Zwischen den Zeilen der Zeit

URAUFFÜHRUNG ⋅ Zum 70. Geburtstag hat sich der St. Galler Pianist und Komponist Urs C. Eigenmann selbst beschenkt. Am Freitag war im Rahmen der Contrapunkt-Konzerte sein neues Werk «Unzeit Gemäss» im Pfalzkeller zu hören. Es vereint Lyrik, Musik und Tanz.
05. November 2017, 05:17

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Bettina Kugler
bettina.kugler@tagblatt.ch

Er wird die Töne nicht gezählt haben in seinem überaus aktiven Musikerleben. Nicht das «Genötel», schwarz auf weiss zu Papier gebracht; erst recht nicht das fantasievolle Ausschweifen seiner Jazzimprovisationen. Insofern darf man den fünfzehn Gedichten, die Urs C. Eigenmann in seinem neuen abendfüllenden Werk «Unzeit Gemäss» vertont hat, durchaus «im grossen Atem der Welt» lauschen, wie es der Eröffnungstext von Christine Fischer nahelegt. Kunst in ihren vielfältigen Spielarten, in Wort, Vers, Klang, in Licht, Tanz und Gesang, ist programmatisch zu verstehen als «unser kleines Ein und Aus» und «Trotzallem».

Mag die Schnelllebigkeit, die Flüchtigkeit der Zeit, die Endlichkeit auch oft anklingen in den Texten – Eigenmann nimmt es nicht allzu schwer. «Der Zeiger fällt, es ist vorbei? Vorbei, bye! Bye, bye ...», so augenzwinkernd wird das Publikum nach zwei bewegten, wortreichen Stunden im Pfalzkeller mit Goethe/Eigenmann nach Hause geschickt. Doch dass die Zeit nicht spasst, das Spiel für immer aus sein soll, mag man so recht nicht glauben. Siebzig ist doch kein Alter, und auch die Musik klingt nicht nach Abgeklärtheit und Entsagung.
 

Fünfzehn Gedichte, viele Gesichter

Für einmal ist der St. Galler Pianist, Komponist und Jazzkonzertveranstalter nicht selbst mit von der Partie, nur am Beamer, um das Video zu Christian Morgensterns «Fisches Nachtgesang» einzuspielen. Was dann, verflixt! – nicht klappte an der Uraufführung. Die Technik! Der Fisch fiel ins Wasser; Francisco Obieta, dem die musikalische Leitung anvertraut war, improvisierte und zog die Pause kurzerhand vor. «Unzeit Gemäss», dazu gehört eine gute Portion heitere Gelassenheit. Es könnte schlimmer kommen. Die Welt ist schön.

Obieta steht vor einer klassisch getönten neunköpfigen Big Band, die rockt und jazzt, aber auch als Streichtrio mit Violine, Cello und Kontrabass gut funktioniert und Ausflüge ins romantische Klavierlied erlaubt: etwa für Ivo Ledergebers nachdenkliches «Ich könnte auch ein Anderer sein». Einschlägig Tatverdächtige der St. Galler Kulturszene wirken in «Unzeit Gemäss» verspielt und vielseitig zusammen. Am Flügel sitzt Ute Gareis, stilistisch wandlungsfähig und oftmals lustvoll perkussiv. Bea-trice Rütsche-Ott, Julia Schiwowa und Bernhard Bichler singen, im Wechsel solistisch, als Terzett, als Sprechchor, als Teil des farbig schillernden Klangkörpers. Die Gedichte, eigens für «Unzeit Gemäss» entstanden, stammen von Ostschweizer Autoren wie Ruth Erat, Fred Kurer und Laura Vogt.

Man könnte sie mitlesen – aber Schauspielerin Nathalie Hubler macht das viel besser. Sie gibt dem Ich, das ein Anderer sein könnte, vielsagende Untertöne, schält das «Gesicht aus der Fratze», wie es in «Alter» von Cornelia Buder heisst. Und sie klopft konsequent die Zeilen über die Tag- und Nachtseiten der Zeit auf das ab, was sich dazwischen verbirgt. Umso hellhöriger taucht man ein in den Strom der Musik. Slam-Poet Etrit Hasler performt seine Hommage an H. C. Artmann selbst, Percussionist Maurizio Grillo nimmt den Rhythmus der Texte feinsinnig auf. Damit nicht genug, hat Kate Baur-Bridg-man einen Teil der Gedichte für zwei Tänzerinnen choreografiert. Oriana Berger und Stefanie Olbort verdoppeln das lyrische Ich und hinterfragen es clownesk; sie spielen Orpheus und Eurydike oder Gedanken, die wie Wolken vorbeiziehen. Die Musik dazu verweilt wonnig im Augenblick, unzeitgemäss: «Dem Morgen folgt ein ganzer Tag», zu kurz für Schubladengedanken.


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