«Wir sind lächerliche Wesen»

LITERATUR ⋅ Er ist der berühmteste und meistgelesene Germanist der Schweiz. Peter von Matt wird am Samstag 80 Jahre alt. Der literarische Spaziergang durch Zürich wird zum politischen Lehrstück.
18. Mai 2017, 07:39
Hansruedi Kugler
«Gerne, aber nur nicht in meiner Papierhölle.» Peter von Matts Antwort auf die Interviewanfrage zeigt den Literaturwissenschafter schon mit jener offenherzigen Neugier, der Freude am Schalk und an der pointierten Formulierung, die ihn auch als glänzenden Buchautor auszeichnen. Seine Einstiegssätze sind legendär: «Die Geschichte gehört zu den grossen Drogen der Menschheit», «Kunst hat mit der Wildnis zu tun» oder «Ob das Kalb davonkommt?» Nach solchen Sätzen will man unbedingt weiterlesen. Auch beim Wort «Papierhölle» hakt man nach: Eine Hölle könne seine Bücherburg im Zürcher Vorort Dübendorf ja wohl nicht sein. Wer mit so lustvoller Begeisterung über die politische und moralische Bedeutung von Literatur schreibt (zuletzt über sieben Küsse in der Weltliteratur), für den muss der Bücherberg ein Paradies sein. Wieder blitzt sofort Peter von Matts Schalk auf: «Sagen Sie lieber nicht einer Gebärenden, dass der Gebärsaal ein Paradies ist!»

«Hölle» ist trotzdem nur halb ernst gemeint: Peter von Matt wird für seine Originalität und seinen Stil verehrt. Trotzdem: «Ich bin nicht so souverän, wie ich immer tue.» Er sei immer sehr nervös gewesen vor seinen Vorlesungen. Und mit seinen Texten sei er erst nach mehrmaliger Überarbeitung zufrieden. Dreissig Jahre lang war Peter von Matt Literaturprofessor an der Uni Zürich und hatte schon damals viele Fans. Weil er sich so intensiv mit dem Verhältnis von Literatur und Politik in der Schweiz beschäftigt hat, ist er zu einem gefragten öffentlichen Intellektuellen geworden. 2001 führte er zum Beispiel auf Einladung von Moritz Leuenberger den Gesamtbundesrat ans Grab von Elias Canetti und sprach über die enorme Bedeutung der europäischen Kultur und der Emigranten für das Schweizer Geistesleben – ein Plädoyer gegen Provinzialismus.

«Nur Ironie bringt so etwas wie Wahrheit hervor»

Der Vorschlag zum literarischen Geburtstagsspaziergang durch Zürich freut ihn deshalb sehr. Das Zwingli-Denkmal lässt Peter von Matt aber links liegen. Man muss ihn stoppen: «Wer zum Schwert greift, kommt daran um», zitiert er aus der Bibel, kehrt dem Denkmal den Rücken zu («Sie hätten ihm besser nur das Buch in die Hand gedrückt») und lässt keinen Zweifel an seiner Ablehnung dieser Heroisierung: «Wir Menschen sind eigentlich lächerliche Wesen.» Deshalb bringe nur Ironie so etwas wie Wahrheit und Menschlichkeit hervor, sagt er. Und er meint das sehr politisch: «Nichts hat einen Anspruch auf Ewigkeit.» Genau dieses Bewusstsein des Unfertigen, Vorläufigen, auf Ausgleich und Kompromiss Bedachten sei das Wesen der Demokratie und schütze sie vor der Machtanmassung. Er, der in keiner Partei sei, ärgere sich deshalb auch über die Rechthaberei und das Schwarz-Weiss-Denken, das in der Schweizer Politik herrsche: «Die modische Verachtung für die sogenannten Mitteparteien ist äusserst schädlich.» Auch das hat mit Literatur zu tun: Gottfried Kellers Novellen wie «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» seien die subtilsten Lehrstücke in dieser Sache, schreibt er in seinem Buch «Die tintenblauen Eidgenossen».

Überhaupt der 1890 verstorbene Gottfried Keller, der wie kein anderer die Geburtswehen der republikanischen Schweiz literarisch verarbeitet hat. Ihn liebt Peter von Matt besonders und ihn sieht er in der Zürcher Altstadt auf Schritt und Tritt: Wie der kleine einsame Mann, als Staatsschreiber eine Respektsperson, die Treppe zum Limmatquai hinunterfällt, wie er über die Münsterbrücke in sein geliebtes Gasthaus «Zur Meisen» geht, trinkt, fabuliert und Streit anfängt.

Dann deutet Peter von Matt in Richtung Lindenhof-Hügel. Als Max Frisch einmal Peter Bichsel die Stadt zeigte, sei Frisch dort in Tränen ausgebrochen: «Er hat Zürich rasend geliebt und war gekränkt, dass ihn das Zürcher Bürgertum als Landesverräter beschimpfte», sagt Peter von Matt, der von 1979 bis 2013 Präsident der Max-Frisch-Stiftung war. Im lauschigen «Rosenhof» im Zürcher Niederdorf hat Max Frisch 1967 einen Brunnen gestaltet – und ihn den namenlosen Opfern der Geschichte und deren Kriegen gewidmet. Frischs Namen sucht man vergebens auf dem stillen Denkmal. Einzig die im Schreibmaschinenstil eingravierte Schrift weist auf den Schriftsteller hin.

«Schöngeistig ist ein kleinliches, abschätziges Wort»

Es war der umstrittene Umgang mit Geschichte und Erinnerung, der ihm den engen Zusammenhang von Literatur und Politik klargemacht habe, betont Peter von Matt: «Literatur produziert und zertrümmert solche Geschichten.» So erübrigt sich die Frage, warum er vor 60 Jahren «Schöngeistiges» wie Germanistik und Kunstgeschichte studierte: «Schöngeistig ist ein kleinliches, abschätziges Wort», protestiert er: «Das Geistige ist ein Grundnahrungsmittel wie die Kartoffel. Man kann auch geistig verhungern!» Und: «Man kann kein Kind erziehen, ohne Geschichten zu erzählen.» Er selbst hat als Kind Karl May verschlungen: «Schon da ist alles durchtränkt von Moral, Gefühlen, sozialer Dramatik. Diese komplexen Erfahrungen haben mich zeitlebens fasziniert.»

Nach dem Studium nahm der gebürtige Nidwaldner eine Stelle als Gymnasiallehrer in Luzern an. Als sein ehemaliger Professor Emil Staiger ihn als Assistent nach Zürich lockte, war von Matt bereits verheiratet und hatte ein kleines Kind. Den Wechsel zur karg bezahlten Unistelle unterstützte seine Frau Beatrice, ebenfalls Germanistin und Literaturkritikerin bei der NZZ. Als grössten beruflichen Glücksfall nennt er aber den Hanser-Verlag: «Ich wollte immer schon gelesen werden.» Schweizer Zeitungen und Verlage wollten aber seine Artikel nur zögerlich. In Deutschland war das Echo sofort positiv. So kam es zur Mitarbeit bei der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und beim Hanser-Verlag, wo bis heute Peter von Matts Bücher erscheinen: über Liebesverrat, Intrigen, verkommene Söhne und über die «tintenblauen Eidgenossen». Und wenn man seinen sportlichen Schritt zur S-Bahn sieht, weiss man: Da werden weitere Bücher folgen.


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