Trotzige Blicke, starke Frauen

MANOR-PREIS ⋅ Georg Gatsas ist Journalist, DJ und Künstler. So vielseitig und kreativ sind auch die Menschen, die er fotografiert. Seine eindringlichen Porträts sind im Kunstmuseum St.Gallen zu sehen.
11. November 2017, 05:19
Christina Genova

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Es ist dieser Blick. Immer wieder dieser Blick, direkt in die Kamera. Stark, selbstbewusst, ernst. Manchmal herausfordernd, fast trotzig, aber auch unnahbar. Von den Menschen, die Georg Gatsas porträtiert, geht eine besondere Energie aus, die in ihren Blicken kondensiert. Es ist eine Intensität, die beinahe einschüchtert. Es ist, als ob der Fotograf die Persönlichkeit der Porträtierten in seinen Bildern verdichtet hätte.

Georg Gatsas’ Fotografien sind zurzeit in einer Einzel­ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen. Der in Rorschach aufgewachsene Künstler ist der diesjährige Preisträger des St. Galler Manor-Kunstpreises, der zu den wichtigsten Förderpreisen für zeitgenössische Kunst zählt. «Are You . . .Can You . . .Were You?» ist die erste museale Einzelausstellung des 39-Jährigen.

International vernetzt

Georg Gatsas interessiert sich für Pop und Clubmusik, insbesondere für Dubstep. Die Protagonisten dieser international vernetzten Musikszene dokumentiert er seit Jahren fotografisch aber auch als Journalist. Ausserdem ist er als DJ auch Teil davon. Man kennt ihn, das schafft das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit, ohne welche seine Bilder nicht möglich wären. In der Ausstellung sind Fotografien aus Serien zu sehen, die in New York, London, in der Schweiz und in Johannesburg entstanden sind.

Wie Gatsas lassen sich seine Porträtierten selten auf eine Rolle festlegen. Jamal Nxedlana ist nicht nur Fotograf, sondern auch Blogger, Designer und Künstler. Georg Gatsas hat ihn in seiner neusten Serie gleich mehrfach porträtiert. Sie entstand während seines letztjährigen Atelieraufenthalts in Johannesburg. Eines der Bilder zeigt Jamal, wie er mit leicht abgewandtem Gesicht in die Ferne blickt.

Die Eindringlichkeit von Georg Gatsas’ Porträts hat auch mit seiner Arbeitsweise zu tun. Seine Fotografien entstehen in einem kollaborativen Prozess. Er beansprucht nicht das alleinige Copyright auf die Bilder, sodass die Musiker und Künstler sie in den sozialen Medien oder als Plattencover verwenden können. Georg Gatsas ist sich seiner Rolle als weisser Fotograf, der Schwarze oder «People of Colour» ­fotografiert, und der Gefahr des ­kolonialistischen Blicks bewusst. Deshalb tut er alles, um das Machtgefälle zwischen Fotograf und Modell zu eliminieren.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei Gatsas’ Frauenporträts, die von ungleich grösserer Intensität sind als die Bilder von Männern. Es sind starke Frauen, die sich in der männerdominierten Musikszene durchgesetzt haben, wie DJ Doowap, eine der erfolgreichsten weiblichen DJs Südafrikas, oder die Sängerin und Designerin Manthe Ribane. Wer von Gatsas fotografiert wird, weiss sich selbst darzustellen und weiss um die Wirkung von Bildern. Besonders deutlich wird dies beim ikonischen Bild, das die Künstlerin und Designerin Tebogo Ribane (Manthes Schwester) zeigt. Sie inszenierte sich in Schwarz-Weiss und brachte die dafür nötigen Requisiten wie die gestreifte Stoffbahn gleich selbst mit.

Das kreative Südafrika

Tebogos Wandlungsfähigkeit und ihre Lust am Spiel mit Identitäten drücken sich in einem weiteren, fast drei Meter hohen ­Porträt aus, das als Wandtapete aufgezogen ist. Es zeigt sie in der Natur, die Arme zum Himmel erhoben, die Augen geschlossen.

Jamal, Tebogo, Manthe, DJ Doowap und die anderen Porträtierten sind Teil einer Gruppe von jungen, äusserst kreativen Südafrikanern, die international unterwegs sind: «Sie wollen ausbrechen, etwas bewirken», sagt Gatsas. Er fotografiert sie so, wie sie sich gerne sehen wollen.

Bis 11.2. Publikation zur Ausstellung «Signal the Future» erschienen bei Cpress.


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