Tagblatt Online, 26. Mai 2008 17:28:50
Wenig Poesie, viel Ausbruch
Hochenergetisch geslamt: Renato Kaiser und Julius Fischer im Bierhof
St. Gallen. Leipzigs Vorzeige-Slamer Julius Fischer und das Schweizer Slam-Wunderkind Renato Kaiser bannten am Freitagabend einen energiegeladenen, zeitweise leicht überforcierten Slam unzensiert und ohne zeitliche Vorgabe auf ihre erste CD.
Michael Hasler
Der Bierhof macht am Freitagabend seinem Namen alle Ehre. Kaum ein Tisch, auf dem sich der gelbe Saft nicht finden würde, kaum eine Hand, die nicht ein Glas in die Höhe stemmt. Leute über 30 bilden eher die Ausnahme, Jugendliche unter 18 auch; Selbstregulation ohne Türsteher, sozusagen. Einzig auf dem Fensterbrett legt eine Frau um die vierzig ihren Kopf «unbewaffnet» verträumt auf ihre Hände und vergräbt sich ganz in das Gesprochene, Geschriene und im Falle von Julius Fischer auch Gesungene auf der Bühne.
Im Uncut-Format
Für einmal nicht kompetitiv angelegt, also weder zeitlich, noch thematisch begrenzt (uncut nennen die Veranstalter von Gap Events das Format), haben sich der Schweizer Slamer der Stunde, Renato Kaiser und Leipzigs Prachts-Slamer Julius Fischer zusammengetan, um Poetry Slam und damit im besten Fall Literatur aus dem Momentum heraus auf einen Silberling zu bannen. Schier ehrfürchtig hängen die gut und gerne 100 Gäste den beiden Poeten bald einmal an den Lippen, beklatschen Pointen, Endreime im Staccato-Metrum, wild vorangetriebene Alliterationen und immer wieder auch kluge Alltagsbeobachtungen in schlichter Prosa. Die beiden hochgepriesenen Slamer laufen zwar zur erhofften Bestform auf, wuchten ihre Dringlichkeit mimenden Attacken ins Publikum, doch den Weg weg vom 6-Minuten-Wettbewerbsformat hin zur literarischen Freiform schaffen sie nicht.
Pointen statt Poetry
Der Reiz des poetischen Wettkampfes ist auch seine Crux. Denn die bei den üblichen Slams vorgegebene zeitliche Begrenzung verführt nicht nur Renato Kaiser und Julius Fischer, sondern die Akteure ganz generell zum rhetorischen Sprint. So verlässt sich Renato Kaiser am Freitagabend auf seine erprobten Formen, bedient sich genüsslich beim Unmittelbarsten und begegnet in seiner kritischen Weltsicht dem balkanstämmigen Vorstadtrapper («Wa wötsch?»), den Freikirchlerinnen, oder er träumt von Popcorn und Monica Bellucci. Dass Slamkollege und Politiker Etrit Hasler in einem Text thematisch berücksichtigt wird, ist nachvollziehbar, aber nicht besonders originell. Doch im Kurzformat erweisen sich Pointen («Ich bremse nicht für FCB-Fans») als das probatere Mittel. Etwas freier tollt sich Julius Fischer auf der Bühne, karikiert den Kunstbetrieb, um sich selbst am Ende als «einfachen dicken Bären» zu sehen. Stark etwa seine Reflexion über Berlin. «Ich tue, was alle in Berlin tun: da sein.» Fischer und Kaiser haben im Bierhof lustvoll und virtuos ihre literarischen Stacheln verteilt. Dass die Poesie nur selten ihren Platz fand, mag ihnen dabei etwas entgangen sein. Schade eigentlich.
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