Theater hautnah bei den Leuten

CONTAINER ⋅ Mit seiner mobilen Spielstätte kann das Ensemble des Theaters St. Gallen Performances bieten, die nahe bei den Leuten sind. In der vergangenen Spielzeit kam der Container an verschiedenen Stationen zum Einsatz. Jetzt steht er im Lattichquartier.
13. Juni 2017, 05:19

Kleider, Hüte, Schuhe, Telefone mit Wählscheiben und DVDs – auf dem Flohmarkt im Lattichquartier tauscht Gebrauchtes den Besitzer. Auf dem Flohmarkt in Damaskus geht eine Frau weiter: Sie verkauft ihren Mann, weil er nicht mit ihr redet. Diese Geschichte liest Schauspieler HansJürg Müller vor dem Container des Theaters St. Gallen, der momentan im Lattichquartier steht. Die Geschichte hat der Autor Rafik Schami geschrieben, es ist eine Erinnerung an seine Kindheit in Syrien. Als Junge fragte er seinen Grossvater, ob die Grossmutter ihn auch verkaufe. Sein Grossvater sagte zu ihm: «Sie will mich jeden Tag verkaufen, aber ich erzähle ihr eine Geschichte, damit sie es vergisst.» Da nahm sich der kleine Rafik Schami vor, immer Geschichten zu erzählen. Heute ist er einer der grössten ­Erzähler.

Niederschwellig ins ­Gespräch kommen

Am Samstag haben die Mitglieder des Theaters St. Gallen dem Publikum verschiedene Lesungen präsentiert, aber auch eine Modenschau mit Kleidern aus Mülltüten sowie eine musikalische Einlage von Sebastian Bill und David Maze. Das Lattichquartier ist der dritte Standort des Containers, der diese Spielzeit erstmals zum Einsatz kam. Premiere hatte die mobile Spielstätte letzten Oktober auf dem Marktplatz. Im Advent stand der Container dann vor dem Stadthaus im Klosterviertel. Ziel war, mit den Passanten ins Gespräch zu kommen, und das sei erreicht worden, sagt Schauspieldirektor Jonas Knecht. «Es sahen uns viele Leute, die sonst nie mit dem Theater in Berührung kommen.» Sie hätten gemerkt, dass Theater mehr sei als ein hermetischer Raum mit Bühne und Zuschauerreihen. Dass auch Performances wie Lesungen, Poetry Slam, Gesangsunterricht für alle oder ein Salsa-Schnellkurs für die Passanten dazu gehören.

Jonas Knecht hat mehrmals sein Büro in den Container verlegt. Das sei für die Passanten eine niederschwellige Möglichkeit, ihm etwas mitzuteilen, sagt Knecht. Sie müssen nicht ein Mail schreiben oder anrufen. Er habe viele Rückmeldungen zu aktuellen Produktionen erhalten sowie Wünsche, und ab und zu auch Kritik. «Diese Rückmeldungen fliessen ständig in unsere Arbeit ein.»

Ensemble ­zusammengeschweisst

Die Veranstaltungen im Container hätten sich auch positiv auf das Ensemble ausgewirkt, sagt Jonas Knecht. Mit ihm sind einige neue Schauspieler in ein bestehendes Team gekommen. «Die Arbeit im Container hat sie zusammengeschweisst. Hier konnten sie sich mit ihren Ideen einbringen, sie mussten sich zusammentun, um etwas auf die Beine zu stellen.» Der Container habe zudem die drei Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz zusammengebracht.

In der kommenden Spielzeit wird der Container wieder eingesetzt. Er steht bis im Oktober im Lattichquartier. Am 29. Juni gibt es noch eine Veranstaltung, bevor in der Sommerpause eine Ausstellung im Container gezeigt wird. Diana Dengler und Christian Hettkamp laden ihren Schauspielkollegen Kay Kysela ein zum Talk im Bett. In der übernächsten Spielzeit will Jonas Knecht den Container nicht nur in der Stadt, sondern im ganzen Kanton einsetzen. Es ist eine Inszenierung im Container mit Tournee geplant.

Mirjam Bächtold

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch


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