Die Bücherretterin

Sara Grob liebt Bücher. Sie ist Geschäftsführerin des Flawiler Online-Ladens buchplanet.ch. Dort erhalten Bücher, die in Brockenstuben verschmäht wurden, eine zweite Chance. Gleichzeitig bietet die junge Frau zehn Arbeitsplätze im alternativen Arbeitsmarkt.
23. Juli 2013, 01:33
Christina Genova

Sara Grob ist Herrscherin über den Planeten der Bücher. Er schwirrt virtuell durchs Web, man findet ihn aber auch ganz real im Flawiler Habis-Areal. Dort präsentiert sich Sara Grobs Reich als riesige Halle voller Secondhand-Bücher. Regal reiht sich an Regal; auf jedem Tablar haben 30 Bücher Platz. Insgesamt sind es über 30 000. «Wir pflegen hier die chaotische Lagerung», erklärt Sara Grob. Was beunruhigend klingt, bedeutet nichts anderes, als dass die Bücher gemäss der Reihenfolge ihres Eingang geordnet werden. Das ergibt reizvolle Nachbarschaften: «Das Kind im Vorschulalter» ist auf «7000 Jahre Kunst im Iran» und auf «Das grosse Heimwerkerbuch» gestapelt.

Junge Chefin

An Nachschub fehlt es nicht: In der Halle nebenan warten Dutzende Bananenschachteln voller Bücher darauf, sortiert und geprüft zu werden, ob sie einer zweiten Chance würdig sind. Eine erste erhielten die Bücher bereits in verschiedenen Betrieben der Stiftung Tosam, zu der auch der Buchplanet gehört: den Brockenhäusern Degersheim und Flawil und den Buchverkaufsstellen WinWin-Markt und Buch WinWin. Doch länger als drei Monate können die Bücher dort nicht bleiben. Denn die Konsum- und Überflussgesellschaft entsorgt allzu viele Bücher. «Viele Brockenhäuser nehmen mittlerweile keine Bücher mehr an oder lassen sich deren Entsorgung bezahlen», erzählt Sara Grob, «das ist sehr traurig.» Sie ist die Tochter des Gründers der Stiftung Tosam, Martin Grob, und hat ihre Lehre als Kauffrau bei einem Online-Buchladen für neue und gebrauchte Bücher in Zürich absolviert. Nach dem Lehrabschluss hat die Bücherfreundin gemeinsam mit ihrem Vater die Idee für buchplanet.ch entwickelt. Am 1. November 2010 konnte der Online-Laden für gebrauchte Bücher mit Sara Grob als Geschäftsführerin eröffnet werden. Er ist mittlerweile der grösste der Schweiz. Die junge, zerbrechlich wirkende Frau war damals erst 22 Jahre alt: «Manchmal kommen Besucher und fragen nach der Chefin, obwohl ich direkt vor ihnen stehe», erzählt sie schmunzelnd.

Auf sechs Monate befristet

Nicht nur Bücher bekommen bei Sara Grob eine zweite Chance, sondern auch Menschen. Denn wie alle Betriebe der Stiftung Tosam bietet buchplanet.ch Arbeitsplätze im alternativen Arbeitsmarkt – momentan sind es zehn. Es sind Arbeitsstellen für IV-Rentner, Teilnehmer von RAV-Beschäftigungsprogrammen, Asylbewerber oder Sozialhilfeempfänger.

Zu den Mitarbeiterinnen Sara Grobs gehört zum Beispiel Simone Gröbli. Die gelernte Hotelfachassistentin liest vier Bücher gleichzeitig und hat einen fertig geschriebenen Krimi in der Schublade. Sie lebt von Sozialhilfe und arbeitet seit drei Monaten bei buchplanet.ch. Leider ist ihr Traumjob auf sechs Monate befristet. Längere Einsätze erlaubt das Sozialamt nur in Ausnahmefällen. Zu ihren Aufgaben gehört die Aufnahme der Bücher. Für jedes einzelne erfasst sie die ISBN, den Autor, den Verlag, die Sprache, die Anzahl Seiten, den Jahrgang und einen allgemeinen Zustandsbeschrieb. Zuletzt wird der Bucheinband eingescannt.

10 000 Franken für ein Buch

Schon länger dabei ist Urs Steiner. Der ehemalige Antiquar hat den vorerst grössten Schatz des Buchplaneten gehoben. Es ist ein Buch mit wunderschönen Kupferstichen von Tieren, das Mitte des 18. Jahrhunderts gedruckt worden ist. Sara Grob und Urs Steiner entdeckten es bei einer Hausräumung: «Einen solchen Fund macht man nur alle zehn Jahre», erzählt der Antiquar. Der kostbare Band ruht in einem schweren, altertümlichen Tresor und ist für 10 000 Franken zu haben. Es ist das mit Abstand teuerste Buch des Online-Ladens, wo die meisten Bücher zwischen fünf und zwölf Franken kosten.

Krimis und Esoterik

Sara Grob, die ohne Fernseher aufgewachsen ist, liebte Bücher schon als Kind: «Bücher waren für mich immer ein Fenster in andere Welten.» Damals gehörte Erich Kästner zu ihren Lieblingsautoren. In ihrer Viereinhalbzimmerwohnung in Flawil, die sie mit ihrem Freund teilt, hat sie ein ganzes Zimmer für ihre Bibliothek reserviert: «Die Bücher habe ich gerade neu geordnet und nach Farben sortiert.»

Da einer ihrer Mitarbeiter für längere Zeit ausfällt, gehen im Moment alle neu eintreffenden Bücher durch Sara Grobs Hände. Sie sortiert sie nach zahlreichen Themengebieten: «Besonders gut laufen Krimis und Esoterik.»

Notizbücher aus Bucheinband

Doch so sehr ihr Herz auch für all die verschmähten Bücher schlägt, so muss sie doch schweren Herzens manche endgültig aussortieren: weil sie derart beschädigt sind, dass sie beinahe auseinanderfallen, weil keine Nachfrage danach besteht oder sie bereits mehrfach bei buchplanet.ch vertreten sind. Der erste Band von Harry Potter gehört dazu oder «Wüstenblume» von Waris Dirie, in Zeiten von Wikipedia aber auch zahlreiche Lexika.

Doch auch diese Bücher erhalten eine zweites Leben. Sie kommen zu Herrn Waziri aus Iran und Roger, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Von Hand reissen oder schneiden sie den Bucheinband vom Buchblock weg. Der Buchblock landet im Altpapier: Je reiner es ist, umso höher fällt die Entschädigung dafür aus. Die Bucheinbände hingegen werden aufbewahrt, denn daraus werden in einem St. Galler Atelier neue Notizbücher gefertigt und über altbooken.ch verkauft.


Leserkommentare

Anzeige: