Verzweiflung auf dem Gipfel

SÄNTISMORD ⋅ Dietmar Paul inszeniert am Theater 111 St. Gallen mit dem Stück «Unter Null» den «Doppelmord vom Säntis» nicht als ­Racheakt, sondern als Verzweiflungstat. Am Freitag war Premiere des emotionalen Geiseldramas.
05. September 2017, 05:18
Mirjam Bächtold

Mirjam Bächtold

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Am 25. Februar 1922 findet Säntisträger Josef Anton Rusch auf dem Gipfel die Leichen von Heinrich und Lena Haas. Der Wetterwart und seine Frau sind aus nächster Nähe erschossen worden. Ihr Mörder war mit höchster Wahrscheinlichkeit Gregor Anton Kreuzpointner, der das Ehepaar oft besucht hat. Die Indizien gegen ihn waren erdrückend, auch wenn er nicht mehr befragt werden konnte, weil er sich selbst richtete.

Der Zuschauer weiss, wie das Theaterstück «Unter Null» ausgehen wird. Es beginnt mit einem Monolog Kreuzpointners, in dem er auf seine Tat zurückblickt und versucht zu erklären, wie es dazu kommen konnte. Er habe doch nur ein besseres Leben gewollt: «Die Wolken gehören mir, ich greife nach ihnen. Ich will den Engeln die Flügel ausreissen, um sie zu bekommen!» Die Inszenierung zeigt, was Kreuzpointner dazu getrieben haben könnte, Heinrich und Lena Haas umzubringen. Autor und Regisseur Dietmar Paul hat seine Vermutungen mit den Fakten zum Säntismord verwoben und im Drama die Beziehungen zwischen den drei Figuren ins Zentrum gerückt.

Puppe ist für Heinrich und Lena ein Tochterersatz

Dietmar Paul hat drei klare, glaubwürdige Figuren gezeichnet. Heinrich und Lena Haas sind in den langen Wintern auf dem Säntis in der kleinen Hütte eingeschneit. Die Stube mit Tisch und Ofenbank ist das einzige Bühnenbild. Die beiden sehen ihre Kinder monatelang nicht und sehnen sich nach den zwei Töchtern. Auf dem Tisch sitzt eine Puppe, mit der sie sprechen, als wäre sie die Tochter Bertha. In diese Einsamkeit platzt der halb erfrorene ­Gregor Kreuzpointner, der im Schneegestöber bei zwölf Grad unter null in seinem schönsten Anzug über die Nordwand zum Säntis aufgestiegen ist. Sie päppeln ihn wieder auf, kümmern sich um ihn, wie um ein Kind. Und so leben sie in den kommenden Tagen zusammen: Lena Haas (Eveline Ketterer), eine toughe Frau, die Strategin, Planerin, die in der Beziehung die Hosen anhat. Heinrich Haas (Tobias Stumpp), gutmütig und etwas naiv hält er sich wie ein echter Bünzlischweizer korrekt an alle Regeln. Und Gregor Kreuzpointner (Tobias Wollschläger), der sich zuerst unbeschwert und optimistisch gibt, seine Verzweiflung über die Schulden überspielt und das Leben auf die leichte Schulter nimmt.

Verzweiflungstat statt geplanter Racheakt

Die Inszenierung verzichtet auf übertriebene Theatralik und lebt von den überzeugend dargestellten Konflikten zwischen Figuren.

Die gängige Theorie für das Motiv zum Säntismord ist Rache: Kreuzpointner hatte sich als geübter Bergsteiger ebenfalls auf die Stelle des Wetterwarts beworben. Ausserdem hatten Lena und Heinrich Haas Kreuzpointners Verlobten von seiner arbeitsscheuen Einstellung erzählt, wor­aufhin diese die Verlobung löste. Auch der Wirt im Weissbad wurde durch einen Brief vor der Einstellung Kreuzpointners gewarnt, jedoch ist nicht klar, wer den anonymen Brief geschrieben hat. In Dietmar Pauls Inszenierung ist der Mord kein kaltblütig geplantes Verbrechen, sondern eine Verzweiflungstat. Der verschuldete Kreuzpointner wollte Lena und Heinrich um ein Darlehen bitten. Erst als sie ihm das verweigern und er keinen Ausweg mehr sieht, greift er zur Pistole. Er scheint sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben, lässt sich von seiner Wut leiten, fast wie bei einem Amoklauf.

Jeder ist ein Produkt der Gesellschaft

«Ich bin kein Fan vom Schwarz-Weiss-Denken. Ich glaube niemand ist von Grund auf schlecht, jeder ist das Produkt der Gesellschaft», sagt Dietmar Paul. Er hat die Biografien der historischen Figuren studiert. Wenn Kreuz­pointner im Stück Heinrich von seiner schwierigen Jugend erzählt, zeigt der Regisseur Kreuzpointners menschliche Seite und weckt so Verständnis für den Mörder.

Auch als Kreuzpointner im Schlussmonolog einen Brief an seine ehemalige Verlobte liest, werden seine Verzweiflung und seine Reue sichtbar. Am Ende hat er seinen Engel bekommen. «Wie er da lag, im Schnee. Er sah so friedlich aus, der Heinrich. Es war wie dereinst im Frühjahr, als wir Schneeengel machten.»

Vorstellungen: Fr/Sa, 15./16.9., 6./7.10., Theater 111, theater111.ch; Fr/Sa, 10./11.11. Tanzraum Herisau tanzraum.ch; Sa, 18.11. Eisenwerk Frauenfeld, dasklima.ch


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