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Tagblatt Online, 04. Mai 2011 01:05:51

Wie am ersten Schöpfungstag

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Die «All-umfassende» Installation des Künstlers Karl Fürer in der Kirche St. Mangen. (Bild: Coralie Wenger)

Wie ein Blick ins All wirkt das vierteilige Tafelbild, das seit dem Wochenende in der Kirche St. Mangen hängt. Geschaffen von Karl Fürer, verbindet es den ersten mit dem Jüngsten Tag.

Josef Osterwalder

Sanfte Sterne und geballte Sternhaufen, ruhende Gestirne und explosive Bewegung – im Bild von Karl Fürer erscheint die ganze Gegensätzlichkeit der kosmischen Welt. Für einige Monate wird es im Chor der Kirche St. Mangen hängen. Ein Bild, das nicht nur zur Betrachtung, sondern auch zum Dialog einlädt. Dies zeigte sich bei der Vernissage vom Freitagabend, als Hans Thomann seinen ehemaligen Lehrer Karl Fürer zu dessen Werk befragte. Beide sind Künstler, die je auf ihre Weise versuchen, dem Numinosen einen bildnerischen Ausdruck zu geben.

Ein Schlüsselwerk

Für Karl Fürer, der die kommenden drei Monate im Künstleratelier in Rom verbringen wird, handelt es sich bei der vierteiligen Tafel um ein Schlüsselwerk. Es geht zurück auf ein Bild, das ihn in jungen Jahren gepackt hat: eine Darstellung, die zeigt, wie vor Urzeiten ein Gasball aus der Sonne herausgeschleudert wurde, sich langsam verfestigt und zur Erde entwickelt hat. Und genau so werde am Ende der Zeit die Erde wieder zur Sonne zurückkehren.

Etwas von diesem gewaltigen, unvorstellbaren Geschehen wollte Karl Fürer darstellen, ein Bild vom Anfang und vom Ende der Zeit. Gehalten ist es in weisser und schwarzer Farbe, in der grösstmöglichen Spannung.

Doch dieses Geschehen spielt sich nicht bloss im Kosmos ab. Es spiegelt sich auch im Menschen, dessen Körper ebenfalls aus jenen Atomen besteht, die sich in Urzeiten gebildet haben, ein Wesen aus «Sternenstaub». Diesen Menschen bringt Karl Fürer darstellerisch ins Spiel. Auf einem Stuhl liegt der Kopf eines Träumers. Im Dunkel der Nacht gehen ihm Welten auf, erfährt er, dass zwischen Weiss und Schwarz gespannt ein ganzes Farbenspektrum liegt. Entsprechend bunt ist der Stuhl des Träumers bemalt und ebenso bunt breitet sich ein Teppich farbiger Blätter aus. Es ist der Traum vom All, von der Erfahrung des Seins; bei Karl Fürer in einem verblüffend einfachen Wortspiel zusammengefasst: «All-Es».

Ja, es sei ein Altarbild, meint der Künstler, eines, das nicht nur angeschaut, sondern betrachtet sein wolle. Es gehe um «An-dacht», im Sinne von «an-denken», einem behutsamen denkerischen Nahen.

Himmelslauscher

Den auf dem Stuhl ruhenden Kopf nennt Fürer «Erdenträumer und Himmelslauscher», eine Hommage an die Klausnerin Wiborada, der in ihrer Zelle bei St. Mangen immer wieder prophetische Traumgesichte zuteil wurden. Malen sei für ihn ein Weg, um sich in das spannungsvolle Schöpfungsgewebe einzufügen; andere fänden den Zugang durch Schreiben, Tanzen, Bewegung, Musik. Diesen Faden griff die Vernissage auf, indem das Klavierduo Meier/Zaugg ein Werk von Alfons Zwicker interpretierte: «Vom Klang der radikalen Architektur», ein Spiel um die Spannung von «Monstrosität, Zufall, Zerbrechlichkeit».

Karl Fürers Tafelbild gehört zu einer Reihe Installationen, mit denen der Chor der Kirche St. Mangen in den nächsten Jahren künstlerisch belebt werden soll. Dieser war in den frühen 1990er-Jahren leergeräumt worden, weil die Kirche während der Tonhalle-Renovation als Konzertsaal diente. Diese Leere soll nun künstlerisch genutzt und die Kirche damit in den Dialog mit modernen Ausdrucksmitteln gebracht werden.

So wird am Samstag, 7. Mai, das Bild Karl Fürers zum Thema des Gottesdienstes. Gestaltet wird er von Pfarrer Hansruedi Felix und der Organistin Imelda Natter.





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