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Tagblatt Online, 23. Juni 2009 01:02:10

Unverschämt natürlich

Zoom

Johnny (Jurgen Delnaet) und Matty (Barbara Sarafian): Vom Leben gebeutelte Charaktere. (Bild: Bild: pd)

Der Belgier Christophe van Rompaey mixt in seinem Spielfilmdébut «Moscow, Belgium» souverän Sozialrealismus und Liebesgeschichte und kann dabei auf starke Darsteller vertrauen. Das preisgekrönte Werk ist derzeit im Kinok zu sehen.

Walter Gasperi

Von der ersten Einstellung an ist die Kamera hautnah dran am Gesicht Mattys (Barbara Sarafian), die ausdruckslos mit dem Einkaufswagen mit Sohn und Tochter durch einen Supermarkt streift. Auch später fokussiert die Handkamera immer wieder auf das Gesicht von Barbara Sarafian, registriert jede Gefühlsregung, vermittelt unmittelbar die Anspannung, aber auch die Gelöstheit und vor allem die Unsicherheit der 41-Jährigen.

In diesem genauen Blick auf Menschen, Situationen und Lebenswelten entwickelt das 2008 in Cannes preisgekrönte Spielfilmdébut des 39jährigen Belgiers Christophe van Rompaey eine Echtheit und Ungeschminktheit, die an die Filme des Briten Ken Loach oder des Deutschen Andreas Dresen, aber auch an die belgischen Brüder Dardenne erinnert.

Vom Leben gebeutelt

Einfach hat es Matty momentan im Leben nicht: Ihr Mann, Zeichenlehrer an der Akademie, hat seit fünf Monaten eine 22jährige Studentin als Freundin, und drei Kinder im Teenager-Alter halten die Postbeamtin auch auf Trab. Da hat es ihr gerade noch gefehlt, dass sie beim Ausparken in einen LKW kracht. Der Schaden ist zwar gering, doch Matty beginnt den zwölf Jahre jüngeren LKW-Fahrer Johnny (Jurgen Delnaet) bald wild zu beschimpfen.

Dem aber imponiert dieses resolute Auftreten so sehr, dass er mit solcher Hartnäckigkeit seine Hilfe bei der Reparatur anbietet, bis Matty nachgibt und sich bald auch eine Beziehung entwickelt. Fragil bleibt diese freilich, denn einerseits gibt es ja noch Mattys Mann und andererseits ist auch Johnny ein nicht immer umgänglicher, vom Leben gebeutelter Charakter.

Eng führt van Rompaey die Handlung, konzentriert sich ganz auf die Familie, vor allem natürlich auf Matty und ihren Johnny. Nebenhandlungen gibt es hier keine, aber ganz beiläufig werden die Figuren in ihren Lebensraum und ihre sozialen Beziehungen eingebettet. Zu einer hinreissenden Konfrontation kommt es dabei, wenn die ganze Familie und Johnny beim Abendessen sitzt, Akademiker und Proletarier auch mit ihren sozialen Vorurteilen und Standesdünkel übereinander herziehen und schliesslich auch noch die älteste Tochter mit einer dicken Überraschung aufwartet.

Rauher Charme

Leicht gleiten solche Geschichten in Sozialkitsch ab, aber «Moscow, Belgium» – der Titel bezieht sich auf ein Arbeiterviertel von Gent – verbreitet nicht zuletzt dank starker Dialoge einen ebenso rauhen wie beglückenden Charme. Immer nah am Leben ist dieses hervorragend gespielte und vitale Feelgood-Movie, das geschickt die Balance zwischen Ernst und Komik wahrt. Immer besteht hier die Hoffnung, dass man sich oder dass sich der andere ändern kann und dass damit auch ein Ausweg aus einer ziemlich verfahrenen Situation möglich ist. Nur mehr aufs Herz hören als alles rational planen soll man dabei.

«Moscow, Belgium» im Kinok: 25.6., 20.30 Uhr; 27.6., 20 Uhr; 28.6., 20.30 Uhr; 30.6., 20.30 Uhr; 3.7., 22.30 Uhr; 5.7., 20.30 Uhr




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