Was für schräge Hausgenossen!

BÜHNE ⋅ Die Herisauerin Kathrin Bosshard ist eine der besten Puppenspielerinnen der Schweiz. Ihr Erwachsenenstück «Unter Artgenossen» mit fünf skurrilen, sehr menschlichen Puppen ist im Figurentheater St. Gallen ein tragikomischer Krimi und eine coole Soap.
03. November 2017, 05:19
Hansruedi Kugler

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

«Ich habe nicht auf die Treppe gekotzt», protestiert der Altrocker mit Skelett-T-Shirt und reisst sein Hundemaul mit riesigem Schnauz auf. Trotzdem: In diesem Mietshaus ist was faul! Im Treppenhaus stinkt es und die neue Bewohnerin, eine Hyäne, grinst dauernd so ordinär und geheimnisvoll («Hähähä»). Nicht nur das: Die Hyäne hat auch noch einen Koffer voller Banknoten dabei. Eine Gangsterin? Aber sie ist doch so grosszügig, fröhlich und eine aufmerksame Zuhörerin! Da fragt man sich schon, was sie im Schilde führt. So ist denn in der Theaterpause das Gesprächsthema gegeben: Sitzen wir in einem hinterhältigen Drama à la Biedermann und die Brandstifter oder in einem Mafiakrimi mit Spielschulden und Schwarzgeld oder ist die Hyäne einfach ein naiver, netter Kerl, der ausgenutzt wird? Die Antwort: Da ist von allem etwas drin. Und die Auflösung hat am Ende reichlich schwarzen Humor.

Äusserst menschliche Charaktertiere

Vor allem aber hat man hier ein Gesamtkunstwerk vor sich: Kathrin Bosshard schlüpft geschmeidig in die Hand- und Körperpuppen, die sie allesamt selbst hergestellt hat. Sie verwandelt sich auch stimmlich mit verschiedenen Dialekten (mal Wienerisch, dann mit polnischem Akzent oder mit Züri-Hochdeutsch) in die sehr menschlichen Charaktertiere: In die eitle, erfolglose Künstler-Katze mit Dauermi­gräne; in den spielsüchtigen Vorstadt-Casanova-Hasen und Hausbesitzer, der die Katze als Betthäschen aushält und es auf das Geld der Hyäne abgesehen hat; in die verbitterte, bigotte alte Kröte, die von ihren Kindern keinen Besuch mehr erhält; in das verschupfte Gänschen mit Rachefantasien; in den grölenden Altrocker-Hund. Sie leben alle im heruntergekommenen Haus des Hasen («Das Dach tropft, die Rohre tropfen, die Radiatoren tropfen») und sind selbst ziemlich ramponierte Existenzen. Die tratschen und schnöden über­einander, beklauen sich und suhlen im Selbstmitleid.

«Ein Korn Narzissmus und Bigotterie steckt in jedem»

«Ich gehe mit der Hyäne in dieses Mietshaus und räume auf», sagt Kathrin Bosshard zu ihrem neuen Erwachsenenstück. Das sei ihre sozusagen gottgleiche Rolle als Autorin. Sie spielt dabei Schicksal. Denn aus der Hyäne, die kein Wort sagt, wird man bis zuletzt nicht schlau. Das ist so gewollt. Die Hyäne ist wie ein fröhlicher Dämon: Ihre Unbefangenheit löst den schrulligen, vereinsamten Bewohnern die Zunge, sie vertrauen ihr Geheimnisse an und sehen in ihr das eigene Spiegelbild. Und das erträgt nicht jede Figur gleich gut – so ist es folgerichtig, dass das Stück mit einem Knalleffekt endet.

Einige Puppen hat Kathrin Bosshard aus früheren Programmen übernommen. So etwa den ruppigen, vorlauten Hund: Ihn nutzt sie jeweils für ihre Auftritte beim «Bundesordner», dem satirischen Jahresrückblick im Casinotheater Winterthur. Oder die glatzköpfige Kröte: Sie war schon in «Pandoras Jukebox» zu sehen, einem Stück aus dem Jahr 2014. In «Unter Artgenossen» staunt man einmal mehr über die Vir­tuosität der Puppenspielerin. Ihre Professionalität hat seinen Grund: Kathrin Bosshard studierte von 1996 bis 2000 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, in der Abteilung Puppenspielkunst – eine umfassende Ausbildung. So gibt sie denn auch die klassische Schauspielerantwort auf die Frage, wie sie ihre extremen Charakterfiguren entwickle: «Ich suche diese Anteile in mir und vergrössere sie extrem.» Ein Körnchen Narzissmus, Bigotterie oder Unbekümmertheit stecke ja wohl in jedem drin.

Sieht man ihr neues Stück, denkt man unweigerlich: Mit dieser spannenden Handlung und psychologischen Scharfsicht würde man das auch auf einer Bühne mit menschlichen Schauspielern gerne anschauen. Aber Kathrin Bosshard bleibt ihren Puppen mit gutem Grund treu: «Diese Viecher haben immer etwas Gewinnendes an sich. Zudem bleibt damit der Humor erhalten, bei aller Tragik und Schrulligkeit. Und als Zuschauer kann man sich dann wohl eher eingestehen, dass man auch selbst manchmal so sei.»

Do–Sa, 9.–11.11., 20 Uhr, Figurentheater St. Gallen.


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