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Tagblatt Online, 01. Juni 2011 01:05:35

Wie alleine wir wirklich sind

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Trips durch die Gegenwart: Andreas Spechtl, Sänger und Texter von Ja, Panik. (Bild: Georg Gatsas)

Das kürzlich erschienene vierte Album von Ja, Panik ist morgen im Palace erstmals in der Schweiz live zu hören. Die mittlerweile in Berlin lebende Band aus Österreich stellt sich darauf den grossen existenziellen Fragen.

georg gatsas

Seit der Veröffentlichung der beiden Alben «The Taste and the Money» und «The Angst and the Money» pflegt die Gruppe Ja, Panik nicht nur eine freundschaftliche Beziehung mit dem Palace, sie zählt auch zu den wichtigsten deutschsprachigen Gruppen der letzten Jahre. Ihre kurze Promo-Tour für ihr im Feuilleton hoch gelobtes Konzeptalbum «DMD KIU LIDT» endet deshalb im Palace.

«Na, schau her, ist das dein neuer Lover? / Der Schatten da in deinem hübschen Gesicht? / (…) You look somehow in love, but you also look sick / I'm sure you sleep with DMD KIU LIDT» heisst es im Titelstück des im April erschienenen vierten Albums der in Berlin ansässigen Band Ja, Panik. Das kryptische Kürzel steht für «Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit» und ist das letzte Stück auf dem Album. Zwanzig Minuten dauert es, erst mit ihm bekommen die vorangegangenen vierzehn Stücke ihre Bestimmung.

Linksradikales Manifest

Im Titelsong des neuen Doppelalbums geht Andreas Spechtl, Sänger und Texter der Band, nochmals durch die neue Heimatstadt Berlin, trifft eine alte Liebe, flieht nach New York, wo er beinahe durchdreht, um sich dann in Rio de Janeiro mit Baldrian und Haschisch zu beruhigen. Dies alles nützt nichts, Spechtl kommt zur Erkenntnis und steigert sich in eine wütende Attacke gegen das kapitalistische System und seine Träger: «Denn nicht du bist in der Krise, sondern die Form, die man dir aufzwingt», singt er ein wenig später im Stück. Der letzte Song ist zugleich ein dringliches linkspolitisches Manifest: Es geht um den Ursprung, die Traurigkeit, und um die Frage, wie alleine wir wirklich in dieser Welt stehen.

Aneignung und Überschreibung

«DMD KIU LIDT» steht aber auch für einen schmerzhaften Zustand unserer Zeit: den des Nichtbegreifens. Diesem Umstand zufolge radikalisierte der Sänger seine Texte. Kompromisslos wie kein zweiter fordert Andreas Spechtl darin die deutsche und die englische Sprache heraus. Arbeitete er bis dato mit Versatzstücken, mit Collagen angeeigneter und geklauter Texte; im «Cut and Paste»-Verfahren müssen auf dem neuen Album Melodien, Städtenamen, die Nennung echter und fiktiver Figuren ausreichen, um sein Referenzuniversum zu spinnen. «Denn du bist nichts ausser Tausend Versionen», heisst es an anderer Stelle im Titelsong. Eine Referenz an Bob Dylan, den Meister der Überschreibung und Aneignung gefundener Texte. Aber auch an sich und die Gruppe selbst – die Band ist sich bewusst, dass sie sich an ihren Vorbildern der Vergangenheit abarbeitet.

Die passende Antwort

«DMD KIU LIDT» ist unfertig, angedeutet, offen. Und deshalb nur zu verstehen, wenn man den Anfang vom Ende her denkt. Hört man das Album Lied für Lied von hinten nach vorne, entschlüsselt sich die Platte zunehmend. Die Titel alleine lassen erahnen, was Andreas Spechtl nicht zur Ruhe kommen lässt: «Modern Life Is War», «Bittersweet», «Barbarie»: Es sind fragmentarische Abrisse, Befindlichkeitszustände der Jetzt-Zeit und Trips durch die Gegenwart. Spechtl scheut sich nicht, sich den grossen existenziellen Fragen – Politik, Liebe, Sexualität, Vereinzelung, Suizid – zu stellen und sich mit seinen Mitstreitern darin auszutoben. In dieser Welt gibt es für Ja, Panik zwar keine Alternative, aber doch die passende Antwort dafür. Diese Antworten sind mal laut und wütend, manchmal arrogant und voller Hohn, immer wieder euphorisch und tänzerisch.

Offene Enden

Die Platte hört mit sechs Minuten kompletter Stille auf. Beredtes Schweigen, ein tonloses Finale, das die Österreicher allen Angepassten auferlegen. Kurz vor der Leerstelle läutet der 27jährige Sänger mit den zwei letzten Zeilen des Konzeptalbums das Ende des Status quo ein: «Da kommen noch ein paar Strophen / An denen mir mehr als an allen anderen liegt.» Die Enden der Zukunft sind offen, es ist an der Zeit, zu handeln.

Morgen Do, Palace, 22 Uhr, 21 Uhr (Tür); VV: www.palace.sg




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