Wie das Matterhorn auf die Bühne kommt

URAUFFÜHRUNG ⋅ Knapp eine Woche noch ist es bis zur Premiere am kommenden Samstag. Das Musical «Matterhorn» ist in seiner heissen Phase angelangt. Langsam muss alles zusammenkommen.
11. Februar 2018, 05:17
Rolf App

Wir sind mit Lisa Antoni verabredet, welche die Geliebte des Matterhornbezwingers Edward Whymper singt und spielt, und suchen zuerst einen Platz zum Fotografieren. Die Bühne könnte sich eignen, eine stille Ecke gibt es dort immer. Doch während sich Lisa Antoni ganz ruhig und gelassen hinstellt, herrscht rundherum äusserste Betriebsamkeit. Da wird gehämmert und gesägt. Angus Wilkonson kreuzt unsern Weg, der Assistent von Regisseur Shekhar Kapur, und Peter J. Davison, der Bühnenbildner.

Anderthalb Wochen noch sind es bis zur Premiere am kommenden Samstag, und langsam muss alles zusammenkommen: Schauspiel und Choreografie, Gesang und Musik, Bühne und Kostüm. Und das Licht: Von vorne leuchten Scheinwerfer in die Bühne hinein, nur schemenhaft erkennen wir die Silhouette des sicherlich berühmtesten Bergs der Schweiz. Das Musical «Matterhorn» ist in seiner heissen Phase angelangt.

Ein Bett und ein paar Stellwände müssen genügen

Eine Woche zuvor sieht es noch ganz anders aus. Da steht noch die Kulisse von «La Boheme» im Weg, die Abends gespielt wird. Ein Bett und ein paar Stellwände müssen genügen als Rahmen für eine intime Szene von Lisa Antoni und Oedo Kuipers als Edward Whymper. Er hat den Berg bestiegen, doch auf dem Rückweg ist ein Teil seiner Seilschaft abgestürzt. Er wollte der Erste sein, um jeden Preis, wollte den Triumph nur für sich. Er ist verzweifelt. Nimm dein Scheitern hin, sagt die Gefährtin. Denn wahre Grösse zeigt sich erst im Scheitern.

Der philosophische Kern wird sichtbar, eingepackt in eine symbolträchtige Handlung. Es sind die Motive, die Edward Whymper ins Zwielicht rücken. Er will es allen zeigen: den Oberschicht-Schnöseln vom Alpine Club, vor allem aber Olivia, der Tochter des englischen Seilfabrikanten John Buckingham. Er will ihr zeigen, dass er besser ist als ihr Verlobter, der reiche Robert Hadow.

Wahrheit und Fantasie stossen da aufeinander. Die Wahrheit: Das ist die Tragödie rum um die Erstbesteigung des Matterhorns im Juli 1865. Die Fantasie: Das ist Olivia Buckingham als Figur, die der Librettist Michael Kunze dazuerfunden hat. Auch aus dramaturgischen Gründen: Das Musical wäre sonst eine reine Männergeschichte geblieben.

Wie Michael Kunze auf Albert Hammond kam

Wie er dabei vorgeht, das hat Michael Kunze vor bald zwei Jahren, im Juni 2016, in Zermatt selber erläutert, als er sich ein erstes Mal mit dem Komponisten Albert Hammond traf. «Eine lange Zeit der Recherche ist vorausgegangen», hat er erzählt. «Ich habe dann eine Storyline entwickelt, in der jede einzelne Szene beschrieben ist – das ist eine Art Grundriss für das Gebäude, das nun gebaut wird. Zu zweit entwickeln wir nun musikalisch die einzelnen Charaktere und die Szenen.» Kunze ist auf Hammond zugegangen, der bis dato viele Hits komponiert hat, aber noch nie ein Musical. «Ich suchte jemanden, der frisch an das Thema herangeht.» Denn es sei im Grunde gar keine Bergsteigergeschichte. «Sie handelt vielmehr vom Ehrgeiz und von der Katastrophe, die daraus entsteht. Mir geht es ums Menschliche. Wir werden nicht viel Gekletter auf der Bühne haben, das ist uninteressant.» So suchte Kunze keinen Routinier, sondern fragte sich: «Wer schreibt die besten Melodien?»

Noch eine zweite ungewöhnliche Wahl hat er getroffen: Shekhar Kapur hat in Indien, England und Hollywood Filme gedreht, aber noch nie ein Musical inszeniert. Mit grosser Ruhe und Sorgfalt nimmt er sich nun der Szene zwischen Edward Whymper und Olivia Buckingham an. Immer wieder eilt er auf die Bühne, spricht mit Lisa Antoni und Oedo Kuipers, lässt das Ganze wiederholen. Und übergibt dann an Jonathan Huor, in dessen Händen die Choreografie liegt.

Eine Gerichtsverhandlung wird choreografiert

Mittlerweile hat sich das Ensemble eingefunden und umgezogen. Bänke werden auf die Bühne gerückt und in die Mitte ein Pult. Eine tumultuöse Gerichtsverhandlung nimmt Gestalt an, denn nach der Katastrophe stellt sich die Frage: Wer trägt die Schuld? War das Seil zu schwach, oder wurde es am Ende sogar durchgeschnitten? Jonathan Huor entwirft ein sehr lebhaftes Geschehen, bei dem jede Geste sitzen muss. Und geht dann zu einer andern Szene über, in der sich die Bergsteiger sammeln und Olivia Edward davon abbringen will, auf den Berg zu steigen. Das Duett findet sich eingebettet in eine Ensemble, was räumlich nicht leicht aneinander vorbei zu bringen ist.

Während vorne noch Huor probt, taucht hinten Franz Blumauer auf, der die Kostüme entwirft. Mit ihm Luigi Scifano, der den buckligen Luc Meynet spielt, und bereits in einem von Blum­auers Kostümen steckt. Auch darauf wird Shekhar Kapur am Ende noch ein Auge werfen.

Rolf App


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