Musik, die zu Tränen rührt

TRAURIGE LIEDER ⋅ Am Samstag findet im Palace in St.Gallen eine tränenselige Tanznacht statt – mit lauter Musik zu Liebeskummer, Tod und Einsamkeit. Unsere Kulturredaktion hätte da auch noch ein paar Beispiele mit traurigen Lieblingsliedern.
11. Januar 2018, 06:07
Die Schweizer haben nichts zu lachen
Jetzt, in der kalten Jahreszeit sieht man sie noch öfter, die traurigen Gesichter im Bus oder im Büro, die Mani Matter 1972 in seinem Chanson «Warum syt dir so truurig?» so zeitlos und treffgenau beschreibt. Nur, dass die Gesichter heute auf die Bildschirme von Computer und Smartphones starren. 

()


Wer in der Öffentlichkeit laut und ausgiebig lacht, erntet in der Regel schiefe Blicke. Nur Kinder, Behinderte oder Betrunkene scheren sich nicht darum. Traurig, dass sich seit den 1970ern nichts daran geändert hat. «Warum syt dir so truurig?» ist ein melancholisches Lied über die Traurigkeit der Schweizer, denen es so gut geht, dass sie nichts zu lachen haben. Ein Rezept gegen die traurigen Gesichter hält Mani Matter in einem anderen Chanson bereit: «Dene wos guet geit / Giengs besser / Giengs dene besser / Wos weniger guet geit». Christina Genova

 
 Mani Matter: Warum syt dir so truurig? Zytglogge 2002






Achtung: Bitte ja nicht verlieben
Der 1989 erstmals veröffentlichte Song «Wicked Games» von Chris Isaak wurde 1990 als Soundtrack von David Lynch’s Film «Wild at Heart» populär. Der Song handelt von einem  Mann, der die Frau seiner Träume trifft, sich aber nicht in sie verlieben will, weil er weiss, eines Tages wird sein Herz gebrochen.

()


 
 «Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal so jemanden wie dich treffe. Genauso wenig hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal so jemanden wie dich verliere würde.» Heisst eine der Zeilen im Song. «Nein, ich will mich nicht verlieben», singt Isaak mehrmals im Refrain. Er trifft eine Frau, die ihm zu Beginn das Gefühl gibt, sie liebt ihn. Nach einiger Zeit gibt sie ihm jedoch zu verstehen, dass er nicht der Richtige ist, der zu ihr passt. Beim Wicked Game, also dem bösen Spiel, geht es darum, dass eine Person jemand anderen dazu bringt, sie unsterblich zu lieben, obwohl sie die Liebe zur anderen Person letztendlich niemals zulassen wird. Philipp Bürkler
 
Chris Isaak: Wicked Game, auf dem Album Best of








 
Einsamer Waldschrat mit gebrochenem Herz 
Als sich Justin Vernon für drei Monate in eine Hütte in den Bergen verkriecht, ist er am Ende. Seine Band hat sich aufgelöst, seine Freundin hat ihn verlassen, das Pfeiffersche Drüsenfieber gibt ihm den Rest. Er will alleine sein, suhlt sich in seinem Elend. Und schreibt neun schlichte Songs, die von Schmerz und Einsamkeit handeln und voller Schönheit stecken. 
 

()


Sein Album «For Emma, Forever Ago», 2007 unter dem Bandnamen Bon Iver veröffentlicht, macht ihn innert Kürze zum traurigsten Star der Indie-Balladen. Es ist für mich (besonders «Skinny Love») der perfekte Soundtrack für kalte, einsame Winternächte. Diese Art von Nächten, während derer ich denen nachtrauere, die ich verloren habe, und mich nach denen sehne, die ich noch gar nicht getroffen habe. Katja Fischer De Santi 
 
 
Bon Iver, For Emma, Forever Ago, Jagjaguwar 2007 








 
Heisse Tränen, Frost und Eis
Soviel Selbstmitleid in der Öffentlichkeit traut sich ein von aller Welt verlassenes Herz sonst höchstens noch an einer tristen Bar. Oder, Hüsteln und Schniefen streng verboten!, bei einem Liederabend. 
 

()


Da tröpfeln verstohlene Tränchen und gefährden das Make-up. Nicht gerade für den Frust am Rande eines Dancefloors mag sich Franz Schubert eignen; und sicher, mancher Text wirkt zweihundert Jahre später etwas aus der Zeit gefallen. Doch wie schön, tieftraurig und dabei so tröstlich Melancholie klingt, wusste Schubert wie kein zweiter. Oder schon vor ihm der Engländer John Dowland? Bei so viel herzzerreissendem Männergejammer darf eine Frau nicht fehlen: Joni Mitchell, auf die sehr sanfte Tour, mit «Man from Mars» oder mit «River», rauf und runter. Bettina Kugler 

Franz Schubert: Winterreise. Daniel Behle, Oliver Schnyder Trio. Sony 2014





 
Wie viel Erdbeereis muss man noch essen
Sie waren der Soundtrack unserer Studienzeit. Irgendwer hatte immer Liebeskummer, Weltschmerz oder einfach eine Sinnkrise. Das monatelange Wintergrau an der Ostsee trug auch nicht gerade zur Stimmungsaufhellung bei. Vielleicht hörten wir deshalb dauernd Element of Crime. 
 

()


Poetische Texte, in aller Traurigkeit liegt Leichtigkeit. Texter und Sänger Sven Regener trifft rauchig und lakonisch ins Herz. Songs als Kurzdramen, die Welt in wenigen Zeilen. «Ganz egal, woran ich grade denke, am Ende denk ich immer nur an dich.» Wer ausser Regener kann die Fragen, ob ein metallicbraunes Auto da parken darf, wie viel Erdbeereis der Mensch noch essen muss mit dem existenziellen Kern verknüpfen: «Darf ich irgendwann zurück zu dir.» Weltschmerz rotzig vorgetragen. Und dann wird einem warm ums Herz. Julia Nehmiz 
 
 
Element of Crime: Am Ende denk ich immer nur an dich, auf Immer da wo du bist bin ich nie, 2009.





 
Klagelied gegen US-Rassismus
Das traurigste Lied des 20. Jahrhunderts ist für mich «Alabama» des Jazz-Saxofonisten John Coltrane. Komponiert hat er das instrumentale Klagelied 1963, nach einem tödlichen Anschlag weisser Rassisten auf eine schwarze Kirchgemeinde mit vier toten Mädchen. Ohne jede Effekthascherei, ohne Pathos, sondern würdevoll, innerlich und konzentriert gespielt. 
 

()


Zwei weitere gehören zu meinen Lieblingen: «Where do they all come from» – der Beatles-Song «Eleanor Rigby» ist zwei einsamen Seelen gewidmet. Bildhaft öffnet der Song das Gefühl von Einsamkeit einer Kirchenpflegerin und eines Priesters, im lieblichen McCartney-Stil heimtückisch tiefgründig. Der schönste Song auf dem legendären «White Album» 1968 der Beatles ist «While my guitar gently weeps» von George Harrison, und ein wunderbar sanftmütiges, poetisches Lied über die Klage der weinenden Gitarre über den Zustand der Welt. Hansruedi Kugler
 
John Coltrane: Alabama, auf der LP Live at Birdland, 1963. 

 
 
Video: Bon Iver

( )




Anzeige: