen: Pfeiler der Republik.

 


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