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Tagblatt Online, 04. September 2009 01:00:57

Turmgeschichten (21)

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(Bild: Bilder:Hanspeter Schiess)

Der wohl edelste und wertvollste aller Türme dieser Stadt dürfte dieser hier sein. Zwar steht er im Schatten und fast ein bisschen verdrückt in der Ecke hinter der östlichen Fassade der Kathedrale, aber nichtsdestotrotz atmet er den Duft grosser geistlicher und weltlicher Geschichte.

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Bischof Markus Büchel, der gleich zwei Etagen des Turmes (Wohnnische und Schlafzimmer) im ältesten Teil des Klosters (um 1660) bewohnt, begegnet ihr in einem Blickradius von 360 Gad.

Über sich im Turm die vergoldete Dreifaltigkeit, im angrenzenden Empfangsraum ausladende Decken- und Wandgemälde. Öffnet er das Fenster zur Nordseite hin, kann er den Archäologen zusehen, die mit dem Ausgraben von alten Wassergräben beschäftigt sind. Auf Fensterhöhe blickt er den Heiligen in Sandstein gemeisselten Maurizius und Desiderius in die Augen.

Mauritius war der Legende nach der Anführer der Thebäischen Legion, welche sich geweigert haben soll, gegen die Christen zu kämpfen. Er gilt in der römisch-katholischen Kirche seit dem 4. Jahrhundert als Schutzheiliger des Heeres, der Infanterie, der Handwerker, die mit «dunkler Farbe» umgehen, und der Pferde. Desiderius war wahrscheinlich Bischof von Rouen oder eventuell auch von Rodez. Auf der Rückreise von einer Wallfahrt nach Rom soll er von Räubern getötet worden sein.

Über den beiden Häuptern ein ebenfalls in Stein gemeisseltes Bildnis der Muttergottes, einen güldenen Sternenkranz ums Haupt gewunden.

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Wie lebt es sich umgeben von so vielen Gleichnissen, Legenden, Allegorien, Heiligen und Verehrten; Tür an Tür mit Staat und Kirche, deren Wege sich in den Gängen der Bischofswohnung praktisch kreuzen? Bischof Büchel sagt, «ausgezeichnet», sofern er überhaupt Zeit und Musse habe, seine «private Dienstwohnung mit öffentlicher Funktion» zu nützen.

Arbeit und Freizeit gehen in seinem 7-Tage-Beruf Hand in Hand; viele Empfänge, Apéros, Sitzungen finden in diesen Räumen statt, wo er gemeinsam mit seiner Schwester lebt. Trotz der augenfälligen Historizität des Ortes wolle er diesen nicht als Museum verstanden wissen, sondern als ein Stück gelebten, belebten und stimmungsvollen Alltags.

Sein Vorgänger Ivo Fürer habe einmal während einer Führung durch den nebenan liegenden Trakt einen Schüler die Vermutung äussern gehört, der Bischof bleche für diese Gemächer bestimmt einen zünftigen Zins.

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Wertvoll sei ihm – ausserhalb der Festspielzeit, wenn der Platz für mehrere Monate für «Kunst und Sponsoring» belegt sei – der hier vorhandene «direkte Anschluss» ans Leben draussen: der Klosterplatz liegt zu seinen Füssen. Hier ab und zu am Fenster zu stehen und die Menschen zu beobachten, das hole ihn von allen Himmelsleitern zurück auf den Erdenboden.

Manchmal erlebe er Paare, die sich mitten in der Nacht unter seinem Fenster lauthals streiten, ein andermal entdecke er – dies jeweils ganz besonders zu seinem Amüsement, gesteht er schmunzelnd – Bekannte, die scheinbar völlig unbeobachtet über den Platz schlenderten. Oft trete er mangels eines Gartens hinaus auf den Platz, gehe gern nochmals durch die Gassen, Richtung Vadian, der ihm von hier ja auch noch knapp zuwinken könne.

«nit weiss ich was ursachen», sagte dieser, als Abt Diethelm als erster die bis anhin fürstäbtlichen Gemächer verschmähte und sich am Südrand des Hof «sim selbst ein lustig wonung» errichtete.

Brigitte Schmid-Gugler





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