Das sinnliche Erbe der Nonna

GENUSS ⋅ Die St.Gallerin Mélanie Hangartner hat die Rezepte ihrer apulischen Grossmutter gesammelt. Daraus ist ein Kochbuch der etwas anderen Art geworden: ein kulinarisches Vermächtnis.
18. April 2017, 18:52
Beda Hanimann

Beda Hanimann

beda.hanimann 

@tagblatt.ch

Man stellt sich die Szene gerne vor, mit einem Schmunzeln. Die Nonna, die Grossmutter, hackt Knoblauch und Kräuter, rückt eine Schüssel mit in Scheiben geschnittenen Auberginen zur Seite, mischt in einer anderen Parmesan und Paniermehl. Enkelinnen und Tochter stehen dabei. Versuchen mitzubekommen. Fragen. Wie viel von dem? Was hast du jetzt da gerade gemacht? Warum so?

Oder dann: Abendlicher Telefonanruf der Enkelin. Nonna, wie war das schon wieder mit diesem Sformato di zucchine, mit deinem Zucchettiauflauf? So etwa ist es allmählich entstanden, das Kochbuch «La cucina della nonna», das nicht einfach ein Kochbuch ist, wie sie zu Dutzenden in den Buchhandlungen aufliegen. Sondern ein kulinarisches Familienalbum. Eine Hommage der Enkelin an die Nonna und deren Küche.

Die Enkelin, die Initiantin des Buchprojekts, ist Mélanie Hangartner, 29-jährig, im Rheintal aufgewachsen, ein paar Schritte ausserhalb der Stadt St.Gallen im Appenzellischen lebend, Grafikerin. Ihre Nonna ist Lina Albanese, 1963 mit ihrem Verlobten aus Apulien in die Schweiz gekommen, wo die beiden hängen blieben und in Oberriet eine zweite Heimat fanden, die aber die erste nicht vergessen machte. Die Nonna pflegte zeitlebens das Andenken an die Heimat, am schönsten und sinnlichsten am Herd.

Die Essenz der Herkunft auf dem Teller

"Ich habe als Kind ein paar Jahre bei meinen Grosseltern gelebt, bis heute kocht die Nonna für die Familie, einmal im Monat kommen wir alle zusammen", erzählt Mélanie Hangartner. Dann wehen all diese apulischen Aromen und Gerüche durch den Raum, Knoblauch, Pfefferminz und frisch gebackene Focaccia. Dann kommen die typischen apulischen Gemüsegerichte aus Auberginen, Zucchetti und Tomaten auf den Tisch, es gibt frittierte Bällchen aus altem Brot, Orecchiette mit Cima di Rapa oder ein Huhn mit Salbei und Rosmarin. "Die apulische Küche ist eine einfache Küche, das war immer eine arme Region", sagt Mélanie Hangartner. "Aber sie lebt von den Aromen der Gemüse und Gewürze, vom Olivenöl, von der kunstvollen Verarbeitung."

Für Mélanie Hangartner ist das die Essenz ihrer Herkunft, seit ihrer Kindheit fährt sie regelmässig zu den Verwandten nach Santa Lucia. Deshalb fragte sie sich: Was passiert, wenn die Nonna, die bald achtzig wird, einmal nicht mehr kocht? Das war die Initialzündung zu ihrem Buchprojekt. Sie begann die Rezepte aufzuschreiben, die die Grossmutter einfach im Kopf hat. Oder vielmehr im Handgelenk.

Es ist ein faszinierendes Familienprojekt geworden. Mélanie Hangartner, ihre Cousine Fiorella Albanese, ihre Halbschwester Lucia Albanese und ihre Mutter Isabelle Sele-Hangartner trugen die Rezepte zusammen, steuerten Texte, Fotos und Aquarelle bei. Finanziert wurde das fast vier Zentimeter dicke Buch über die Online-Plattform Wemakeit, so standen am Ende 156 Sponsoren hinter dem Projekt.

Alle waren sie mit Herzblut dabei, auch die Nonna, die am Anfang gedacht habe, das gebe so ein kleines Heftli. Aber es ist ein Juwel geworden, prallvoll von Sinnlichkeit. Wie es dem kulinarischen Erbe der Nonna gebührt.

"La cucina della nonna" ist erhältlich für Fr. 49.– in der St.Galler Buchhandlung Rösslitor oder über die Website cucina-nonna.ch. Buchfest mit Köstlichkeiten der Nonna: Sa, 27. Mai, 11–18 Uhr, Museum of Emptiness, Haldenstrasse 5, St.Gallen


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