Tagblatt Online, 13. September 2008 01:05:37
The great Bill
Im Kinok feierte der Dokumentarfilm über Max Bill in Anwesenheit des Machers Premiere
Fachleute in Sachen Max Bill: Der Filmemacher Erich Schmid und die Kunsthistorikerin Angela Thomas. (Bild: Bild: Michel Canonica)
ST.GALLEN. Zur Premiere des Films «Bill – das absolute Augenmass» waren der Regisseur Erich Schmid und Max Bills Witwe Angela Schmid Thomas im Kinok zu Gast.
Brigitte Schmid-Gugler
Eine nicht ganz alltägliche Konstellation: Mann trifft Frau, Mann stirbt, Frau trifft neuen Mann, Mann und Frau verlieben sich und widmen sich fortan gemeinsam der Geschichte und des Werks des Verstorbenen. So geschehen in der Vita von Angela Schmid Thomas und Erich Schmid. Erstere war während zwanzig Jahren Max Bills Lebenspartnerin und für die letzten drei Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1994 dessen dritte Ehefrau. Der Schriftsteller und Filmemacher Erich Schmid traf die Kunsthistorikerin, mit der er seit zehn Jahren verheiratet ist, in einer Zeit, als er selber um den Verlust eines nahen Freundes trauerte. «Am Anfang unserer Bekanntschaft haben wir ganz viel über unsere Toten geredet», erzählt Angela Thomas, die mit ihrem Mann in dem von Max Bill erbauten Haus in Zumikon lebt, umgeben von dessen Geist und Werk.
Vielschichtiger Mensch
Wie kann ein Paar in dieser stark vom Künstler geprägten Atmosphäre Autonomie finden? Vielleicht gerade in der Form der Offensive, des Eintauchens, der absoluten Zuwendung, die in der Hommage an den Menschen und Künstler ihren Niederschlag findet. «Bill war für die Schweiz so wichtig wie Picasso für die Welt», sagt Erich Schmid ganz unbescheiden; er hat den 90 Minuten dauernden Dokumentarfilm so angelegt, dass diese Aussage ins rechte Licht gerückt wird.
Nun sitzen sie zusammen auf dem Podium vor den gut besetzten Zuschauerreihen auf sogenannten Ulmer Stühlen, ein von Max Bill während dessen Zeit als Leiter der berühmten Ulmer Schule entworfenes Modell. Ein leichtes, seinem Sinn für Ästhetik entsprechendes Design mit einer Kreuzzarge unter der Sitzfläche, die diese schwebend erscheinen lässt. Kein Wunder kommen die Eames im Film vor, überhaupt kein Wunder, dass Grössen dieser Welt aus den Sparten Design, Architektur, Kunst und Buchgestaltung genannt werden. Kandinsky, Klee, Sophie Taeuber-Arp (sie starb 1943 in Max Bills Haus an einer Kohlendioxidvergiftung) und viele mehr haben den aus Winterthur stammenden, ein Leben lang unter einem autoritären Vater leidenden Max Bill begleitet und beeinflusst. Doch was Angela Thomas ganz besonders Eindruck machte, war «seine Hinwendung zu ganz unterschiedlichen Menschen aus allen Schichten».
Präzises Farbempfinden
An der Premiere war auch Elisabeth Geiger anwesend, die sich stark für die St. Galler Aufführung engagiert hatte. Sie und ihr verstorbener Mann, der frühere HSG-Rektor und Regierungsrat Willi Geiger, hatten Max Bill in den 70er-Jahren in der Erker Galerie kennengelernt, wo dieser einige von Urban Stoob gedruckte Lithographien zeigte. Dieser erinnert sich an Bills präzises Auge für die Leuchtkraft des mit Farbe getränkten Lithopapiers. Obwohl auf einem Auge blind, habe er auf mehrere Meter Distanz sagen können: «Dieses Hellblau ist Ihnen aber ein bisschen verreist.» Und recht gehabt habe er auch noch.
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