Zu neuem Leben erweckt

AUSSTELLUNG ⋅ Nikola Irmer hat sich von Tierpräparaten zu Farbfeldmalerei inspirieren lassen. Im ­Tiefparterre unter dem Kunstraum Kreuzlingen reagieren Kunststudenten mit einer Wunderkammer darauf.
17. Juli 2017, 05:17
Dieter Langhart

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Sind ausgestopfte Lemuren oder in Formaldehyd eingelegte Chamäleons mehr als tote Tiere? Naturmuseen konservieren sie für all jene, die diese Tiere nicht in ihrem exotischen Lebensraum beobachten können, und das sind die meisten von uns. Und wer von uns sieht schon Marder oder Habichte von nahem?

Für die deutsche, 1970 geborene Künstlerin Nikola Irmer üben Exponate in Naturkundemuseen eine besondere Faszination aus, denn sie suggerieren eine besondere Lebendigkeit. Seit bald zehn Jahren malt sie solche Tiere und erzählt mit ihren Bildern Geschichten, erzählt die Geschichten der Tiere weiter.

Solches kann nur die Kunst oder die Literatur: Totes zum Leben erwecken, also wahre Geschichten erfinden. Für Nikola Irmer, die früher oft Menschen gemalt hat, dient die Malerei der Übersetzung, dem Gespräch zwischen Objekt und Künstler. Ihre Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen trägt den Titel ­«Animalerisch», und ihre Bilder greifen Aspekte des Umgangs des Menschen mit dem Tier auf, den Diskurs des Animal Turn, der Wende zum Tier. «Tote Tiere in der Farbe reanimiert – sie blicken, hauchen aus, flattern, zittern im Nass – was sollte uns trennen?» Das schreibt Andrea Gamp von der Uni Konstanz in einem der informativen Saalblätter.

Eine Ausstellung mit ­doppeltem Boden

Neunzehn Teilnehmer des Studiengangs Literatur-Kunst-Medien von Karin Leonhard haben in einem zweisemestrigen Seminar gemeinsam mit Kuratorin Sibylle Omlin ein Ausstellungskonzept entwickelt. Haben Nikola Irmer in Berlin besucht und sich mit ihrer Kunst auseinandergesetzt. Sie haben im Tiefparterre des Kunstraums eine assoziationsreiche Wunderkammer eingerichtet aus Kunstobjekten und Museumsleihgaben. Sie soll zum Staunen und Lachen anregen, sagt die Kunststudentin Madita Bachhofer. Hier ist auch das Chamäleon aus Schaffhausen zu sehen, das Irmers Ausstellung im Bild «Two horns» dominiert.

Auffällig bei «Animalerisch» ist die rhythmische Hängung der von den Studenten in Irmers Atelier ausgewählten Bilder. Der grosse Raum darf atmen, überlebensgrosse Motive hängen neben kleinen Bildern, Vögel neben Nasspräparaten, Säuger gegenüber von Schmetterlingen. Die Künstlerin als Weltenerschafferin: Die zwei Spatzen in «Sparrows 1» stammen aus dem Naturkundemuseum Berlin und sitzen hier vor einem Himmel in den schottischen Highlands.

Farbflächen statt biologische Ordnung

Und noch auffälliger sind die Farben in Nikola Irmers Ölbildern. Gelb dominiert, überhöht von Grün- und Blautönen. Eine Tischvitrine mit Farbstudien dokumentiert die Arbeitsweise. Sie hat ihren Master am Hunter College in New York gemacht und ist da stark von der Farbfeldmalerei (color field painting) beeinflusst worden. Ihr geht es um die Wahrnehmung des Betrachters, um seine Deutungsfreiheit, die die Wirkung eines Bildes bestimmt. Farben und Flächen beziehen sich aufeinander, liebevoll oder im Kontrast. Uns blicken nicht nur Eisvögel oder Schmetterlinge an, sondern Individuen mit Charakter. Einem animalischen, nicht einem menschlichen Charakter.

Kunstraum ­Kreuzlingen, ­Bodanstrasse 7a; Finissage: So, 23.7. (Führung 15 Uhr) Fr 15–20, Sa/So 13–17 Uhr


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