KOPF DES TAGES

Die Kämpferin in der Denk-Schublade

13. September 2012, 01:37

Es ist absurd: Da kämpft eine Frau ihr Leben lang gegen Festlegungen aller Art. Sie wehrt sich gegen die Fixierungen der Geschlechter, gegen Normen, die Menschen unter Druck setzen, seien sie ethischer oder religiöser Natur. Und was passiert dieser Frau jetzt? Sie muss sich mit dem Vorwurf herumschlagen, sie sei antisemitisch. Und sitzt damit in einer Denk-Schublade, die jede weitere Diskussion fast unmöglich macht.

Die Familie floh vor den Nazis

Der Reihe nach: Die Rede ist von Judith Butler, geboren 1956 in Cleveland Ohio. Ihre Grosseltern flohen aus Russland und Ost-Europa vor den Nazis, die Familie ihrer Grossmutter wird 1956 südlich von Budapest ausgelöscht. «Ich wuchs in einer Diaspora-geprägten jüdischen Familie auf, in der wir uns nicht nur gegen Antisemitismus zu behaupten hatten, sondern gegen alle Formen des Rassismus. Dies wird immer Kern meines jüdischen Selbstverständnisses sein», schrieb sie Ende August in einem Beitrag für die «Frankfurter Rundschau». Butler wird zu einer angesehen Philosophin, zum «Popstar der Geschlechtertheorie», wie es gestern etwas flapsig im Zürcher Tages-Anzeiger stand.

1990 wird die bekennende Lesbe mit ihrem Werk «Gender Trouble» (Das Unbehagen der Geschlechter) weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt und bald zu einer Ikone des Feminismus. Die Philosophin, die heute an der Universität Berkeley Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft lehrt, festigte ihren Ruhm auch mit Adorno-Vorlesungen, die sie bereits 2002 in Frankfurt am Main hielt. Titel der Buchausgabe: Kritik der ethischen Gewalt. Es war darum keine Revolution und nicht einmal besonders mutig, als eine prominent besetzte Jury entschied, ihr den mit 50 000 Euro dotierten Adorno-Preis (siehe Lexikon unten) zu verleihen.

Doch kaum wurde die Entscheidung öffentlich, hagelte es Kritik. Stephan J. Kramer, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, warf Butler vor, «eine bekennende Israel-Hasserin» zu sein. Der Zentralrat und die Frankfurter Jüdische Gemeinde boykottierten die Preisverleihung am Dienstag.

Zitate aus dem Kontext

Der Grund für diese Beschuldigungen sind zum einen Äusserungen Butlers in Baltimore. Sie bezeichnete die beiden terroristischen Vereinigungen Hamas und Hisbollah als «progressive» soziale Bewegungen, die «Teil der globalen Linken» seien. Diesen Vorwurf konnte sie überzeugend als gegenstandslos zurückweisen, weil die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen wurden. «Ich habe weder Hamas noch Hisbollah jemals unterstützt», schreibt sie – und nur sehr Übelmeinende können die Anklage trotz ihrer eigenen Biographie und ihrer immer wieder geäusserten Meinung aufrechterhalten.

Komplizierter der Vorwurf, dass Butler bekennende Unterstützerin der internationalen Boykottbewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) ist. In Israel wird die BDS als Versuch gewertet, dem jüdischen Staat die rechtliche Grundlage zu entziehen, seine Feinde aber zu legitimieren. Die Organisation ruft zum Boykott von Firmen auf, die in den besetzten Gebieten produzieren lassen oder sich nicht offen gegen die israelische Besatzungspolitik aussprechen. «Wenn jede Kritik an Israel als blosse Tarnung antisemitischer Motive verstanden wird», schreibt Butler in ihrer Rechtfertigung, dann werde es bei «einer Reihe von Themen» keine aufrichtige Debatte geben.

Die Debatte wird derzeit in Deutschland noch hitziger als üblich geführt, obwohl Butler ihren Preis bekommen hat und in ihrer Rede das Wort «Israel» nicht in den Mund nahm. Denn das Verhältnis der in Deutschland lebenden Juden zu Deutschland ist seit dem Urteil gegen die Beschneidung und die anhaltende Rechtsunsicherheit noch schwieriger als sonst. Valeria Heintges


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